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Afghanistan: Entweihter Koran löst Massenaufstand aus

Bei Zusammenstößen zwischen Polizisten und randalierenden Demonstranten sind in Afghanistan mindestens zwei Menschen ums Leben gekommen. Auslöser der Proteste war ein Bericht über US-Soldaten, die den Koran entweiht haben sollen.

In der ostafghanischen Stadt Dschalalabad zogen heute Hunderte Demonstranten durch die Straßen, zertrümmerten Auto- und Schaufensterscheiben und schleuderten Steine auf einen amerikanischen Militärkonvoi. Studenten liefen durch die Stadt und riefen "Tod für Amerika" und "Tod für Bush". Mindestens zwei Menschen kamen dabei ums Leben, etwa 40 weitere wurden verletzt.

"Ein heiliges Buch im Klo heruntergespült“

Auslöser der Proteste war ein Bericht des US-Magazins "Newsweek". Die Zeitschrift hatte darüber berichtet, dass US-Soldaten im Gefangenenlager Guantanamo Exemplare des Korans auf Toiletten gelegt habe sollen. In mindestens einem Fall sei "ein heiliges Buch im Klo heruntergespült" worden. Bislang wurde der Bericht nicht dementiert. Der Sprecher des US-Außenministeriums Tom Casey bezeichnete ein derartiges Verhalten als verwerflich und die Vorwürfe als ernstzunehmend. Das Pentagon bestätigte, dass das US-Bundeskriminalamt FBI Untersuchungen aufnehmen werde.

Die Proteste gegen die angeblichen Vorgänge gerieten zum Teil vollkommen außer Kontrolle. "Sie sind sehr wütend und über die ganze Stadt verteilt", sagte der afghanische Geheimdienstchef Sardar Schah über die Demonstrante. Afghanische Polizisten und US-Soldaten hätten versucht, die Lage unter Kontrolle zu bringen, "aber ich glaube, das ist unmöglich", sagte Schah weiter. Die Sicherheitskräfte hätten sogar Warnschüsse in die Luft abgegeben.

Der Mob hatte sich unter anderem auch Zutritt zu Einrichtungen der Vereinten Nationen verschafft. UN-Personal sei nach Angaben einer Sprecherin der Mission der Vereinten Nationen in Afghanistan nicht verletzt oder getötet worden. Randalierer hätten aber versucht, in das Unama-Gelände und das Gästehaus des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Dschalalabad einzudringen. Auf dem Gelände des UN-Kinderhilfswerks Unicef seien zwei Fahrzeuge in Brand gesteckt worden. Augenzeugen berichteten, dass auch das pakistanische Konsulat von Demonstranten in Brand gesetzt worden sei. Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf ist ein enger Verbündeter der US-Regierung im Anti-Terror-Kampf.

Afghanen demonstrieren in Hamburg gegen Abschiebung

Doch nicht nur die US-Regierung zieht zurzeit den Zorn der afghanischen Bevölkerung auf sich. Seit heute mittag protestierten rund 2.000 Mitgliedern der afghanischen Gemeinde Hamburgs gegen die drohende Abschiebung von Landsleuten. Allerdings war der von Hamburgs Innensenator Udo Nagel für heute geplante bundesweite Start der Abschiebung von Afghanen in großem Stil zuvor gescheitert. Von zunächst sechs allein stehenden jungen Männern, die zwangsweise die Hansestadt verlassen sollten, werde nur ein inhaftierter Straftäter ausgeflogen, sagte ein Sprecher der Innenbehörde. Der Kriminelle hätte auch ohne die seit dem 1. Mai geltende Aufhebung des bundesweiten Abschiebestopps für Afghanen ausreisen müssen. Von den fünf Weiteren hätten vier Asyl- oder Petitionsanträge gestellt. Bis zur Klärung der Anträge dürfen sie nicht abgeschoben werden. Ein Fünfter habe überraschend die Heirat mit einer Deutschen angekündigt und darf ebenfalls bleiben. Rund 3.000 in Hamburg lebende Afghanen sind nach Behördenangaben derzeit grundsätzlich ausreisepflichtig.

DPA/AP / AP / DPA