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Alex Jones vs. Piers Morgan Der Waffen-Narr


Ein 38-Jähriger ist der Wortführer der US-Waffenfreaks. Sein Name: Alex Jones. Sein Ziel: Erhalt der Waffenfreiheit. Seine Kampfmittel: Beschimpfung und Verleumdung.
Von Thomas Schmoll

Alex Jones wäre nicht Alex Jones, hätte er nicht sofort eine Verschwörungstheorie zur Hand. Kaum hat er das New Yorker CNN-Studio nach einem in vielerlei Hinsicht denkwürdigen Gespräch mit Star-Moderator Piers Morgan verlassen, wittert er ein Komplott mit dem Ziel, ihn, den selbsternannten "innenpolitischen Wachhund" Amerikas, aus dem Weg zu räumen. In einer Videobotschaft spricht er von einem Undercover-Polizisten mit "Gewalt in den Augen", der ihn habe umbringen wollen. "Das war super-gruselig." Die Urheber des versuchten Anschlags seien "klar" Leute von New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg gewesen: Polizisten oder Mafiosi. "Ich fürchte mich nicht vor euch", stellt Alex Jones klar. "Ich kam hierher und sprang eurem Rotrock-Eindringling-Henker ins Gesicht und sagte ihm, fahr zur Hölle."

Mit "euch" meint er seine Feinde. Das sind all die Leute, die den Privatbesitz von Waffen aller Art einschränken oder ganz verbieten wollen, weil sie genug von Massakern an Schulen und öffentlichen Plätzen haben. Allen voran Piers Morgan. Ihm schleudert Alex Jones offen seinen Hass entgegen. Der 38-Jährige ist der Wortführer der inzwischen mehr als 100.000 Pumpgun-Liebhaber, die die Petition an die US-Regierung unterzeichnet haben, den CNN-Star in seine britische Heimat zu schicken. Für ihn ist Piers Morgan die Inkarnation des Bösen. "Du bist der Henker der neuen Weltordnung. Und ich bin derjenige, der dir das sagt." Alex Jones hält es für ein Unding, dass "ein Rotrock uns erklärt, was wir tun sollen". Rotrock (Redcoat) wurden die Soldaten der britischen Kolonialmacht im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg genannt.

Lebendig gewordenes Hirngespinst

Alex Jones ist ein lebendig gewordenes Hirngespinst. Er lebt Tag für Tag seinen Verfolgungswahn. Dass er der CNN-Hölle und Bloombergs Vasallen wieder einmal entkommen ist, führt zu keinem Innehalten oder gar Umdenken. Für Alex Jones existiert nur seine Welt, eine, in der "totalitäre Regierungen und Megabanken" kurz davorstehen, "den Planeten zu kontrollieren". Der 38-jährige Journalist wittert permanent und überall geheime Zirkel und Komplotte gegen ihn und alle anderen Amerikaner, die so ticken wie er. Er verabscheut das politische Establishment, egal ob Demokraten oder Republikaner, Massenmedien und natürlich die Finanzindustrie. Das sind für ihn Verschwörer, die die USA ins Verderben stürzen wollen. Jones ist sich absolut sicher, dass die Regierung die Anschläge vom 11. September 2001 angeordnet habe. Wenn Alex Jones als Dokumentarfilmer unterwegs ist, haut er vor linksgerichteten Demonstranten schon mal auf den Putz: "Ich habe Geoge Bush dafür bloßgestellt, dass er 9/11 hat durchführen lassen."

Um den Niedergang Amerikas aufzuhalten, zog Jones vor Jahren in den medialen Krieg. Sein Blog Infowars.com; ist Tummelplatz für alle US-Bürger, die ihre Schrotflinten mit ins Bett nehmen und wie er Abtreibung als Mord begreifen. Das Internetportal hat ein Millionenpublikum, vor allem jetzt, wo der Mann mit dem starken Ami-Slang die Speerspitze der Bewegung bildet, die verhindern will, dass das amerikanische Volk "für hinterhältige Zwecke entwaffnet wird". Meist trägt er seine Botschaften mit Inbrunst vor.

Jones Wutauftritt bei Pears Morgan

Alle, die kürzlich "Piers Morgan tonight" sahen, konnten live erleben, wie leidenschaftlich der 38-Jährige sein kann - aber eben auch wie durchgeknallt. Der Gastgeber sagte nur wenige Sätze. Er kam einfach nicht zum Reden. Alex Jones zeigt, dass er nicht zu stoppen ist. Nach der ersten, gut dreiminütigen Tirade legt der Waffenfanatiker eine Verschnaufpause ein. Der Moderator fragt: "Bist du fertig?" Jones erwidert: "Klar, bin ich fertig" - um dann wieder ohne Luft zu holen zu reden. "Die Republik wird wieder auferstehen, wenn ihr versucht, unsere Waffen zu nehmen." Das Recht auf Pistolen und Gewehre sei nicht zur "Entenjagd" geschaffen worden. "Es existiert, um uns vor der tyrannischen Regierung und Straßenschlägern zu schützen."

Täglich brennende Städte in Großbritannien?

Das knapp viertelstündige Gespräch dreht sich um einen einzigen Vergleich: Wie viele Menschen wurden vergangenes Jahr in den USA erschossen und wie viele in Großbritannien? Jones gibt die Zahl für sein Heimatland richtig an: 11.458. Morgan: Und in Großbritannien? Der Gast stellt eine Gegenfrage: "Wie viele Menschen starben in den USA an Infektionen in Krankenhäusern?" Etwa 197.000, antwortet er selbst. Morgan erinnert an seine Frage. Jones: "Wie viele Menschen sterben jedes Jahr durch Attacken eines Weißen Hais?" Morgan hakt nach. Jones: "Wie viele Schimpansen können auf dem Kopf einer Stecknadel tanzen?" Oder auch: "Warum wurdest du wegen Veröffentlichung erfundener Geschichten gefeuert?"

Endlich - nach einigen Appellen des Moderators zu diskutieren ("come down") - antwortet Jones: "Ich sagte bereits, dass England eine geringere Rate Schusswaffenkriminalität hat, weil (den Bürgern) alle Waffen genommen wurden. Aber ihr habt Horden von Leuten, die tagtäglich Städte niederbrennen und alten Frauen die Schädel einschlagen." Morgan entfährt ein kurzes "lächerlich". Er nennt die korrekte Zahl für Großbritannien und fragt Alex Jones: "Begreifen Sie den Unterschied zwischen 11.000 und 35?" Der Waffenfanatiker lässt sich auf keine Debatte ein. Er blafft: "Mein Gott, ihr seid ein totaler Polizeistaat, alle Mann fliehen deshalb aus dem Land." Morgan sei ja auch abgehauen, um einer Strafe für den britischen Medien-Abhörskandal zu entgehen.

"Das war die beste Werbung für schärfere Waffengesetze, die man sich wünschen kann", sagt Morgan später über das Gespräch. "Diese Art von Giftigkeit, Hass und Fanatismus ist wirklich ziemlich beängstigend. Ich fühlte mich nicht bedroht von ihm, aber ich bin besorgt darüber, dass jemand wie er dieses Ausmaß an Einfluss hat." Der prominente Anwalt und Harvard-Rechtsprofessor Alan Dershowitz befindet über Jones: "Du musst ihn nur erleben und du sagst zu dir selbst: Ich will nicht, dass dieser Mann eine Waffe hat."

Aufforderung zum Boxkampf

Das Weiße Haus lehnte es ab, Piers Morgan abzuschieben. Freie Meinungsäußerung und das Recht auf Waffenbesitz, das die Regierung von Barack Obama ja keinesfalls abschaffen will, sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Beide haben Verfassungsrang - und daran dürfe und werde sich nichts ändern. Ein Sprecher Obamas forderte alle US-Bürger auf, "sich daran zu erinnern, dass Meinungsfreiheit ein Fundament unserer Demokratie ist".

Ein Angebot zum nochmaligen Austausch der Standpunkte hat Piers Morgan schon erhalten. Von Alex Jones. "Triff mich wieder im Boxring und ich werde in rot, weiß und blau (gemeint sind die Farben der amerikanischen Flagge - die Red.) und du in der Piratenflagge gekleidet sein."


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