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Interview mit Kreml-Kritiker "Du weißt, du stirbst": Nawalny spricht über den Giftanschlag und macht Putin verantwortlich

Sehen Sie im Video: "Er wird stark bewacht" – Nawalny-Vertrauter über die Gefahr weiterer Mordanschläge. Videoquelle: ntv.de
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Nach seiner Vergiftung hat der Kreml-Gegner Alexej Nawalny in einem "Spiegel"-Interview den russischen Präsidenten Wladimir Putin für die Tat verantwortlich gemacht. Nach Russland will er trotz allem zurückkehren.

In seinem ersten großen Interview nach dem Giftanschlag auf ihn hat der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny den russischen Staatschef Wladimir Putin für die Tat verantwortlich gemacht. "Ich behaupte, dass hinter der Tat Putin steht", sagte Nawalny in einem Interview mit dem "Spiegel", das am Donnerstag veröffentlicht wurde. Der Oppositionelle äußerte tiefe Dankbarkeit für Deutschlands Hilfe und kündigte seine spätere Rückkehr nach Russland an.    

"Andere Versionen des Tathergangs" als eine Verantwortung Putins sehe er nicht, sagte Nawalny über den Giftanschlag. In dem "Spiegel"-Interview äußerte er seine "riesige Dankbarkeit allen Deutschen gegenüber". Er sei Deutschland nie eng verbunden gewesen, er kenne hier niemanden. Doch nun hätten ausgerechnet deutsche Politiker und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sein Leben gerettet.     

"Du fühlst keinen Schmerz, aber du weißt, du stirbst"

Die Ärzte der Charité hätten sein Leben ein zweites Mal gerettet und ihm seine "Persönlichkeit zurückgegeben". Nawalny sagte: "Ich weiß, das klingt jetzt etwas pathetisch, aber Deutschland ist für mich ein besonderes Land geworden." Er schilderte einen Besuch Merkels an seinem Krankenbett vergangene Woche: "Mich hat beeindruckt, wie genau sie Russland kennt und meinen Fall."    

Nawalny sagte, es gehe ihm "viel besser als noch vor drei Wochen, und mit jedem Tag wird es besser". Die Ärzte sagten, er könne zu 90 Prozent wiederhergestellt werden, vielleicht sogar zu 100 Prozent, aber so richtig wisse das niemand.

"Im Grunde bin ich so etwas wie ein Versuchskaninchen – es gibt ja nicht so viele Leute, denen man zusehen kann, wie sie nach der Vergiftung mit einem Nervenkampfstoff weiterleben", sagte der 44-Jährige. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus am 22. September benötigt Nawalny allerdings noch eine längere Reha-Therapie.    

Nawalny beschrieb den Moment, als im Flugzeug die Vergiftung einsetzte: "Du fühlst keinen Schmerz, aber du weißt, du stirbst. Und zwar jetzt sofort. Dabei tut dir gar nichts weh." Man verstehe einfach: Das sei das Ende. "Organophosphate greifen dein Nervensystem an wie eine DDos-Attacke den Computer - das ist eine Überlastung, die dich kaputtmacht."    

"Ich behaupte, dass hinter der Tat Putin steht, und andere Versionen des Tathergangs habe ich nicht", sagte Nawalny. Trotz des Anschlags auf sein Leben will er nach Russland zurückkehren. "Meine Aufgabe ist jetzt, der Typ zu bleiben, der keine Angst hat. Und ich habe keine Angst! Wenn meine Hände zittern, dann nicht vor Furcht, sondern von diesem Zeug. Das Geschenk, nicht nach Russland zurückzukehren, werde ich Putin nicht machen."    

Die Frage, ob Deutschland das Pipelineprojekt Nord Stream 2 stoppen sollte, wollte Nawalny nicht beantworten: "Das ist Deutschlands Angelegenheit. Entscheidet selbst!" Jede Russland-Strategie müsse "das Stadium des Wahnsinns in den Blick nehmen, das Putin erreicht hat".  

Russische Regierung weist Vergiftung zurück

Nawalny war am 20. August auf einem Flug vom sibirischen Tomsk nach Moskau zusammengebrochen. Zwei Tage später wurde er auf Drängen seiner Familie und seiner Unterstützer zur Behandlung in die Berliner Universitätsklinik Charité gebracht; in Deutschland wurde eine Vergiftung mit einem chemischen Nervenkampfstoff aus der Nowitschok-Gruppe festgestellt. Labore in Frankreich und Schweden bestätigten diesen Befund eines Bundeswehrlabors.    

Die russische Regierung weist den Verdacht zurück, staatliche russische Stellen könnten Nawalny gezielt vergiftet haben. Der Fall hat für erhebliche Spannungen zwischen Berlin und Moskau gesorgt. Die Bundesregierung erwartet, dass bei dem am Donnerstagnachmittag beginnenden EU-Gipfel die Mitgliedstaaten den Giftanschlag auf den bekannten russischen Oppositionellen gemeinsam verurteilen.

fs / tkr AFP

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