Ali Husseini al Sistani Der scheue Großajatollah

Ajatollah al Sistani gehört zu den mächtigsten Männern im Irak. Beharrlich und öffentlichkeitsscheu baut der schiitische Geistliche seinen Einfluss aus – und wehrt sich hartnäckig gegen die US-Pläne zur Ernennung eines Nationalrats.

Großajatollah Ali Husseini al Sistani verbringt seine Tage nicht in den Sitzungen des provisorischen Regierungsrats in Bagdad. Ein Treffen mit dem US-Zivilverwalter Paul Bremer hat er bislang abgelehnt. Der 73 Jahre alte Geistliche mit dem langen weißen Bart sitzt lieber in einem unmöblierten Zimmer seines Hauses in Nadschaf auf einer Matratze und diskutiert mit schiitischen Glaubensbrüdern theologische Fragen. Trotzdem ist der Ajatollah als Oberhaupt des schiitischen Klerus im Irak mit dem Ruf eines aufrechten, unbestechlichen Geistlichen wohl mächtiger als die meisten Politiker des Landes, die momentan in Bagdad zusammen mit den Amerikanern das Sagen haben.

Fatwa als politisches Instrument

Denn ca. 60 Prozent der 23 Millionen Iraker sind Schiiten, für die meisten ist der Großajatollah die oberste religiöse als auch politische Autorität. Sein politisches Instrument, das er wirkungsvoll einsetzen kann, ist die Fatwa, das islamische Rechtsgutachten, das von den gläubigen Schiiten als allgemein verbindliches Recht akzeptiert wird.

Als er seine Glaubensbrüder nach dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein durch die US-Armee aufrief, vorerst keinen bewaffneten Widerstand gegen die Besatzungsmacht zu leisten, folgten sie ihm. Auch sein hartnäckiger Protest gegen die Prozedur zur Ernennung eines provisorischen Nationalrats im kommenden Juni, die amerikanische Besatzer mit dem Regierungsrat ausgehandelt haben, zeigt durchschlagende Wirkung. So gingen in Basra und in Bagdad Zehntausende Schiiten auf die Straße und forderten allgemeine Wahlen noch in diesem Jahr. Damit will der stille Mahner aus Nadschaf eine der Bevölkerungszusammensetzung entsprechende schiitische Dominanz in der neuen Staatsführung sowie den islamischen Charakter des Staates sicherstellen.

Sein Wort verbreitet sich rasend schnell

Damit setzt er die Allierten unter Druck. Denn sollten sie seinen Forderungen nicht entgegenkommen, die zukünftige irakische Regierung, die eine Verfassung ausarbeiten soll, wählen zu lassen, könnte Sistani seine bisherige Zurückhaltung und Kooperationsbereitschaft aufgeben. Er könnte den Besatzungsmächten ihr Präsenzrecht aberkennen und eine Fatwa erlassen, die von den Amerikanern ohne Wahlen ernannte Übergangsregierung nicht anzuerkennen. Dann würde der Irak noch instabiler werden als er es bereits ist.

Das Misstrauen gegen die Amerikaner und den von ihnen eingesetzten Regierungsrat ist unter den gläubigen Schiiten groß. Ein Wort des öffentlichkeitsscheuen Sistani, und die Nachricht verbreitet sich rasend schnell. Studenten sind sofort unterwegs, um das Wort der geistigen Autorität zu verbreiten. Die Prediger in den Moscheen und den theologischen Seminaren bringen sie zu den Gläubigen. Bald ist es Straßengepräch Nummer eins.

"Koranstudium im Alter von fünf Jahren begonnen"

Geboren wurde El Sistani 1930 im iranischen Mesched. Er entstammt einer Familie bekannter Religionsgelehrter. In seiner offiziellen Biografie heißt es: "Seine Eminenz begann im Alter von fünf Jahren mit dem Koranstudium". Dass der Großajatollah aus Iran stammt, hat der junge Schiitenprediger Muktada el Sadr als Argument benutzt, um die Autorität des älteren Rivalen in Zweifel zu ziehen, allerdings ohne großen Erfolg.

Als junger Mann kam Sistani nach Nadschaf. Er kennt die Geschichte der irakischen Schiiten genau. Er weiß, dass sie in den zwanziger Jahren des verganenen Jahrhunderts die Rebellion gegen die britische Mandatsmacht anführten. Er hat auch nicht vergessen, dass die Amerikaner im Golfkrieg 1991 die Schiiten erst im Kampf gegen Saddam benutzten, um sie dann fallen zu lassen. Es folgten brutale Vergeltungsmaßnahmen von Saddams Schergen. Tausende von Glaubensbrüdern verloren ihr Leben.

Schiiten als Bürger zweiter Klasse

Das von Sunniten dominierte Regime von Saddam Hussein hatte die Schiiten einst zu Bürgern zweiter Klasse gemacht und viele ihrer wichtigsten Geistlichen getötet, darunter auch den Vater von Muktada el Sadr. Auf den radikalen Prediger und Konkurrenten um die geistige Führerschaft der irakischen Schiiten wirkt er mäßigend ein, obwohl dessen ermordeter Vater ein alter Rivale war.

Ob er dem Wunsch seiner Anhänger entsprechen kann, letztendlich einen lockeren Dreistaatenbund zu schaffen mit den Kurden im Norden, den Sunniten um Bagdad herum und den Schiiten im Süden, bleibt abzuwarten. Das scheint aber eine realistische Perspektive zu sein. Nicht wenige Experten sind der Meinung, dass es ohne amerikanische Besatzung zu einem Bürgerkrieg kommen würde. Aber Sistani ist keiner, der wie Ajatolloah Chomeini im Iran 1979 die Massen aufpeitscht, obwohl er ihm sehr ähnlich sieht.

Leben unter Hausarrest

Ali al Sistani selbst lebte mehrere Jahre lang in Nadschaf unter Hausarrest. Bis heute geht er nicht häufig aus dem Haus. Die Tatsache, dass er die Trennung von Religion und Staat befürwortet, hatte die US-Regierung zunächst sehr für ihn eingenommen. Welche Vorstellungen er von einem zukünftigen Irak tatsächlich hat, ist nicht ganz klar. Al Sistani strebt - wohl - keine Theokratie nach iranischem Muster an, aus der Politik hält er sich aber nicht raus. Kürzlich warnte er die Amerikaner vor noch mehr Terror im Irak, falls sie ihre Politik nicht ändern würden. Unklar blieb, ob die Aussage als Sorge oder gar als Warnung verstanden werden soll.

Anne-Beatrice Clasmann und Tim Schulze DPA

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