Analyse Weltpolitik bei den Cowboys


Mit ihrem Besuch auf der Ranch von US-Präsident Bush geht für Bundeskanzlerin Merkel ein Traum in Erfüllung. Ausgiebig genießen kann sie das kaum: Es geht um brenzlige Themen wie den Iran oder die US-Raketenabwehrpläne. Und von zu Hause aus beobachtet ihr Außenminister sie scharf.
Von Stefan Braun

Crawford, Texas, tief im Westen der Vereinigten Staaten. Hier sind Cowboys und Rindviecher zuhause. Hier liegt die private Ranch von George W. Bush. Hierher wollte Angela Merkel seit langem. Jetzt ist es soweit, am Freitag und Samstag wird die deutsche Kanzlerin mit Ehemann Joachim Sauer den US-Präsidenten in seiner privaten Welt besuchen. Doch was lange gedauert hat, muss nicht unbedingt schön werden. Aus einem entspannten Privatissime dürfte kaum etwas werden. Zu drängend sind die Probleme um das iranische Atomprogramm, die US-Raketenabwehrpläne und den Kosovo.

In der Öffentlichkeit wird ihre Visite häufig als Antwort auf Bushs Besuch im mecklenburgischen Trinwillershagen betrachtet. Tatsächlich aber ist Merkels Wunsch viel älter als Bushs Ostseevisite vor anderthalb Jahren.

Als sie das erste Mal davon sprach, klang es wie ein Besuch im Allerheiligsten. Damals, im März 2003. Merkel, noch lange nicht Kanzlerin, saß in der Bar eines Washingtoner Hotels beim Wein und sprach über Bush, damals gerade eben noch kein Kriegsherr im Irak. "Eine Einladung nach Crawford - ja, das wärs", räumte die deutsche Oppositionsführerin spätabendlich und fast flüsternd ein. Es war die Zeit, als Merkel noch ziemlich unkritisch auf die USA schaute, auf Bush und auf Guantanamo. Es war die Zeit, als Bush Merkel noch nicht mal in Washington empfangen wollte.

Trinwillershagen war eine Geste

Mittlerweile liegen die Dinge anders. Merkel hat sich zu einer veritablen Außenpolitikerin gewandelt - und ist für Bush eine Partnerin in Europa geworden. Um das zu erreichen, hat sie dem Amerikaner mal die Harke gezeigt und mal ihre Gastfreundschaft. Sie ist es gewesen, die ihn kurz nach Amtsantritt deutlicher als alle anderen deutschen Politiker wegen Guantanamo kritisierte. Und sie war es auch, die ihn im Sommer 2006 mit Wildschwein und schönem Wetter bewirtete, als ihm innen- wie außenpolitisch das Wasser bis zum Hals stand. Trinwillershagen war eine Geste, die bei ihm mehr Vertrauen schuf als es tausend Worte je hätten bewirken können. Crawford kommt zu einer Zeit, in der Merkel dieses Vertrauen nutzen möchte.

Da ist zuallererst das Problem Iran. In Berlin wächst die Sorge, dass ein Angriff auf das Land oder auch nur eine kurze Attacke auf bestimmte iranische Einrichtungen nicht mehr eine Frage des Ob, sondern nur noch des Wann sein könnte. So klar Merkel in ihrer Kritik an der iranischen Führung und ihren Atomplänen ist - eine solche Attacke muss sie fürchten. In Deutschland gäbe es dafür nur wenig Unterstützung. Prompt geriete sie wie einst während des Irakkriegs in die Zwickmühle zwischen ihrer Solidarität zu den USA und einer sehr kriegskritischen Bevölkerung. Kein Szenario, mit dem sich die Kanzlerin anfreunden könnte. Abgesehen davon, dass niemand wirklich vorherzusagen vermag, wie Russland und China ein Vorpreschen Amerikaners zur Bildung von Sonderbeziehungen zu Teheran nutzen würden.

Innenpolitische Sprengsätze

Kaum weniger problematisch sind die amerikanischen Raketenabwehrpläne. In Europa herrscht noch immer der Eindruck vor, Bushs Regierung handele in dieser Frage eher egoistisch denn wie ein Bündnispartner. Beharrt Bush auf seinem Weg, hätten in Deutschland die Sozialdemokraten ein Thema. Zumal Außenminister Frank-Walter Steinmeier seit dem SPD-Parteitag von Hamburg angriffslustiger geworden ist gegenüber einer Kanzlerin, die in diesem Jahr besonders heftig gewildert hat auf Steinmeiers Außenpolitikwiese.

Und dann ist da der Kosovo. In Berlin, aber auch anderswo in Europa wächst nach den bis jetzt ewig erfolglosen Verhandlungen die Angst vor einer baldigen Unabhängigkeitserklärung der Albaner. Dann nämlich droht ein gefährlicher Konflikt mit den Serben - und die Bundeswehr geriete unmissverständlich zwischen die Fronten. Eine gefährliche neue Rolle für deutsche Soldaten auf dem Balkan. Verhindern können das derzeit vor allem die Amerikaner, solange sie einem unabhängigen Kosovo die Anerkennung verweigern. Es wird in Crawford sicher gutes zu essen geben. Merkels Konzentration wird trotzdem ganz woanders liegen.


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