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Washington, Riad oder doch Gülen?: Attentat auf russischen Botschafter: Vier Theorien zum Mord in Ankara

Am Montag ermordete ein Elitepolizist den russischen Botschafter in Ankara. Auch der Attentäter wurde erschossen. Doch wer waren die Drahtzieher des Anschlags? Gerade mal 90 Minuten dauerte es, bis ein erster Verdacht gestreut wurde.

Nach dem Attentat auf den russischen Botschafter in Ankara werden die Hintermänner gesucht

Nach dem Attentat auf den russischen Botschafter in Ankara sucht ein gemeinsames Ermittlerteam beider Länder nach den Hintermännern der Tat

An die 20 mal feuerte Mevlüt Mert Altintas seine Pistole ab. Elf Kugeln trafen den russischen Botschafter in den Rücken. Andrej Karlow wurde am Montag Opfer eines Attentats. Einer der wichtigsten Diplomaten in der Türkei: ermordet. Ausgerechnet von einem Polizisten und das mitten im Herzen der türkischen Hauptstadt. War es die Tat eines einzelnen Radikalen? Nein, sagen viele. Zu symbolträchtig der Ort, zu symbolträchtig der Zeitpunkt. Ein Attentat kurz nach dem Fall Aleppos und einen Tag vor der Syrien-Konferenz Russlands sieht tatsächlich nur wenig nach einem Zufall aus. In Moskau und Ankara glaubt kaum jemand noch daran.

Und so hat die Suche nach den Hintermännern der Tat längst begonnen. "Wir müssen wissen, wer die Hand des Mörders geleitet hat", sagte Putin noch am Montagabend. Vier Theorien stehen dabei im Mittelpunkt der Spekulationen. Dabei zeichnet sich vor allem eine Tendenz ab: Jeder sagt das, was ihm am meisten nützt.  

Provokation aus Washington?

"Das Attentat nützt denjenigen, die einen Keil zwischen Russland und der Türkei treiben und verhindern wollen, dass sich das russisch-türkische Verhältnis normalisiert", hieß es nur wenige Stunden nach Karlows Tod aus dem Kreml. Namen wurden natürlich keine genannt. Doch dies ist auch nicht notwendig. Denn genauso wie in Washington Moskau gerne für alle Übel dieser Welt verantwortlich gemacht wird, führt man in Moskau gerne Washington als den Inbegriff des Bösen vor. "Der Mord an Andrej Karlow nützt vor allem den Kreisen in Washington, die an einer Zusammenarbeit mit Russland zur Lösung der Syrien-Krise nicht interessiert sind", sagte der Politologe und Amerikanistik-Experte Wiktor Olewich der Zeitung "Komsomolskaja Prawda".

Auch der Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses der russischen Staatsduma, Aleksej Puschkow, vermutete eine Provokation. "Diejenigen, die diesen Terroranschlag geplant und durchgeführt haben, wollten natürlich die russisch-türkischen Beziehungen beschädigen", behauptete der Politiker. Und das zu einem Zeitpunkt, wo sich das Verhältnis zwischen beiden Ländern, das nach dem Abschuss eines russischen Jets an der türkisch-syrischen grenze im November 2015 radikal verschlechtert hatte, sich wieder stabilisierte.

Der Schreihals des Kremls, Wladimir Schirinowski, beschuldigte unterdessen ganz offen den Westen an dem Attentat. "Der Westen versucht einen Streit zwischen uns zu provozieren", sagte er gegenüber dem Nachrichtenportal "Life".  Zuerst habe man versucht das Verhältnis zu Deutschland zu untergraben, nun eben zur Türkei. "Alle Konflikte wurden von Großbritannien konstruiert", will der Skandalpolitiker, der als Hofnarr von Putin gilt, wissen. "Sicherlich war es ein Versuch, den Besuch Erdogans zu verhindern", mutmaßte Schirinowski. Der türkische Staatschef will im Januar nach Moskau reisen. 

Die langen Finger des Predigers Fethullah Gülen?

Nach dem Mord an Karlow waren 90 Minuten vergangen, als Ankaras Bürgermeister Melih Gökcek über Twitter den Verdacht streute, der Attentäter sei womöglich ein Anhänger von Fethullah Gülen gewesen. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu verkündete am folgenden Tag, dass die Bewegung des islamischen Predigers für den Anschlag verantwortlich sei. 

"Wir müssen herausfinden, was oder wer hinter diesem verräterischen, niederträchtigen Anschlag steckt. Und das werden wir gemeinsam schaffen", sagte er bei einem Treffen mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow in Moskau.

Erdogan macht den im Exil in den USA lebenden Gülen für den gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli verantwortlich. Seitdem geht die türkische Regierung mit aller Härte gegen sein Anhänger und andere vermeintliche Regierungsgegner vor. Offiziellen Angaben zufolge sollen seit dem Putschversuch 40.000 Verdächtige in Untersuchungshaft genommen worden sein. Zehntausende beamte wurden aus dem öffentlichen Dienst suspendiert.

Medienberichten zufolge wurde auch der Attentäter im Zug der Säuberungen entlassen, weil man ihm Verbindungen zu Gülen unterstellte. Für Erdogan ist er nun der perfekte Sündenbock. Liefert er ihm doch den perfekten Vorwand für weitere Säuberungen im Staatsapparat.  

Rache der syrischen Rebellen für Aleppo?

"Vergesst nicht Aleppo. Vergesst nicht Syrien", skandierte der Attentäter bei seinem Anschlag. "Wir sind diejenigen, die dem Propheten Mohammed Treue und dem Dschihad Treue schwören", rief er kurz bevor er sich selbst erschoss. Wörter, die auch syrische Extremisten rufen, wenn sie ins Gefecht ziehen.

Wenige Tage vor dem Mord am Botschafter war Aleppo an die syrischen Regierungstruppen, die von Russland unterstützt werden, gefallen. Die Türkei und Russland unterstützen im Syrien-Krieg gegnerische Parteien. In letzter Zeit haben sie sich bei dem Thema aber angenähert. Was den von Ankara unterstützten syrischen Rebellen nicht gefallen kann. 

"Man sollte sich vergegenwärtigen, dass Russland im syrischen Krieg offen den Präsidenten Baschar al Assad unterstützt. Daher verwandelt sich für seine Gegner jedermann, der im russischen Staatsdienst steht, in ein 'legitimes Ziel', egal ob Botschafter oder Fahrer", erklärte der Militärexperte Andrej Sarwen in einem Gespräch mit der "Komsomolskaja Prawda".

Den Angaben der Sprecherin des russischen Außenministeriums hat der ermordete Karlow Gespräche mit Vertretern der gemäßigten syrischen Opposition geführt, die aus Aleppo abzieht. Für diejenigen, die den Kampf weiterführen wollen, wäre er daher ein erstrebenswertes "Ziel", mutmaßt man in Moskau. 

Ein Komplott der Saudis?

Als möglicher Strippenzieher hinter dem Attentat dürfe den Angaben mancher Experten auch Saudi-Arabien nicht vergessen werden. Riad steht seit langem im Verdacht, den IS und andere islamistische Organisationen wie die Al Kaida zu unterstützen. Ein friedliches Syrien ist für das saudische Königshaus wohl nicht von Interesse. "Ich bin mir fast sicher, dass es die Saudis waren", sagte etwa der Präsident des Instituts für den Nahen Osten, Asien und Afrika, Jewgeni Satansowsky, gegenüber "Life". "Das ist die Rache für Aleppo." Seiner Meinung nach steckt Mohammed bin Salman, der saudische Vize-Kronprinz, hinter dem Anschlag. Die Eroberung Aleppos hätte seine Chance auf den Thron geschmälert. "Die Beseitigung des Botschafters, war das erste, was sie machen konnten", so Satansowsky.