Anschlag auf Metro in Moskau Die blutige Spur führt in den Nordkaukasus


Die Sprengsätze explodierten mitten im Berufsverkehr: In der Moskauer U-Bahn haben zwei Anschläge Dutzende Todesopfer gefordert. Die Behörden vermuten Extremisten aus dem Nordkaukasus dahinter.

Bei zwei Sprengstoffanschlägen in der Moskauer Metro sind am Montagmorgen mindestens 37 Menschen getötet worden, die Angaben über Verletzte schwanken zwischen 35 und 70. Die Sprengsätze explodierten im morgendlichen Berufsverkehr im Abstand von rund 45 Minuten an zwei verschiedenen Metro-Stationen, wie die Behörden mitteilten. Bei den Tätern habe es sich um Frauen gehandelt, sagte Moskaus Bürgermeisters Juri Luschkow. Die eine soll 18, die andere 20 Jahre alt gewesen sein.

Die erste Selbstmordattentäterin sprengte sich nach offiziellen Angaben um 7.56 Uhr Ortszeit (5.56 Uhr MESZ) am Bahnhof Lubjanka in einem voll besetzten Zug die Luft. Dabei sollen mindestens 23 Menschen getötet worden sein. Über dem Bahnhof liegt das Hauptquartier des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Der zweite Anschlag ereignete sich am Bahnhof Park Kulturi. Hier wurden mindestens 14 Menschen getötet. Die Selbstmordattentäterinnen hätten die Bomben bei sich getragen, sagte der Moskauer Staatsanwalt Juri Semin nach Angaben der Agentur Interfax. Es werde geprüft, ob sie über ein Mobiltelefon gezündet wurden.

Sicherheitskräfte entdeckten später eine weitere scharfe Sprengladung an der Haltestelle Park Kultury. Ein nicht detonierter Sprengstoffgürtel sei entschärft worden, meldete die Staatsagentur Ria Nowosti.

"So leben wir!"

Passagiere rannten nach den Explosionen weinend aus den Bahnhöfen auf die Straßen. "So leben wir!", rief ein aufgelöster Mann immer wieder. Die Polizei rief die Bevölkerung in der 10-Millionen-Metropole zur größten Wachsamkeit auf.

Die Anschläge sorgten für ein Verkehrschaos in der russischen Hauptstadt. Die Moskauer U-Bahn wird täglich von fast neun Millionen Menschen genutzt. Rettungsfahrzeuge versuchten, sich einen Weg durch die verstopften Straßen zu bahnen. Hubschrauber kreisten über den betroffenen Stationen.

Es waren die ersten Anschläge in der Moskauer Metro seit sechs Jahren. 2004 sprengte sich ein Untergrundkämpfer aus der Unruheregion im Nordkaukasus in der U-Bahn in die Luft und riss 40 Fahrgäste mit in den Tod.

"Der Krieg kommt in ihre Städte"

Bislang bekannte sich niemand zu den Attentaten. Der FSB machte islamistische Untergrundkämpfer aus der Konfliktregion Nordkaukasus verantwortlich. Ihre Handschrift sei klar erkennbar, hieß es. Nach Ansicht des US-Unternehmens IntelCenter, das auf die Beobachtung islamistischer Webseiten spezialisiert ist, deutet vieles darauf hin, dass die Gruppierung Kaukasus-Emirat des Tschetschenen Doku Umarow hinter dem Doppelanschlag steckt. Der Rebellenchef will im Nordkaukasus einen islamischen Staat errichten.

Umarow steckt nach eigenen Angaben auch hinter dem Anschlag auf einen Zug von Moskau nach Sankt Petersburg, bei dem vergangenen November 28 Menschen getötet wurden. Im Februar hatte er angedroht, die "Zone militärischer Operationen" werde auf das russische Territorium ausgeweitet. "Der Krieg kommt in ihre Städte." Regierungschef Wladimir Putin drohte den mutmaßlichen Hintermännern: Die "Terroristen" würden "gefangen und vernichtet" werden.

Sicherheitsmaßnahmen verschärft

Der russische Präsident Dmitri Medwedew ordnete nach den blutigen Anschlägen verschärfte Sicherheitsvorkehrungen im ganzen Land an. Auf allen Transportstrecken und auf den Flughäfen der russischen Hauptstadt wurden die Einsatzkräfte am Montag in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Zugleich kündigte der Präsident die Fortsetzung des harten Anti-Terror-Kurses an. "Wir werden unsere Operationen gegen die Terroristen ohne Kompromisse und bis zum Ende führen", sagte er nach Angaben der Agentur Interfax. Medwedew hielt eine Schweigeminute ab, die vom Staatsfernsehen übertragen wurde.

Medwedew forderte, die Wachsamkeit überall im Land zu erhöhen. Offenbar seien die bisherigen Vorkehrungen unzureichend gewesen, sagte der Kremlchef weiter. In der Vergangenheit hatte die russische Staatsführung Terroranschläge im Land immer wieder als Begründung für eine härtere Politik herangezogen.    

Der russische Präsident wies den FSB und die übrigen Sicherheitskräfte an, keine Destabilisierung im Land zuzulassen. Die jüngsten Terrorakte seien genauestens geplant gewesen, um die Situation im Land und in der Gesellschaft aus dem Lot zu bringen. Medwedew hatte nach der Vielzahl von Terroranschlägen in Russland in letzter Zeit immer wieder eine rigorose Jagd auf die Banditen gefordert, wie die Extremisten im offiziellen Sprachgebrauch heißen.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) verurteilte das Attentat. "Diese Anschläge in Moskau sind verabscheuungswürdig und durch nichts zu rechtfertigen", sagte der Minister. Deutsche waren nach seinen Angaben nicht unter den Opfern.

DPA/AFP/APN/Reuters DPA Reuters

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