Anschlag auf Metro in Moskau Die Rache der schwarzen Witwen


Der blutige Anschlag in der Moskauer U-Bahn zeigt vor allem eines: Gegen die Islamisten aus dem nördlichen Kaukasus ist die Regierung im Kreml machtlos - trotz aller scharfen Rhetorik.
Von Andreas Albes, Moskau

Der Kreml befindet sich im Krieg. Seine Gegner sitzen im Nordkaukasus. Sie sind radikale Islamisten. Zwar gibt es nach dem verheerenden Anschlag auf die Moskauer U-Bahn noch kein Bekennerschreiben. Doch die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es diese Islamisten sind, die hinter dem Angriffen vom Montag stecken.

38 Menschen starben und 64 wurden verletzt, als erst in der Metro-Station Lubjanka und rund 40 Minuten später am Park Kultury je eine Bombe explodierte. Nach bisherigen Ermittlungen waren die Täter Frauen, Selbstmordattentäterinnen, die das Dynamit um ihre Körper gebunden hatten. Sie mischten sich in der morgendlichen Rush-Hour unter die Passagiere und zündeten die 1,5 und drei Kilogramm schweren Sprengsätze in den Waggons. Inzwischen wurde in der Station Park Kultury ein weiterer Sprengstoffgürtel gefunden, der jedoch nicht detonierte.

Indizien sprechen für Selbstmordanschläge

Dafür, dass es sich um Selbstmordanschläge handelt, sprechen mehrere Indizien: Beide Explosionen wurden in etwa 1,20 Metern Höhe, also in Bauchhöhe, ausgelöst. Fotos vom Tatort zeigen auf die Sitzbänke gesunkene blutüberströmte Körper, nach außen gebogene Waggontüren und zersplitterte Scheiben. Von einer mutmaßlichen Täterin fanden die Fahnder den Kopf und ein Bein. Außerdem filmten Überwachungskameras vier verdächtige Personen. Demnach wurden die Selbstmordattentäterinnen, in Russland "schwarze Witwen" genannt, von jeweils einer weiteren Frau zum Tatort geführt.

Der ehemalige Direktor des Geheimdienstes FSB, Nikolai Kowaljow, äußerte den Verdacht, dass eine der Täterinnen eine nahe Verwandte von Said Burjatski gewesen sein könnte. Burjatski galt als Ideologe des russischen Dschihad und war Anfang März von Sicherheitskräften in Inguschetien erschossen worden. Er soll auch Drahtzieher des Anschlags auf den Schnellzug zwischen Moskau und St. Petersburg Ende November gewesen sein. Damals starben 26 Passagiere. Burjatski lebte unter dem Preudonym Alexander Tichomirow. Er studierte unter anderem in Kairo, galt als brillanter Rhetoriker und war ein Vertreter des radikalen Wahhabismus, einer Strömung innerhalb des sunnitischen Islam. Er rief seine Anhänger zur wahhabitischen Weltrevolution auf und soll persönlich für die Ausbildung von Selbstmordattentätern verantwortlich gewesen sein.

Der Kreml führt einen aussichtslosen Kampf

Russlands Präsident Dimitri Medwedew trat wenige Stunden nach den Anschlägen im Staatsfernsehen auf. Er trug einen dunklen Anzug und eine schwarze Krawatte. Vor sich am Konferenztisch saßen Generalstaatsanwalt Juri Tschaika, Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow und der Innenminister. Mit versteinerter Miene kündigte Medwedew an, den Kampf gegen den Terrorismus "ohne Zögern" und "bis zum Ende" fortzusetzen. Mit solchen markigen Parolen hatte auch sein Vorgänger Wladimir Putin versucht, die Öffentlichkeit zu beruhigen. Doch bislang führt der Kreml einen aussichtslosen Kampf gegen die Gefahr aus dem Nordkaukasus. Zwar wurde der Antiterroreinsatz in Tschetschenien im April vergangenen Jahres offiziell für beendet erklärt, doch gleichzeitig wird die Lage in den Nachbarrepubliken immer instabiler. Dagestans Innenminister war im Juni von einem Scharfschützen während einer Hochzeitsfeier niedergestreckt worden. Der Bürgermeister der dagistanischen Hauptstadt Machatschkala regiert nach 13 überlebten Attentaten im Rollstuhl.

Wie sehr die Lage in letzter Zeit außer Kontrolle geraten ist, zeigt eine Liste aller Vorfälle, die sich allein in diesem Monat im Kaukasus ereigneten:

1. März:

Unbekannte verüben einen Anschlag auf einen Güterzug in Inguschetien. Am selben Tag wird ein Wohnhaus beschossen und ein Mann verletzt. Kurz darauf greifen bewaffnete Terroristen einen Posten der Miliz an.

2. März:

In Nasran stürmen russische Spezialeinheiten eine alte Fabrik, in der sich angeblich Terroristen versteckt halten. Es gibt sechs Tote.

14. März:

Eine Autobombe in Dagestan verletzt drei Menschen.

19. März:

Ein Fahnder der Polizei wird in Bota-Jurt erschossen.

22. März:

In Machatschkala gibt es bei einer Antiterroraktion mehrere Tote und Verletzte.

23. März:

Ein Auto in Baba-Jurt fliegt in die Luft. Am selben Tag können Soldaten eine Bombe in Dagestan entschärfen.

25. März:

Ein Miliz-Offizier aus Kaspisk wird angeschossen, er stirbt im Krankenhaus.

26. März:

In Aksai werden fünf Menschen bei einer Schießerei verletzt, darunter eine junge Mutter.

Der ehemalige Vorsitzende des Duma-Komitees für Sicher-heitsfragen, Viktor Iljuchin, ist ebenfalls überzeugt, dass die Drahtzieher für die Moskauer Anschläge im Nordkaukasus sitzen: "Wir hatten in den vergangenen Monaten dort viele erfolgreiche Aktionen. Etliche Anführer der Terroristen wurden liquidiert oder festgenommen. Ich denke, was heute passiert ist, war ein Racheakt." Die Terroristen würden versuchen, Angst unter der Bevölkerung zu verbreiten, um die Lage im Land zu destabilisieren.

100 Dollar für eine Taxifahrt

Moskaus U-Bahn, die täglich mehrere Millionen Menschen transportiert, war zu diesem Zweck schon öfters das Ziel von Attentaten. Die bislang schwersten passierten 2004 im Februar und August. Fast 50 Personen kamen damals ums Leben. Nach den heutigen Explosionen herrschte in Russlands Hauptstadt Ausnahmezustand. Der Verkehr war für Stunden blockiert, Taxifahrer nutzten die Lage aus und verlangten bis zu 100 Dollar für eine Stadtfahrt, das Handynetz brach vorübergehend zusammen. Viel Kritik gab es, weil Regierung, Stadt und Behörden nicht ausreichend auf die Katastrophe vorbereitet waren. So meldeten den ganzen Tag über Radiostationen, dass in den Krankenhäusern Blutkonserven fehlen würden, um die Verletzten zu versorgen. Dabei, so die Kritiker, sei dieser Anschlag angesichts der Lage im Kaukasus mehr als vorhersehbar gewesen. Er wird wohl nicht der letzte bleiben.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker