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Israelischer Regierungsberater Arye Sharuz Shalicar: "Die meisten arabischen Bürger Israels wollen in keinem palästinensischen Staat leben"

Arye Sharuz Shalicar beim stern-Fotoshooting 2019 in Nürnberg
Arye Sharuz Shalicar beim stern-Fotoshooting 2019 in Nürnberg. Hier lebt die ukrainisch-stämmige Familie seiner Frau
© Sonja Och / stern
Als Jugendlicher trieb er sich mit muslimischen Kumpels im Berliner Wedding herum. Als er sich als Jude outete, war es mit der Freundschaft vorbei. Heute lebt Arye Sharuz Shalicar als Regierungsberater in Israel. Und träumt davon, eines Tages Botschafter in einem demokratischen Iran zu sein.

Arye Sharuz Shalicar, Sie schreiben in Ihrem Buch "Schalom Habibi" über ihre sehr persönliche Sicht auf das spannungsreiche Verhältnis zwischen Juden und Arabern – und die Möglichkeit von Frieden und Freundschaft. Wie kam es dazu, dass Sie als Israeli in so viele arabische Staaten gereist sind?
Ich war Berater des ehemaligen israelischen Außenministers, und bin in dieser Funktion viel herumgekommen. Unter anderem in jene arabischen Staaten, die nun diplomatische Beziehungen zu Israel unterhalten. Meine berufliche Rolle wollte ich bewusst aus dem Buch raushalten, weil ich meine Bücher als Privatperson verfasse. Und ich die persönlichen Erfahrungen und Begegnungen, die ich im Zuge dieser Reisen erleben durfte, für aussagekräftiger halte. Ohne meine berufliche Tätigkeit wäre ich als Jude niemals in ein Land wie den Oman gelangt.

Es ist kein Geheimnis, dass Ihre Reisen in Zusammenhang mit dem Abraham-Abkommen standen, also jenem spektakulären Friedensschluss Israels mit den Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain, sowie der Normalisierung der Verhältnisse mit Marokko und Sudan. Wie war das möglich?
Diese Beziehungen waren nicht neu, sie sind nicht "out of the blue" enstanden, sondern über viele Jahre hinweg gewachsen. Es war eine Art Outing vieler muslimischer Staaten, die schon lange unter dem Teppich mit Israel agiert haben. Mit manchen ging das bereits seit 20 Jahren, aber eben nicht offiziell.

Shalicar während einer Verhandlungsreise zur EXPO in den Vereinigten Arabischen Emiraten
Shalicar während einer Verhandlungsreise zur EXPO in den Vereinigten Arabischen Emiraten
© privat

Welche Rolle spielt das Einwirken der Administration Donald Trumps auf diesen Prozess?
Viel wichtiger als die Rolle von Trumps Nah-Ost-Team war die Bedrohung des Irans als mögliche Atommacht. Diese wurde von den Emiraten und anderen Golfstaaten zunehmend als solche wahrgenommen. So führte das eine zum anderen. Die Amerikaner waren nur ein Teil des Zusammenspiels.

Die Arabische Liga hat sich gerade seit längerer Zeit wieder einmal getroffen. Es fällt auf: die mit Israel versöhnten Staaten entsandten keine hochrangigen Regierungsvertreter. Existiert diese Liga überhaupt noch?
Die Arabische Liga hat nie zu einer gemeinsamen Stimme gefunden. Mich erinnert das alles an meine Jugend im Berliner Wedding, wo ich unter den verschiedensten muslimischen Leuten aufgewachsen bin. Auch damals gab es auf dem Schulhof keine einheitliche arabische oder muslimische Haltung. Die Erfahrung im multikulturellen Berliner Migrantenbezirk war prägend, und ist nicht weit von dem entfernt, wie die arabische Welt heute agiert. Es gibt sie schlichtweg nicht. Der Dreh- und Angelpunkt ist der Iran, der alle zu unterwandern versucht. Und damit von vielen als bedrohlicher Player gesehen wird. Es ist nicht nur eine Sicherheitsfrage. Der Tourismus ist stark, weil er verbindet und aufklärt. Hinzu kommen Fragen von Energie, Medizin, High Tech, Wasserwirtschaft und wirtschaftlicher Kooperation. Es entstehen Freundschaften, und diese schaffen Stabilität.

Arye Sharuz Shalicar bei einem Interview mit dem stern 2019
Arye Sharuz Shalicar wurde 1977 als Sohn persisch-jüdischer Eltern in Göttingen geboren und wuchs in Berlin unter muslimischen Jugendlichen auf. Er war Mitglied der Black Panthers und einer berüchtigten Graffitigang. Nach Abitur und Wehrdienst entschied er sich, Deutschland zu verlassen, um in Israel als Jude sicher leben zu können
© Sonja Och / stern

Der Ausgang der israelischen Parlamentswahlen hat international Besorgnis ausgelöst. Die rechtsextreme Partei von Itamar Ben-Gvir wird recht sicher an der nächsten Regierung beteiligt sein. Was bedeutet das für den bisher erzielten Frieden mit arabischen Staaten?
Ich selbst bin kein Rechter, aber man muss anerkennen, dass es die rechten Parteien Israels waren, die – so Paradox das klingen mag – für den Friedensprozess nicht hinderlich waren, eher im Gegenteil. Ein Beispiel ist Menachem Begin, der 1979 Frieden mit Ägypten geschlossen hat.

Begin hatte keine Koalition mit Rechtsextremen.
Nein, aber er war Premierminister des Likud, der Partei des vermutlich nächsten Regierungschefs Netanjahu.

Der israelische Historiker Tom Segev befürchtet das Ende Israels als Rechtsstaat und Demokratie.
Tom Segev ist ein Vertreter der Linken, die stark verloren haben. Man teilt jetzt aus, dabei sollte man sich fragen, wieso die israelischen Wähler ihnen nicht zutrauen, das Sicherheitsbewusstsein der Israelis zu stärken. Die Arbeiterpartei hat noch vier Sitze, und ist nun schwächer als die arabischen Parteien.

Arye Sharuz Shalicar: "Das Zusammenleben von Juden und Muslimen ist mein Lebensthema"

Wie gefährlich kann ein Innenminister Ben-Gvir für das Zusammenleben von arabischen und jüdischen Israelis werden?
Es ist ein Phänomen, das wir gerade in vielen europäischen Staaten erleben, ich nenne hier Italien oder Schweden. Natürlich gibt es Anlass zur Vorsicht, aber es ist kein exklusiv israelisches Problem. Der Rechtstrend in aller Welt hat mit Ängsten zu tun, die durch Einwanderung aufkommen, der Angst vor dem Unbekannten, manchmal auch zu Recht. Es gibt in Schweden Städte, Malmö etwa, wo die Polizei in manchen Vierteln keine Handhabe mehr hat, in Italien ist es die Masseneinwanderung aus Afrika. In Israel hat es mit Angst vor Terror zu tun. Die Deutschen vergessen schnell die Anschläge, die in Israel Menschenleben kostenl. Ein Israeli, der vielleicht Freunde verloren hat, tut das nicht. Es gehört zu ihrem Alltag. Ben-Gvir nutzt das aus, aber Netanjahu ist meiner Einschätzung nach klug und erfahren genug, damit umzugehen.

Die Situation im Westjordanland eskaliert zunehmend. Wie soll es je mit dem Friedensprozess weitergehen?
Mit welchem Friedensprozess? Es gibt keinen Friedensprozess mit den Palästinensern. Das ist auch meine Erfahrung mit den arabischen Staaten, in denen ich war, die sind nicht nur desinteressiert, sondern auch genervt. Israel hat mehrfach Friedensverträge unterschieben, die Palästinenser haben abgewinkt. Dort wirken drei Kräfte: Islamischer Dschihad, also die palästinensische Version von ISIS, die Hamas, also Muslimbrüderschaft, die für Länder wie Marokko oder Ägypten als absolut gefährliche Opposition in den eigenen Ländern wahrgenommen werden, und das dritte Lager ist Mahmud Abbas, der eigentlich nur überlebt, weil ihn die israelische Armee beschützt und ihm die Hamas vom Leibe hält. Vollkommen absurd.

Israel gilt als einzige liberale Demokratie des Nahen Ostens, und sieht sich auch selbst so. Sollte es nicht oberstes Ziel sein, den Rechtsstaat auch für alle Bewohner des von Israel eroberten Westjordanlands umzusetzen?
Ich habe selbst Freunde und Familie, die in diesem Gebiet leben, mein kleiner Bruder mit seiner Frau lebt dort.  Er hat nichts mit dem Klischee zu tun, was man gemeinhin von jüdischen Siedlern hat. Diese radikalen Siedler, von denen immer die Rede ist, sind eine kleine Minderheit. Natürlich muss man sie ernstnehmen, aber sie sind keine Gefahr für den Rechtsstaat. Ich sehe keinerlei Bedrohung für Israels Demokratie. Klar ist aber, dass der Staat sich gegen palästinensischen Terror, dem er ja jederzeit ausgesetzt ist, klar und deutlich verteidigen muss.

Shalicars Mutter (3.v.l.) mit muslimischen Freundinnen im Iran der 1970er Jahre vor der islamistischen Revolution
Shalicars Mutter (3.v.l.) mit muslimischen Freundinnen im Iran der 1970er Jahre vor der islamistischen Revolution
© privat

Ihre Familie hat persische Wurzeln, sie sind im Wedding mit muslimisch-arabischen Freunden aufgewachsen, macht Sie das empathischer gegenüber dem Schicksal der arabischen Bevölkerung?
Für mich hat sich ein Kreis geschlossen, meine Eltern sind unter Muslimen in Persien aufgewachsen, ich als Jude im Wedding ebenso. Nun lebe ich in Israel wieder mit Muslimen zusammen. Meine Tochter hatte eine arabisch-muslimische Kindergärtnerin, ich habe mit arabischen Soldaten in der IDF zusammengearbeitet, darunter auch Muslime. Natürlich ist mein Bestreben biografisch bestimmt. Wie ich in "Schalom Habibi" ausführlich schreibe, ist das friedliche Zusammenleben von Juden und Muslimen mein Lebensthema. Daran glaube ich wirklich.

Sie stellen in Ihrem Buch Ihre Kollegin Ella Waweya vor, eine arabisch-muslimische Staatsbürgerin Israels, die als IDF-Sprecherin in der Armee Karriere gemacht hat. Eine Kombination, die für westliche Israelkritiker schwer vorstellbar ist…
Mittlerweile sind es Tausende arabische Staatsbürger, Beduinen, Drusen, christliche Araber, aber auch muslimische, die in der Armee wie auch in der Polizei arbeiten und dort Karriere machen. Das widerspricht natürlich dem Narrativ so genannter Israelkritiker, dass ein großer Teil der arabischen Bevölkerung schlichtweg in diesem Staat angekommen ist und seinen Beitrag leistet. Im Laufe der vergangenen Jahre merkte man deutlich, dass viele von ihnen aufgestiegen sind, wie Ella Waweya eben. Sie ist Muslima, Araberin, und sie lebt offen lesbisch, was sie nur in Israel kann. Was viele Menschen, die eine Zwei-Staaten-Lösung fordern, in der Juden und Araber getrennt leben sollen, nicht wissen: Die meisten der 20 Prozent arabischer Bürger Israels möchte in keinem palästinensischen Staat leben, sondern in Israel.

Muslimisch, lesbisch, Soldatin in der israelischen Armee: Ella Waweya
Muslimisch, lesbisch, Soldatin in der israelischen Armee: Ella Waweya
© privat

48 Prozent der in Jerusalem lebenden Araber würden einer Umfrage des Palestine Center for Public Opinion zufolge die israelische Staatsbürgerschaft der eines palästinensischen Staates vorziehen, die Chancen diese zu erlangen, sind dennoch gering. Wieso öffnet sich der Staat nicht?
Erst einmal muss man feststellen, dass nur Israel ein multikultureller Staat ist. In einem palästinensischen Staat sind Juden nicht vorgesehen und ihres Lebens nicht sicher. Gleiches gilt für Syrien, Libanon, für Jemen, für den Irak. Komischerweise gibt es keine internationale Boykottbewegung gegen sie.

Das mag sein, aber welche Lösung gäbe es für die Bevölkerung in Ostjerusalem oder Westjordanland?
Manchmal ist die beste Lösung, keine zu haben, statt eine gravierende Fehlentscheidung zu treffen. Seit Mitte der Neunziger ist nichts passiert, es herrscht permanentes Provisorium. Was wäre aber die Lösung? Die Ein-Staaten-Lösung würde bedeuten, dass Israel alle Araber, die dort leben, zu Staatsbürgern macht, was die demografischen Verhältnisse enorm umkehren würde. Der Charakter des Staates Israels, das muss man ganz offen sagen, ist bei aller multikulturellen Prägung ein jüdischer. Eine Zwei-Staaten-Lösung, die von vielen im Westen propagiert wird, wäre eine Katastrophe.

Shalicar mit seiner Tochter Michelle und ihrer muslimischen Kindergärtnerin
Mit Tochter Michelle und ihrer muslimischen Kindergärtnerin
© privat

Warum?
Man müsste das Westjordanland verlassen, so wie man Gaza und den Süden Libanons verlassen hat, so wie man die Sinai-Halbinsel verlassen hat. Und was ist dort danach stets geschehen? Terror. Im Libanon hat sich die vom Iran gesteuerte Hisbollah festgesetzt, in Gaza die Hamas und der islamische Dschihad, im nordöstlichen Teil des Sinai der Islamische Staat. Das Konzept "Land für Frieden" hat sich für Israel immer als ein schlechtes Geschäft erwiesen. Wir gaben Land, erhielten Terror. In diesen Gebieten sind mehr Raketen stationiert, als in allen NATO-Staaten zusammen – sofern man die USA ausnimmt. Das würde in wenigen Jahren auch im Westjordanland passieren, wo diese islamistischen Kräfte ja auch jetzt schon wüten. Wer das will, trägt Schuld an der Gründung eines neuen Terrorstaates.

Die Boykottbewegung BDS wirft Israel vor, ein Apartheidsystem zu betreiben.
Was absurd ist, Araber können in Israel jedes Amt bekleiden, arabische Parteien waren in der letzten Regierungskoalition beteiligt.

Das stimmt, und doch können die Araber im Westjordanland keine Bürger Israels werden, Bürger eines eigenen Staates auch nicht. Das ist doch eine frustrierende Situation, nicht wahr?
Ich verstehe, dass viele von ihnen gerne israelische Staatsbürger wären. Hunderttausende kommen täglich nach Israel, um hier zu arbeiten, erleben Demokratie und Freiheit, die sie in einem palästinensischen Staat nicht hätten. Aber für Israel gilt, was jeder europäische Staat auch für sich in Anspruch nimmt: Der Charakter und die Konstitution des Landes müssen beibehalten werden. Die einzige Chance, die wir hätten, wäre ein friedlicher, demokratischer palästinensischer Staat, der Israel akzeptiert. Eine schöne, aber extrem unrealistische Hoffnung. Israel kann sich aber kein Wunschdenken leisten.

Auf die Palästinenser wird im Westen und besonders in Afrika allerlei projiziert, Popstars und Künstler schließen sich der Boykottbewegung an, auf CSD-Paraden wird "Free Palestine" gerufen, in diesem Jahr mussten wir die teilweise antisemitisch konnotierte Documenta erleben, die BDS-Unterstützerin Annie Erneaux erhielt den Literaturnobelpreis. Wie wird all das in Israel wahrgenommen?
Von dieser Annie Ernaux höre ich gerade zum ersten Mal. Und die Documenta – ehrlich? Hat in Israel niemanden interessiert. Wie sollte man diese Leute auch ernstnehmen, die ein Fantasie-Palästina befürworten, das mit der dortigen Realität nichts zu tun hat. Jeder LGBTQI-Vertreter, der mit einer Palästina-Flagge durch seine europäischen Großstädte läuft, möge das doch einfach mal in Gaza probieren. Der Grund, warum antisemitische und israelfeindliche Strömungen in Deutschland von den Israeli ignoriert werden, ist aber noch ein ganz anderer: weil Deutschland heute als Verbündeter gesehen wird, als ein Land, in das wir gerne fahren, wo viele Verwandte sogar leben. Und es ist auch das, was sie in Deutschland zum. Überwiegenden erleben – Freundschaft.

Sie sind mit der Verfilmung Ihrer Autobiografie "Ein nasser Hund" und dem aktuellen Buch "Schalom Habibi" durch Deutschland und Österreich gereist, treten in Schulen auf. Was erleben Sie da?
Ich fahre in wenigen Wochen nach Bayern, Thüringen und Sachsen, zwei Lesereisen habe ich bereits hinter mir. Und ich bekomme durchwegs positives Feedback, die Menschen sind froh, glaube ich, dass jemand kommt, und aus eigener Erfahrung von der Realität erzählt. Und von der Möglichkeit von Frieden und Freundschaft. Das Friedensabkommen mit den sechs arabischen Staaten ist eine Zeitenwende, weil es diesen Generalboykott für immer durchbrochen hat. Bei den Schulveranstaltungen war es leider oft anders.

Was ist Ihnen in den Schulen widerfahren?
Fast in jeder deutschen Schule sitzen muslimische Schüler, die zuhause verhetzt werden. Da stehen dann 15-Jährige vor dir, die antisemitische Dinge daherreden, Israel jegliches Existenzrecht absprechen, und ernsthaft glauben, Israel würde täglich palästinensische Kinder umbringen. Natürlich sind auch von israelischer Seite Fehler passiert, was aber nichts mit diesen antisemitischen Mythen zu tun hat, die doch sehr an jene an aus dem Mittelalter erinnern, wo man den Juden auch die grässlichsten Verbrechen unterstellt hat. Ich frage dann immer, wieso die 500.000 Muslime, die in Syrien umgebracht wurden, darunter Tausende muslimische Kinder, niemanden interessieren. Weil es Muslime sind, die dafür verantwortlich sind?

Was bekommen Sie zur Antwort?
Schweigen im Walde.

Das Cover des Buches "Schalom Habibi"
Arye Sharuz Shalicar, "Schalom Habibi –Zeitenwende für jüdisch-muslimische Freundschaft und Frieden",
Hentrich & Hentrich, 18 Euro

Ihr Lebenstraum wäre es, haben Sie einmal im stern gesagt, Israel als Botschafter im Iran zu vertreten. Zurzeit stehen Tausende gegen das Mullah-Regime auf, vor allem Frauen, die unverschleiert protestieren, riskieren ihr Leben. Erleben wir bereits die Dämmerung des Gottestaates?
Es wäre das Größte, das ich mir im Leben vorstellen könnte. Allein die Heimat meiner Vorfahren kennenlernen und bereisen zu dürfen, schien mir lange als unvorstellbar. Ich bin persisch durch und durch, ich liebe das Essen, ich liebe die Sprache, ich liebe sogar die seidenen Perserteppiche. In mir schlägt ein patriotisches Herz für ein Land, das ich nie gesehen habe, aber das mir viel bedeutet. Ein freier demokratischer Iran, in dem Frauen alle Rechte besitzen, und man für seine Sexualität nicht ermordet wird, scheint auch jetzt noch unwirklich.

Anfang 1989 konnte sich auch kein DDR-Bürger vorstellen, dass innerhalb weniger Monate die Mauer fallen könnte.
Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits bin ich pessimistisch, denke mir: Hatten wir alles, schon 1999, 2009, 2017, 2019 – immer wieder Protestwellen, dann kamen die Revolutionsgarden und schlugen es blutig nieder. Der Optimist in mir hat Hoffnung, dass die Linie überschritten ist. Und dass eine neue Generation endgültig die Nase davon voll hat, und offenbar bereit ist, das Leben zu riskieren.

Ihr elfjähriger Sohn Raphael hat Sie einmal etwas gefragt: Ob Sie je bereut haben, sich Ihren arabischen Freunden im Wedding als Jude zu outen – was zum großen Lebensbruch geführt hat. Haben Sie es denn bereut?
Natürlich, damals habe ich sehr gehadert. Ich war naiv, es war eine Entscheidung, ohne die Konsequenzen zu bedenken.  Ich dachte mir jahrelang: Scheiß auf Jüdischsein, wieso hab ich das bloß getan? Aber es war die beste Entscheidung meines Lebens. Nicht nur weil es generell das Beste ist, zu dem zu stehen, was man ist. Sondern weil ich auch Araber und Muslime kennenlernen durfte, die damit kein Problem haben. Und mir am Ende beibrachten, was wahre Freundschaft ist.

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