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Atomkraft-Debatte Wie Österreich ohne AKW lebt


Schweden hat zehn Atomkraftwerke in Betrieb, Großbritannien 17 und Frankreich sagenhafte 58. Österreich hat sich hingegen schon immer gegen Atomkraft gewehrt. Und gelten nun als die Vorbilder in der Krise. Aber nur auf den ersten Blick.
Von Elena Pelzer

Die Welt erwacht aus einem Traum der nuklearen Beherrschbarkeit. Ein Land in Europa hat immer gegen die Inbetriebnahme eines Atomkraftwerks im eigenen Land gestimmt: Österreich. 1978 wurde per Volksentscheid die Inbetriebnahme des fertig gestellten Kernkraftwerks Zwentendorf verhindert und heute ist Österreich bei der Verwendung von Ökostrom ein Vorreiter.

Keine Atomkraftwerke

Ein Blick zurück: Mit Angst und Schrecken erinnerte sich die Öffentlichkeit an die verheerenden Unglücke in Hiroshima und Nagasaki, sodass Österreichs Atomgegner, bestehend aus ersten Umweltschutzgruppen und Bürgerinitiativen, sich gegen die Lobby aus Regierung und Energiewirtschaft durchsetzen konnten. Mit 50,4 Prozent lehnte die Mehrheit der Österreicher im ersten Volksentscheid am 5. November 1978 das Atomkraftwerk Zwentendorf ab: Atomkraft für Österreich? Nein, danke. Im Dezember desselben Jahres wurde noch das Atomsperrgesetz verabschiedet, das 1999 mit dem Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich bekräftigt wurde. Paragraph Eins besagt, dass in Österreich weder Atomwaffen hergestellt, gelagert, transportiert, getestet noch verwendet werden dürfen. Und der zweite Paragraph ergänzt: "Anlagen, die dem Zweck der Energiegewinnung durch Kernspaltung dienen, dürfen in Österreich nicht errichtet werden."

Kein Verzicht auf Atomstrom

Ein hehres Gesetz für eine ökologische Zukunft. Nur einen Punkt sucht man vergeblich: die Einfuhrbeschränkungen von Atomstrom. Mit der sehen es die Österreicher nicht so eng. Laut Greenpeace und der österreichischen Umweltschutzorganisation Global 2000 importiert Österreich heute bereits mehr Atomstrom aus den Nachbarländern Deutschland und Tschechien, als das gebaute und nie ans Netz gegangene Kraftwerk jemals produziert hätte. Nach Angaben der Energieregulierungsbehörde E-Control stammen etwa sechs Prozent des heimischen Verbrauchs an Strom aus Atomenergie. Greenpeace und Global 2000 sprechen hingegen von bis zu 20 Prozent Atomstrom. Das Problem bei diesen Zahlen liegt an der mangelnden Stromkennzeichnung: Energieversorger müssen nur die Strommenge kennzeichnen, die tatsächlich auch an die österreichischen Kunden geliefert wird.

Immerhin: Satte 62 Prozent des Stroms kommt aus erneuerbaren Energiequellen. Der Ökostrom stammt vorrangig aus Wasserkraft, wofür Österreich mit seinen Bergen und Flüssen eine privilegierte Lage hat. Ein geringer Anteil setzt sich aus Windkraft- und Photovoltaikanlagen zusammen. Neben Norwegen und der Schweiz verfügt Österreich über den höchsten Anteil an Wasserkraft in Europa. Doch hier geht es laut Reinhard Urig von GLOBAL 2000, nicht immer "sauber" zu: "Leider betreiben viele der Energieversorger, die Pumpspeicherkraftwerke haben, Grünfärberei. Sie haben langfristige Lieferverträge mit den Atomstomanbietern aus Deutschland, pumpen in der Nacht mit dem Atomstrom das Wasser hinauf und verwenden tagsüber bei Spitzenbedarf das Wasser, um Grünstrom zu erzeugen. Das heißt, es wird knallhart Greenwashing betrieben." Florian Seidl vom österreichischen Verbund erklärt: "Der derzeit gelieferte Strom an österreichische Kunden besteht zu 100 Prozent aus Wasserkraft. Das wurde auch schon vom TÜV bestätigt." Aber: "Woher der Strom für die Kraftwerke kommt, wissen wir nicht", gab der Sprecher zum Thema Stromerzeugung zu. Denn 100 Prozent Wasserkraft ist erst der Strom, der aus dem Kraftwerk stammt - nicht der, der hineinfließt.

Angewiesen auf die AKW der Nachbarländer

Als Kompensation für das abgelehnte AKW entstanden zwischen 1979 und 1988 in Österreich fünf Kohlekraftwerke, die gemeinsam mit Gas zu 20 Prozent den Strombedarf decken. Wie viel Prozent mit Atomenergie aus dem Ausland unterfüttert wurden, ist unklar. Geplant ist jedoch seit Jahren ein energieautarkes Österreich, das unabhängig von Strom, Öl, Gas oder Kohle aus dem Ausland ist, versichert Umweltminister Nikolaus Berlakovich von der konservativen ÖVP.

Ihre Haltung gegen Atomkraftwerke bekamen die Österreicher vor 25 Jahren beim Super-GAU Tschernobyl bestätigt - und nun wieder. Endlich können sie sich auch in Europa Gehör verschaffen: Die österreichische Forderung nach einer europaweiten Überprüfung der Atommeiler ist einstimmig akzeptiert worden. Doch sind die Österreicher die nächsten Jahre noch immer auf den Atomstrom ihrer Nachbarländer angewiesen - ob sie wollen oder nicht.


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