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Corona in Brasilien "Gigantisches Korruptionssystem": Justiz knöpft sich Bolsonaro wegen millionenschwerem Impfstoff-Deal vor

Ein älterer weißer Mann mit dunkelgrauem Seitenscheitel trägt Anzug und schaut mit verkniffenem Mund
Eine Gruppe von Senatoren hat Strafanzeige gegen Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch gestellt
© Evaristo Sa / AFP
Brasilien hat für mehr als 300 Millionen US-Dollar Corona-Impfstoff aus Indien geordert. Doch Präsident Bolsonaro soll einen Korruptionsverdacht nicht gemeldet haben – der nun zu seiner Amtsenthebung führen könnte. 

Die brasilianische Staatsanwaltschaft nimmt Vorermittlungen zur Rolle von Präsident Jair Bolsonaro in einem mutmaßlichen Korruptionsfall auf. Damit solle festgestellt werden, ob die Voraussetzungen für eine Anklage gegen den Staatschef vorliegen, teilte die Generalstaatsanwaltschaft am Freitag mit. Am Montag hatten drei Senatoren vor dem Obersten Gericht des Landes eine Klage wegen des Verdachts der Amtspflichtverletzung gegen Bolsonaro eingereicht. 

Die Senatoren erklärten, dass der Präsident über ein "gigantisches Korruptionssystem" im Gesundheitsministerium informiert worden sei, aber nichts dagegen unternommen habe. Demnach soll der rechtsextreme Staatschef von Korruption im Zusammenhang mit einem Vertrag über den in Indien hergestellten Corona-Impfstoff Covaxin im Wert von 300 Millionen Dollar (rund 250 Millionen Euro) gewusst haben.

Korruptionsverdacht nicht gemeldet?

Der Bolsonaro nahestehende Kongressabgeordnete Luis Miranda hatte in einem Untersuchungsausschuss des Senats gesagt, Bolsonaro habe ihm versichert, dass er den Verdacht der Polizei melden würde – was er offenbar nicht tat. 

Zuvor war Mirandas Bruder Luis Ricardo Miranda, der im Gesundheitsministerium für medizinische Importe verantwortlich ist, auf eine verdächtige Rechnung aufmerksam geworden. Darin wurden 45 Millionen Dollar für drei Millionen Covaxin-Impfdosen verlangt, obwohl gar kein Impfstoff geliefert wurde und das Vakzin auch nicht in Brasilien zugelassen war.

Die brasilianische Regierung, die den Vertrag über den Kauf der Covaxin-Impfdosen diese Woche ausgesetzt hatte, gab inzwischen mehrere Versionen über den Fall ab. Bolsonaro sagte, er habe keine Kenntnis von Unregelmäßigkeiten gehabt. Regierungsnahen Senatoren zufolge wiederum soll Bolsonaro den damaligen Gesundheitsminister Eduardo Pazuello über die Vorwürfe informiert haben. Von der indischen Firma Bharat Biotech hieß es, der Preis für eine Dose Covaxin für ausländische Regierungen liege zwischen 15 und 20 Dollar. Der Preis für Brasilien habe demnach in diesem Rahmen gelegen.

Strafverfahren könnte zu Amtsenthebung führen

Ein Strafverfahren gegen Bolsonaro vor dem Obersten Gerichtshof könnte zu seiner Amtsenthebung führen. Voraussetzung dafür wäre aber eine Anklageerhebung durch den Generalstaatsanwalt Augusto Aras, einen Bolsonaro-Verbündeten. Sein Stellvertreter Humberto Jacques de Medeiros, der ebenfalls dem Präsidenten nahesteht, hatte den Gerichtshof gebeten, die Klage abzuweisen. Richterin Rosa Weber lehnte dies jedoch ab.

Ein weißer, älterer Mann im Anzug rückt sich mit rechts seinen weißen Mund-Nasen-Schutz zurecht.

Dass es am Ende zu einem Verfahren gegen Bolsonaro kommt, ist auch deshalb sehr unwahrscheinlich, da dafür die Zustimmung des Parlaments nötig wäre, in dem der Präsident über eine breite Mehrheit verfügt. Versuche seiner Gegner, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bolsonaro einzuleiten, sind bislang am Widerstand seiner Verbündeten im Kongress gescheitert. 

Gegner von Bolsonaro präsentieren neue Vorwürfe

Am Mittwoch hatten dutzende oppositionelle Abgeordnete einen neuen Versuch gestartet und im Parlament eine Liste mit weiteren Korruptionsvorwürfen vorgelegt, um Ermittlungen gegen den Präsidenten zu erreichen.

Bolsonaro steht wegen seines Corona-Krisenmanagements seit Langem in der Kritik. Ihm wird vorgeworfen, durch  Verharmlosung der Pandemie die rasante Ausbreitung des Coronavirus in Brasilien befördert zu haben. Derzeit schwindet Bolsonaros Unterstützung in der Bevölkerung. In jüngsten Umfragen liegt der Staatschef weit hinter seinem linksgerichteten Herausforderer, dem Ex-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. In Brasilien finden im kommenden Jahr Präsidentschaftswahlen statt.

Valeria Pacheco/tkr AFP DPA

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