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Brexit-Wähler: Die Alten wählen die Jungen aus der EU raus

Wer genau hat eigentlich für den Brexit gestimmt, wer wollte in der EU bleiben? Wählerbefragungen legen nahe, dass es vor allem die älteren Briten waren, die die Union verlassen wollen - sehr zum Unmut der Jungen.

Junge Menschen der "Stronger In"-Kampagne trauen ihren Augen nicht, als sie das Ergebnis des Referendums sehen.

Junge Menschen der "Stronger In"-Kampagne trauen ihren Augen nicht, als sie das Ergebnis des Referendums sehen.

Frauen gegen Männer, Norden gegen Süden, jung gegen alt, Pro-Europäer gegen Anti-Europäer. Derzeit scheint Europa nur Schwarz und Weiß zu kennen. Gut zu beobachten etwa in Österreich: Bei der Präsidentschaftswahl wählten gut ausgebildete Frauen den grünen Kandidaten Alexander van der Bellen, der Rechtspopulist Norbert Hofer von der FPÖ war bei formal schlechter ausgebildeten Männern beliebt. Ein ähnliches Bild jetzt bei der Brexit-Abstimmung, wie eine repräsentative Wählerbefragung des Meinungsforschungsunternehmens YouGov ergibt: 

Die Zahlen zeigen: Je jünger die Wähler, desto pro-europäischer. In der jüngsten Altersgruppe, bei Frauen und Männern von 18 bis 24 Jahren, waren es sogar 64 Prozent, die in der EU bleiben wollten. Das bedeutet aber auch: Je älter der Wähler wird, desto EU-skeptischer. Dem stern liegen die Umfragezahlen im Detail vor, die YouGov für die britische "Times" durchgeführt hat.

Auf Twitter tun viele junge Briten ihren Unmut über die Entscheidung kund, nicht wenige fühlen sich schlicht um ihre Zukunft betrogen:




Abstiegsangst der Arbeiterklasse

In Statistiken wird die Bevölkerung in Großbritannien oft ABC1 (Mittelschicht) und in C2DE ("Working Class") klassifiziert. Wäre die Abstimmung laut dieser Umfrage nur in der Mittelschicht durchgeführt worden, gäbe es eine 53-zu-29-Mehrheit für den Verbleib in der EU, der Rest hat keine Angabe gemacht oder wollte nicht zur Wahl gehen. In der Arbeiterklasse war es genau umgekehrt, hier hatte der Brexit eine 52-zu-38-Mehrheit. Eine Interpretation dieser Zahlen könnte also lauten: In der Arbeiterschaft gibt es eine große Unzufriedenheit mit dem herrschenden System, es besteht eine Art Abstiegsangst. Jene, die positiv in die Zukunft blicken können, haben für einen Verbleib gestimmt.

London, Schottland und Nordirland wären gern in der EU geblieben

Die Linie verläuft aber nicht nur quer durch die Schichten, sondern auch parallel zu den Binnengrenzen im Vereinigten Königreich. Der Großraum London etwa hat - wie erwartet - mit etwa 60 Prozent für einen Verbleib in der EU gestimmt, in London City waren es sogar 75 Prozent. In Schottland stimmten gar 62 Prozent für die EU, in Nordirland noch immer fast 56 Prozent. Das waren aber auch schon die einzigen Regionen, die gegen einen Brexit gestimmt haben, wie die Karte zeigt: 

 


Die höchste Stimmenmehrheit für einen Verbleib in der EU gab es übrigens in Gibraltar. 96 Prozent der Bewohner des Überseegebiets wären gern in der EU geblieben.

Verfolgen Sie die aktuellen Ereignisse im stern-Brexit-Ticker: