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Bürgerkrieg gegen Assad: Schwere Explosionen in Nordsyrien

In der Rebellenhochburg Homs stehen die Aufständischen unter Dauerbeschuss. Und die Kämpfe im Land weiten sich aus: In der nordsyrischen Stadt Aleppo starben bei Explosionen 25 Menschen.

Der Terror in Syrien weitet sich auf die zweitgrößte Stadt Aleppo aus: Bei zwei Explosionen sind dem syrischen Fernsehen zufolge 25 Menschen ums Leben gekommen. 175 weitere wurden verletzt, wie das Staatsfernsehen unter Berufung auf das Gesundheitsministerium des Landes berichtete. Unter den Toten seien Soldaten und Zivilisten. Die Anschläge galten Militäreinrichtungen der Stadt, die bislang von dem Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad weitgehend ausgenommen war. Erst in jüngster Zeit mehrten sich auch hier Proteste und Gewalt.

Im staatlichen Fernsehen waren Bilder von Trümmern und Blut auf der Straße sowie von Toten zu sehen. Fensterscheiben eines Gebäudes, dem die erste Explosion gegolten hatte, waren zerborsten. Ein Reporter hob Decken und Plastikfolien, die über die Toten gelegt worden waren, hoch und zeigte die zerstückelten Leichen. "Wir entschuldigen uns dafür, diese Bilder zu zeigen," sagte der Reporter. "Aber das ist der Terrorismus, dem wir uns ausgesetzt sehen." Ihm zufolge waren auch Kinder unter den Toten.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) bezeichnet die Lage von Verletzten und Kranken in Syrien als katastrophal. Ärzte und Patienten mit Schussverletzungen müssten damit rechnen, in der Klinik verhaftet zu werden, sagte die MSF-Präsidentin Marie-Pierre Allié. "Weil die Leute aus Angst nicht mehr in Krankenhäuser gehen, haben die Mediziner und Pfleger ein Parallelsystem aufgebaut." Patienten würden nun in Untergrund-Kliniken behandelt - allerdings unter prekären Umständen.

In Homs bahnt sich eine Katastrophe an

In der syrischen Protesthochburg Homs bahnt sich nach sechstägigem Dauerbeschuss derweil eine humanitäre Katastrophe an. Der Nachrichtensender Al Arabija meldete unter Berufung auf Regimegegner, landesweit seien am Donnerstag mindestens 126 Menschen von den Regierungstruppen getötet worden, allein 107 in Homs. Aktivisten baten um Hilfe vom Roten Kreuz und vom Roten Halbmond.

Die Stadt ist umzingelt; Armeeposten kontrollieren alle Zugangsstraßen. Seit zehn Tagen konnten keine Lebensmittel mehr in die Stadt geliefert werden. Essen und Medikamente werden knapp. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt gehen auch die Heizölvorräte zur Neige. In ganz Homs gibt es nach Angaben von Aktivisten nur noch drei Ärzte, einer wurde durch Granatenbeschuss verletzt.

Obama: "Regierung muss ersetzt werden"

US-Präsident Barack Obama sagte nach einem Treffen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti in Washington, beide Länder hätten großes Interesse daran, das "abscheuliche Blutvergießen" in Syrien zu beenden. Die USA und Italien seien sich einig, die jetzige Regierung in Damaskus, die "ihr Volk angreift", müsse ersetzt werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich zutiefst betroffen über Syriens Präsident Baschar al Assad. "Die Bilder und Berichte aus Syrien wühlen mich genauso auf wie wahrscheinlich die meisten Bürger", sagte Merkel der "Passauer Neue Presse". Um das Blutvergießen in Syrien zu stoppen, macht sich Merkel gemeinsam mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy für die Gründung einer Kontaktgruppe stark.

Opposition fordert bundesweites Abschiebeverbot

Mitglieder der syrischen Exil-Opposition in Deutschland haben einen bundesweiten Abschiebestopp für syrische Flüchtlinge verlangt. Die Gegner des Regimes von Präsident Baschar al-Assad kritisierten in Berlin, dass bislang nur einzelne Bundesländer auf die Abschiebung von syrischen Flüchtlingen verzichten. Dazu gehören zum Beispiel Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein.

Mehr als 32.000 Menschen mit syrischem Pass leben in Deutschland. Mehrere hundert müssten auf der Grundlage von Gerichtsentscheidungen eigentlich die Bundesrepublik verlassen.

Der Oppositionspolitiker Ferhad Ahma - Mitglied des Syrischen Nationalrates (SNC) - forderte darüber hinaus die Schließung der syrischen Botschaft in Berlin sowie die Ausweisung des Botschafters. Am Donnerstag hatte das Auswärtige Amt vier syrische Diplomaten zu "unerwünschten Personen" erklärt.

Unerwünschte Diplomaten müssen Deutschland verlassen

"Die Ausweisung der Diplomaten ist ein positives Signal", sagte Abdelhamid al Jasem, der Vorsitzende des Deutsch-Syrischen Vereins zur Förderung der Freiheiten und Menschenrechte. "Einige Syrer sind inzwischen so eingeschüchtert, dass sie sich nicht mehr trauen, an Demonstrationen teilzunehmen." Regimegegner seien von syrischen Agenten oder von Anhängern der mit Assad verbündeten libanesischen Schiitenbewegung Hisbollah bedroht worden.

Wegen Spitzel- und Drangsalierungsvorwürfen sitzen bereits zwei Mitarbeiter der Botschaft in Untersuchungshaft. Sie haben keinen Diplomatenstatus. Zudem wird gegen sechs Verdächtige ermittelt. Libyen weist sogar alle Mitarbeiter der syrischen Botschaft in Tripolis aus.

Der Führungsstab des Syrischen Nationalrats beriet im Golfemirat Katar, wie das Blutvergießen gestoppt werden könnte. Der Rat setzt inzwischen stärker auf militärische Optionen. Unter anderem wird über Waffenlieferungen an Deserteure diskutiert. Unter arabischen Diplomaten wird erwogen, den von mehreren Oppositionsgruppen gegründeten Nationalrat als legitime Vertretung des syrischen Volkes anzuerkennen.

jar/iml/Reuters/DPA / DPA / Reuters