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Bürgerkrieg in Libyen: Rebellen zu Waffenstillstand bereit

Die libyschen Rebellen sind den Truppen von Machthaber Muammar al-Gaddafi offenbar militärisch unterlegen. Nun bieten sie eine Einstellung der Gefechte an - unter Bedingungen.

Nach einer Serie militärischer Rückschläge gegen die Truppen des Machthabers Muammar al-Gaddafi bieten die libyschen Rebellen einen Waffenstillstand an. "Unsere Bedingung für einen Waffenstillstand ist, dass die Truppen von Gaddafi sofort aus den Städten abziehen, und dass sie die Blockade von Städten wie Misrata beenden", sagte der Vorsitzende des libyschen Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, am Freitag in Bengasi. Außerdem sollten Gaddafi und seine Familie das Land verlassen. Von der internationalen Staatengemeinschaft verlangte Dschalil Waffen für den Aufstand.

Den Rebellen am Rande der Stadt Adschdabija gelang es am Freitag nicht, die Gaddafi-Truppen zurückzudrängen, wie ein BBC-Reporter aus der Region berichtete. Am Vortag war bereits der Vorstoß gescheitert, den am Mittwoch verlorenen Ölhafen Brega zurückzuerobern. Nach Einschätzung der US-Regierung sind die Gaddafi-Truppen den Rebellen trotz des internationalen Militäreinsatzes klar überlegen.

Das Heer Gaddafis sei gemessen an der Truppenstärke und Ausrüstung ungefähr zehn Mal so schlagkräftig wie die Aufständischen, sagte US-Generalstabschef Mike Mullen vor dem Streitkräfte-Ausschuss des Abgeordnetenhauses. US-Verteidigungsminister Robert Gates betonte, er sei gegen Waffenlieferungen an die Rebellen: "Das ist etwas, was eine Menge anderer Staaten tun könnte."

Rebellen vor Reorganisation

Die Rebellen räumten ihre Schwäche selbst ein: Ohne entsprechende Militärhilfe sei es sehr schwer, den Gaddafi-Truppen Einhalt zu gebieten, sagte Dschalil in Bengasi bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit dem UN-Gesandten Abdelillah al-Chatieb.

Allerdings gibt es auch Anzeichen dafür, dass die bislang wild zusammengewürfelten Truppen sich reorganisieren und damit möglicherweise ihre militärische Schlagkraft erhöhen. Die Rebellen erklärten, immer mehr ausgebildete Offiziere würden jetzt an die Front kommen. Zwischen Bengasi, der Hochburg der Rebellen, und der Küstenstadt Adschdabija wurden Geschütz-Stellungen ausgehoben. Damit werden zum ersten Mal organisierte Verteidigungslinien um die Rebellen-"Hauptstadt" angelegt.

Luftangriffe fordern offenbar zivile Opfer

Die Rebellen-Enklave Misrata im von Gaddafi beherrschten Westen des Landes wurde nach Angaben der Aufständischen mit heftigem Artillerie-Feuer belegt. Ein Sprecher der Rebellen berichtete, regierungstreue Soldaten seien in die drittgrößte Stadt des Landes eingedrungen und plünderten Geschäfte und Privatwohnungen.

Zivile Verluste forderten offenbar auch die Luftangriffe westlicher Staaten. Der britische Sender BBC zitierte einen Arzt, demzufolge in einem Ort bei Brega sieben Menschen, vor allem Kinder, beim Angriff auf einen Konvoi der Regierungstruppen getötet wurden. Die Kampfflieger sollen das UN-Mandat zur Aufrechterhaltung der Flugverbotszone und zum Schutz der Zivilisten durchsetzen. Befürchtet wird, dass der Nato-geführte Einsatz vor allem in der arabischen Welt durch zivile Opfer an Rückhalt verlieren könnte.

Geheimverhandlungen über Gaddafis Zukunft

Unterdessen scheint der Rückhalt für Gaddafi zu schwinden. Der Machthaber soll allen Regierungsmitgliedern und hochrangigen Beamten die Ausreise verboten haben. Außer dem nach Großbritannien geflohenen Außenminister Mussa Kussa wollten sich noch weitere ranghohe Funktionäre absetzen, berichtete die arabische Tageszeitung "Al-Sharq al-Awsat". Darunter seien der Parlamentspräsident und Ministerpräsident Al-Baghdadi Al-Mahmudi.

Nach einem Bericht des arabischen Fernsehsenders al Dschasira sind immer weniger Menschen bereit, als "menschliche Schutzschilder" vor der Gaddafi-Residenz in der Garnison Bab al Asisija bei Tripolis zu dienen. Am Donnerstagabend seien nur noch ein paar Dutzend Libyer dort gewesen, um einer möglichen Bombardierung des Stützpunkts durch die westliche Militärallianz zu trotzen, berichtete der Sender.

Unterdessen soll es in London Geheimgespräche gegeben haben, wie die BBC berichtete. Mohammed Ismail, ein Vertrauter von Gaddafis Sohn Seif al Islam, Mohammed Ismail, sei inzwischen wieder nach Tripolis zurückgekehrt, berichtete der Sender am Freitag. Bei den Gesprächen sei es möglicherweise um ein Ausstiegsszenario für Gaddafi gegangen. Gaddafi selbst forderte am Donnerstagabend den Rücktritt sämtlicher Staatschefs der Länder, die sich am Militäreinsatz in Libyen beteiligen.

kng/AFP/DPA/Reuters/DPA/Reuters

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