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Gaddafi-Clan: Die Kinder des Psychopathen

Der Nachwuchs des Diktators macht dem Vater alle Ehre: Trunkenheit am Steuer und Gewaltausbrüche gegenüber der Geliebten, millionenteure Partys. Eine libysche Soap-Opera.

Von Swantje Dake

Sollte das Gaddafi-Regime in Libyen endgültig zusammenbrechen, endet nicht nur die Herrschaft eines 68-Jährigen Despoten. Ein durch riesige Ölvorkommen schwerreich gewordener Clan, der die Macht und Posten des Landes unter sich verteilt hat, verliert seine Existenzgrundlage. Lange standen die Kinder Gaddafis im Schatten des Vaters. Derzeit werden sie vom Despoten an die Fronten beordert - oder versuchen, dem Desaster zu entfliehen.

Dass die sieben Söhne und die einzige Tochter Gaddafis in Sippenhaft genommen werden, lässt sich an den Ereignissen der vergangenen Tage ablesen. Tochter Aischa wurde der Titel einer UN-Ehrenbotschafterin für das Entwicklungsprogramm entzogen. Schwiegertochter Aline, Gemahlin von Sohn Hannibal und libanesische Staatsbürgerin, wollte zurück in ihre Heimat, durfte aber nicht einreisen. Das Flugzeug mit ihr und mehreren Familienmitgliedern an Bord erhielt keine Landeerlaubnis in Beirut.

Auch Gaddafis Tochter Aischa wollte offenbar das Weite suchen und soll versucht haben, sich mit einem Privatflugzeug nach Malta abzusetzen. Laut Medienberichten soll auch sie dort keine Landeerlaubnis erhalten haben. Die Rechtsanwältin, die nicht nur ihre Familie in juristischen Fragen vertritt, sondern auch den irakischen Diktator Saddam Hussein verteidigte, dementierte den Fluchtversuch im libyschen Fernsehen. Dabei stand die 34-Jährige vor dem gleichen Gebäude in Tripolis, vor dem schon ihr Vater eine wütende Rede gehalten hatte. "Ich sage allen Libyern und Libyerinnen, die mich geliebt haben und die ich geliebt habe und die mich gut kennen, dass ich standhaft bleibe."

Vom Hoffnungsträger zum Ebenbild

Während sich die Frauen des Clans offenbar versuchen, sich ins Ausland zu retten, bemühen sich die Männer um Machterhaltung. Als Senior Gaddafi in den ersten Tagen der Unruhen abtauchte, trat Sohn Saif al-Islam in Erscheinung. Seinen Vater als Vorbild nehmend hielt er eine irritierende Rede, versprach Reformen und warnte vor Bürgerkrieg. Saif al-Islam wurde schon seit geraumer Zeit als Nachfolger Gaddafis gehandelt. Aus den Skandalen des Clans versuchte der 38-Jährige sich rauszuhalten. Zwar soll auch Saif al-Islam wissen, wie man zünftig feiert, aber auch, wie man es ohne Öffentlichkeit und negative Schlagzeilen veranstaltet.

US-Depeschen, die über die Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlicht wurden, sehen ihn als Hoffnungsträger, berichten von Jagdausflügen nach Neuseeland und Algerien anstatt von Gelagen und Gewaltexzessen. Mit seinen Geschwistern steht der Absolvent einer Londoner Universität nicht im besten Kontakt. Er soll sogar einen persönlichen Geheimdienst aufgebaut haben, der ihm täglich über die Aktionen seiner Geschwister berichtet. Saif al-Islam soll derzeit eine neue Verfassung für das Land ausarbeiten. Er widersprach Berichten über Angriffe der libyschen Luftwaffe auf Zivilisten. Seit Beginn der Unruhen seien einige wenige Menschen gestorben, sagte er im libyschen Rundfunk. "Aber (...) von hunderten oder tausenden zu sprechen und von Luftangriffen, das ist ein Witz selbst vom militärischen Standpunkt aus", sagte er. "Denn wie kann man mit Flugzeugen Demonstranten angreifen, selbst wenn man töten will?"

Militärische Familienbande

Sohn Chamis, mit 29 Jahren der jüngste im Bunde, schickte seine Brigade nach al Baidha, um die Demonstranten dort zu vertreiben. Und Al-Saadi wurde bereits in der vergangenen Woche von seinem Vater ins Zentrum des Aufstandes nach Bengasi geschickt. Im Osten des Landes soll der 37-Jährige einen Aktionsplan zur Verbesserung der Infrastruktur umsetzen. Der britischen "Financial Times" sagte er in einem Telefoninterview, 85 Prozent des Landes seien "sehr ruhig und sehr sicher". Sein Vater werde künftig als Berater einer neuen Regierung fungieren. "Mein Vater wird bleiben als großer Vater, der Ratschläge gibt." Al-Saadi hat sich bisher international vor allem als mittelmäßiger Fußballer in den unteren italienischen Ligen hervorgetan, war 2003 wegen Dopings gesperrt.

Putsch, Partys, Privatkonzerte

Sprössling Mutassim, geboren 1975, soll Anführer eines Putsches gegen seinen Vater gewesen sein. Nach ein paar Jahren in Ägypten verzieh Gaddafi ihm seine Verfehlung und machte den viertältesten zum nationalen Sicherheitsberater. Allerdings lässt es Mutassim auch gern privat ordentlich krachen. 2009 soll er auf der Karibikinsel St. Barth eine kleine Party gefeiert und sich Mariah Carey als musikalische Untermalung gewünscht haben. Die kam auch - für die ansehnliche Gage von einer Million Dollar. Ein Jahr später gaben sich Usher und Beyoncé die Ehre.

Sohn Hannibal, 33, hat ein üppiges Sündenregister. Betrunken, mit 140 Sachen und auf der falschen Straßenseite raste Gaddafis Sprössling 2004 über die Champs-Elysées in Paris. Außerdem wurde er von einem französischen Gericht zu vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er seine Geliebte Aline schlug. Später, Aline war bereits seine Ehefrau, soll er bei einem Aufenthalt in London zugeschlagen haben. Zu einer diplomatischen Krise weitete sich ein Vorfall 2008 in der Schweiz aus: Hannibal wurde von zwei Bediensteten beschuldigt, sie körperlich zu misshandeln. Der Gaddafi-Spross saß zwei Tage in Haft und Vater Gaddafi hetzte fortan gegen die Schweiz, hielt zwei Eidgenossen in Libyen fest.

Ölvorkommen halten die Familie aus

Der jüngste Sohn Saif al-Arab (29) wohnt sogar einige Zeit in Deutschland. Im Münchner Stadtteil Waldperlach besaß er eine Villa. Mehrmals geriet er mit der Polizei aneinander. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelte unter anderem wegen Waffenschmuggels und Körperverletzung gegen ihn, es kam jedoch nie zu einer Anklage. Mittlerweile wohnt er nicht mehr in der bayerischen Hauptstadt.

Sohn Mohammed ist der einzige, den Gaddafi nicht mit seiner zweiten Frau Safia Farkasch gezeugt hat. Der 40-Jährige ist Gaddafis Spross aus erster Ehe mit der Offizierstochter Chairija al-Nuri. Über Mohammed weiß man wenig. Er ist Informatiker, Chef der Post und der staatlichen Telefongesellschaft und Vorsitzender des Nationalen Olympischen Komitees.

Finanziert haben sich die Sprösslinge des Diktators ihre Ausschweifungen dank der Ölvorkommen des Landes. Die Kinder Gaddafis bezogen 2006 gemäß einer US-Depesche, die von Wikileaks veröffentlicht wurde, "bedeutende Einkünfte" aus dem nationalen Ölunternehmen sowie aus Subfirmen in der Ölverarbeitungsindustrie. Gaddafi und seine Angehörigen "direkten Zugang zu lukrativen Geschäftsdeals" haben. Der Clan habe "starke Interessen im Öl- und Gas-Sektor, an Telekommunikation, Infrastruktur, Hotels, Medien und Konsumgütern", zitiert die "Financial Times" aus der Depesche.

Man könnte über die Eskapaden schmunzeln, doch die Nachkommen des Diktators sind ein Pulverfass, über die Aufteilung des riesigen Geschäftsimperiums sollen die Söhne heillos zerstritten sein. In einem US-Dokument von März 2009 heißt es, die Eskapaden der Gaddafi-Sprösslingen gäben "genug Schmutz für eine libysche Seifenoper" her, heißt es darin. Man glaubt es sofort.

Mit AFP/DPA / DPA