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Nach tagelangen Protesten in Libyen Regierungsgebäude in Tripolis steht in Flammen


Die Unruhen in Libyen haben eine neue Stufe erreicht. Regierungskritische Demonstranten verwüsteten in Tripolis Gebäude, einige stehen in Flammen. Zuvor hatte Präsidentensohn Saif al Islam al Gaddafi sich mit einer Rede ans Volk gewandt, versprach Reformen und warnte zugleich vor einem Bürgerkrieg.

In Libyen haben die gewaltsamen Proteste gegen das Regime von Staatschef Revolutionsführer Muammar el Gaddafi die Hauptstadt Tripolis erfasst. Oppositionsanhänger brannten in der Nacht zu Montag das Gebäude des Volkskongresses nieder. Nach Augenzeugenberichten soll das Gebäude des staatlichen Fernsehens geplündert worden sein. Die Lage in dem nordafrikanischen Land blieb unübersichtlich.

Mehrere Volksstämme sollen sich den Gaddafi-Gegnern angeschlossen haben. Ein Gaddafi-Sohn warnte vor einem Bürgerkrieg. Der Staatschef mied weiter die Öffentlichkeit. Die Gewalt in Libyen lässt die Ölpreise steigen.

Hat Gaddafi das Land verlassen?

Nach tagelangen Protesten hatte sich die Lage in dem nordafrikanischen Land am Wochenende weiter zugespitzt. Nach Bengasi und El Baida im Osten des Landes erreichten sie auch die Mittelmeerstadt Misrata sowie Tripolis. Nach Angaben von Einwohnern und einem AFP-Korrespondent hallten Schüsse und Krankenwagen-Sirenen durch die Viertel der Hauptstadt. Gleichzeitig aber waren Hup-Konzerte sowie laute Freudenschreie von Frauen zu hören: Gerüchte machten die Runde, Gaddafi habe nach 41 Jahren an der Macht das Land bereits verlassen - tatsächlich schweigt der Revolutionsführer seit Beginn der Proteste vor knapp einer Woche.

Gaddafis Sohn, der 2007 für ein Jahr den Reformflügel des Regimes leitete, machte in seiner Fernsehansprache deutlich, dass jeder Versuch einer "weiteren Facebook-Revolution" wie in Tunesien oder Ägypten niedergeschlagen werde. Die Armee stehe hinter dem Revolutionsführer. Gleichzeitig räumte er jedoch Fehler der Armee im Umgang mit den Protesten ein. Er sagte, die Führung sei bereit zu Reformen. Sie wolle aber, falls nötig, bis zum letzten Mann kämpfen.

Regierung verliert offenbar Kontrolle über mehrere Städte

Das Parlament, der Allgemeine Volkskongress, sollte am Montag zusammenkommen und über Reformen beraten. Nach Angaben von Einwohnern der Stadt waren bis zum frühen Morgen Schüsse zu hören gewesen. Zahlreiche Polizeistationen der Hauptstadt standen am Morgen in Flammen, wie ein Korrespondent des Fernsehsenders Al-Jazeera berichtete. Menschenrechtsgruppen hatten am Wochenende von etwa 150 Toten bei den tagelangen Aufständen gesprochen.

Nach unbestätigten Meldungen sollen sich die Sicherheitskräfte aus mehreren Städten zurückgezogen haben. Die Aufständischen, die am vergangenen Mittwoch mit ihren Demonstrationen gegen die Staatsführung begonnen hatten, haben demnach einige Städte weitgehend unter ihre Kontrolle gebracht. Im Osten hätten kriminelle Banden das Machtvakuum für Plünderungen ausgenutzt.

Stämme wenden sich offenbar gegen Gaddafi

Auf Internetseiten der Oppositionellen hieß, zwei Stämme planten, die Stadt Sebha in Zentrallibyen unter ihre Kontrolle zu bringen. Zuvor hatten Gerüchte die Runde gemacht, dass sich Gaddafi dorthin zurückgezogen haben soll.

Bis zum Morgen hingen Tränengasschwaden in der Luft. Der Flughafen Tripolis war am Montag noch geöffnet. Dem Vernehmen nach bereiteten sich zahlreiche Ausländer auf die Ausreise vor. Westliche Firmen sind vor allem im libyschen Energiesektor sowie im Baugeschäft tätig. Auch etwa 500 Deutsche leben in dem nordafrikanischen Land, darunter auch viele Deutsche mit doppelter Staatsbürgerschaft.

Auswärtiges Amt warnt vor Reisen in den Osten des Landes

Das Auswärtige Amt in Berlin warnt nun vor Reisen in den Osten des Landes. Auf seiner Internet-Seite empfahl das Ministerium ausdrücklich, Bengasi, die zweitgrößte libysche Stadt, zu meiden. Grundsätzlich wird geraten, von Reisen nach Libyen abzusehen. Allen Deutschen, die sich derzeit noch in dem nordafrikanischen Land aufhalten, wird die Ausreise empfohlen. Eine förmliche Reisewarnung für ganz Libyen gab es aber noch nicht.

Als Touristen sind im Land vermutlich nur wenige Bundesbürger unterwegs. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hatte Libyen erst im vergangenen November besucht und dabei auch Machthaber Muammar al-Gaddafi getroffen. Damals fand in Tripolis ein EU/Afrika-Gipfel statt.

Eine Sondermaschine der Turkish Airlines musste am Montag einen Evakuierungsflug abbrechen. Die Maschine habe in Bengasi, der zweitgrößten Stadt des Landes, keine Landeerlaubnis mehr bekommen und sei deswegen nach Istanbul zurückgekehrt, berichtete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu.

zen/DPA DPA

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