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Bürgerkrieg in Syrien: Gesucht: Belege für Giftgas-Grauen bei Damaskus

Berichte, Videos, Fotos. Sie alle sagen: In Syrien hat sich ein Massaker ereignet. Hunderte Tote durch Giftgas. Unabhängige Belege gibt es bisher nicht. UN-Chemiewaffen-Experten sollen sie liefern.

Die angeblichen Giftgasangriffe bei Damaskus beschäftigen nun die in Syrien ermittelnden Chemiewaffen-Experten der Vereinten Nationen. Der Leiter der Gruppe, der schwedische Professor Åke Sellström, sei mit der Regierung in Verhandlungen, "die alle angeblichen Einsätze chemischer Waffen betreffen, auch die jüngst berichteten", erklärte das Büro von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon am Mittwoch in New York. Details wurden nicht bekannt. Ban sei schockiert über die Berichte, hieß es.

Zuvor hatten Oppositionsgruppen behauptet, das Regime habe bei massiven Bombardements in Vororten östlich von Damaskus auch Giftgas eingesetzt. Dabei seien bis zu 1300 Menschen getötet worden - darunter viele Kinder. Belegt werden diese Behauptungen scheinbar durch zahlreiche Fotos, die im Internet kursieren, aber auch via dem oppositionelle Shaam News Network über internationale Nachrichtenagenturen verbreitet werden. Eine unabhängige Bestätigung für die Echtheit der Fotos gibt es bisher nicht. Die syrische Regierung dementierte den Einsatz von Nervengas.

Merkel weiter gegen Waffenlieferung an Opposition

Ban erinnerte daran, dass der Einsatz chemischer Waffen "von welcher Seite auch immer, unter welchen Umständen auch immer", gegen humanitäres Völkerrecht verstoße. Sellström und seine Experten sind seit Montag in Damaskus. Das Regime hatte sie zwar angefordert, dann aber monatelang nicht einreisen lassen. Die Gutachter sollen drei Fälle aus dem Frühjahr prüfen, in denen Giftgas eingesetzt worden sein soll.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) pochte ebenfalls auf eine Aufklärung des mutmaßlichen Giftgaseinsatzes. Es handele sich offensichtlich um ein entsetzliches Verbrechen, sagte sie am Mittwoch bei einer Veranstaltung der "Stuttgarter Zeitung". Es sei noch nicht klar, was dort passiert sei. Das müssten nun unabhängige Experten aufklären.

Für den Einsatz unabhängiger Experten zur Untersuchung des Vorfalls sei eine Erweiterung des UN-Mandates nötig, sagte Merkel. Sie könne nur hoffen, dass die internationale Staatengemeinschaft dazu bereit sei. Der UN-Sicherheitsrat trat am Abend zusammen, um die Vorfälle zu diskutieren. Merkel sprach sich abermals gegen Waffenlieferungen europäischer Länder an die syrische Opposition aus. "Wir werden und können nach unseren Grundsätzen in ein Gebiet, in dem Kampfhandlungen stattfinden, keine Waffen liefern. Das werden wir auch nicht tun." Die Opposition in Syrien sei sehr zersplittert. Selbst, wenn einige Länder Waffen lieferten, müsse man aufpassen, dass diese nicht in falsche Hände gerieten.

Geweitete Pupillen, Schaum im Mund

Die Kliniken im Osten von Damaskus meldeten im Laufe des Tages mindestens 213 Tote, wie die Krankenschwester Bayan Baker von der Notfall-Sammelstelle Douma berichtete. "Unter den Opfern sind viele Frauen und Kinder", sagte sie. "Sie kamen mit geweiteten Pupillen, kalten Gliedmaßen und Schaum im Mund hier an - die Ärzte sagen, dies seien die typischen Symptome von Nervengas-Opfern." Eine Oppositionsgruppe in Damaskus berichtete, der Angriff habe gegen 3 Uhr morgens begonnen. "Eine riesige Zahl von Menschen war dem Gas ausgesetzt", erklärte die Organisation. Die Zahl der Toten sei beständig gestiegen. Die Menschen seien erstickt, da es mangels Medikamenten keine Möglichkeit gegeben habe, ihnen zu helfen.

Der Anführer der oppositionellen Nationalen Koalition, Ahmed Dscharba, beschuldigte die Truppen von Präsident Assad, ein Massaker verübt zu haben. Im Internet tauchten neben zahlreichen Fotos auch Amateur-Videos auf. Ein Film, der angeblich im Viertel Kafr Batna aufgenommen wurde, zeigte ein Zimmer mit mehr als 90 Leichen, darunter viele Kinder sowie einige Frauen und ältere Männer. Die Haut der Toten wirkte kreidebleich, Verletzungen waren nicht zu sehen.

dho/DPA/Reuters / DPA / Reuters