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Bürgerkrieg Syrische Revolution im Berliner Hinterhof

Der Verein "Adopt a Revolution" unterstützt die syrische Revolution mit einem besonderen Patenschaftsprojekt. Statt mit Waffen soll der Machtwechsel mit friedlichen Mitteln erreicht werden.
Von Manuela Pfohl

Die Nummer ist fest eingebrannt ins Gehirn. Tausendmal gewählt. Erst Stille, dann die tiefen Töne des Rufzeichens. Dann das Knistern und die Stimme der Mutter oder der Schwester. Glücksgefühl. "Salaam Aleikum. Wie geht es euch? Schön, euch zu hören." Doch seit sechs Tagen kann Aktham Abazid wählen, so viel er will. Unzählige Male hat er es versucht. Die Leitung zu seiner Familie in Syrien ist tot, und dem 39-jährigen Berliner bleibt nicht viel mehr als die Hoffnung, dass es einfach nur wieder am Netz liegt und nicht daran, dass Schwester und Mutter den Kämpfen um die Heimatstadt Dara’a zum Opfer gefallen sind.

Nach Angaben des UN-Generalsekretärs Ban Ki Moon sind seit Beginn der Aufstände in Syrien vor 17 Monaten bereits rund 17.000 Menschen getötet worden. Eine nüchterne Zahl, die in dem kleinen Büro des Vereins "Adopt a Revolution" in einem Berliner Hinterhof Gesichter bekommt. Der PC-Bildschirm liefert sie via Youtube, als verwackelte Handyaufnahme, per Skype und auf unzähligen Fotos. Blutverschmierte regungslose Körper, zerschossene Leben. Verlorene Zukunft. Manche Aufnahmen sind so schlimm, dass man sie sich eigentlich nicht ansehen kann. Aktham Abazid und seine Mitstreiter tun es trotzdem. Vor mehr als einem Jahr haben sie ihre Initiative gegründet. Das Ziel: "Wir wollen die friedlichen Proteste im Land unterstützen, damit das Töten endlich aufhört und das System Assad gestürzt wird", sagt Elias Perabo. Mit den Informationen, die sie aus Syrien bekommen, und den Bildern der Gewalt soll den Menschen im sicheren Deutschland gezeigt werden, wie wichtig die Unterstützung ist.

800 Euro für einen angeschossenen Studenten

Über sogenannte Patenschaften für derzeit rund 30 lokale Initiativen will "Adopt a Revolution" das zivilgesellschaftliche Engagement in Syrien fördern und gleichzeitig helfen, den Grundstein für künftige demokratische Strukturen zu legen. Die Idee dazu kam Elias Perabo, als er im April vergangenen Jahres das erste Mal in Syrien war und den beginnenden Aufstand miterlebte. Zusammen mit seinem Freund, dem Cyberaktivisten Rami Nakhle, nutzte er das Internet, um über die Lage im Land zu informieren. Fast acht Wochen blieb er in Beirut, um Kontakte aufzubauen und ein Netzwerk zu knüpfen. Im September reiste er nach Damaskus, um mit den Aktivisten vor Ort die Arbeit zu besprechen. "Viele von denen, die jetzt helfen, waren früher total unpolitisch", sagt Perabo und sieht das als großen Erfolg für die Revolution.

Mehr als 200.000 Euro Spenden hat die kleine Truppe engagierter Studenten, Exilsyrer, Intellektueller und Menschenrechtsaktivisten bislang eingesammelt und über verschlungene und oft höchst gefährliche Wege zu den Bürgerkomittees nach Syrien schmuggeln können. Die dortigen Initiativen kaufen davon Kommunikationstechnik, sichere Handys, Druckerpatronen und Papier. Sie unterstützen Familien, die alles verloren haben, und immer häufiger kaufen sie davon auch Medikamente für die vielen Verletzten, die ohne die Hilfe von außen kaum noch behandelt werden könnten. 800 Euro kostete allein die Behandlung eines Studenten, der bei einer friedlichen Demonstration in Aleppo angeschossen worden war.

"Die Gewalt hat extrem zugenommen in den vergangenen Tagen", sagt Perabo. Zu Beginn des Ramadan am 20. Juli begann sich die Lage noch einmal zu verschärfen. Fast im Minutentakt kamen am Freitag die Meldungen der Aktivisten aus Syrien in Berlin an. Dramatische Geschichten, die sich in den Nachrichten auf die militärischen Aktionen reduzierten. Dass kaum jemand wahrgenommen hat, "dass es am Freitag 681 gewaltfreie Demonstrationen und Aktionen an 585 Orten gab und allein an diesem Tag mehr als 200 Menschen starben", wundert den 31-jährigen Politikwissenschaftler. Dabei seien die Proteste das Herz der Revolution – und die Voraussetzung, dass es nach dem Ende des Assad-Regimes ein geeintes Syrien gibt.

Ein Haus, zerlöchert wie ein Sieb

Besonders dramatisch war die Situation immer wieder in Dara’a, im Südwesten des Landes. Dort, wo Aktham Abazid lebte, bis er vor 13 Jahren nach Deutschland kam. In der rund 100 Kilometer von Damaskus gelegenen Stadt hatte im März 2011 der Aufstand begonnen. Das Regime hat die Menschen seitdem ein dutzend Mal bitter dafür bestraft.

Von dem Haus, in dem Abazid aufgewachsen ist und in dem seine Familie lebte, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Nachdem es ein paar Mal von Polizisten und Militär gestürmt worden war, haben die Einschläge der Mörsergranaten es zerlöchert wie ein Sieb. Blanker Hass gegen die Familie, die sich seit Jahren offen gegen das Assad-System engagierte, machte auch vor dem Lebenswerk des Vaters nicht halt. Das Atelier des Künstlers wurde komplett zerstört. "Von den 68 Bildern, die dort waren, sind uns nur drei geblieben", erzählt Abazid. Nicht viel besser sehen die Häuser der Verwandten und Nachbarn aus. Und trotzdem will die Mutter nicht weg. Es muss doch irgendwann vorbei sein, hat sie ihrem Sohn immer wieder gesagt. Auch als er das letzte Mal mit ihr telefonierte und sie gerade bei Verwandten in einem anderen Stadtviertel von Dara’a Zuflucht gefunden hatte.

Krieg oder Frieden?

Als Aktham Abazid in den Nachrichten die Bilder der jüngsten Bombenangriffe sah, fühlte er, wie die Angst um seine Familie einem Gefühl der Machtlosigkeit wich und schließlich in einer Art Gleichgültigkeit endete. "Es ist, als ob die Gewalt einen irgendwann abstumpft. Man weiß, dass es die Realität ist, dass da Menschen sterben, aber es wird irgendwie Normalität." Ein Prozess, den Perabo und seine Mitstreiter für höchst gefährlich halten. "Umso länger die Zustände in Syrien anhalten, umso schwerer wird es werden, nach dem Zusammenbruch eine friedliche Gesellschaft mit demokratischen Strukturen aufzubauen", fürchtet er. Und: "Natürlich hilft die Destabilisierung des Landes den Radikalen." Selbst einige einst friedliche Intellektuelle würden mittlerweile zur Waffe greifen, weil sie auf eine friedliche Lösung nicht mehr vertrauen.

Elias Perabo und die anderen Mitstreiter von "Adopt a Revolution" wollen sich von der zunehmenden Resignation nicht anstecken lassen. Sie arbeiten weiter in dem kleinen Berliner Büro und halten an ihrer Idee des gewaltfreien Widerstandes fest. Und wenn ihm eine Minute bleibt, dann nimmt Aktham Abazid das Telefon, wählt die Nummer seiner Familie und hofft, dass jemand abnimmt und sagt: "Salaam Aleikum. Uns geht es gut."


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