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Meinungsstarker Thronfolger Charles, der politische Prinz – und nun König der klaren Ansage? Davon ist nicht auszugehen

König Charles III.
König Charles III.: "Es ist unmöglich, nicht die Stimmen verzweifelter junger Menschen zu hören, die euch als Verwalter des Planeten sehen"
© Jane Barlow - WPA Pool / Getty Images
Prinz Charles hat die Regeln des Sagbaren für einen Monarchen verschoben. Wird der Thronfolger von Queen Elizabeth II. ein ebenso politischer König sein? 

Die britische Monarchie steht vor einer Zäsur – und König Charles III. unmittelbar vor zwei Herausforderungen. Die erste ist offensichtlich: Für den Thronfolger von Queen Elizabeth II. gilt es eine trauernde Nation zu trösten, während er selbst den Tod seiner Mutter zu beklagen hat. Die zweite: Er wird beweisen müssen, dass er sich aus der Politik heraushalten kann.

Schließlich besteht die erste Verantwortung eines britischen Monarchen darin, der ungeschriebenen Verfassung des Königreichs zu dienen – und nicht als privilegierte Stimme indirekten Einfluss darauf zu üben. "Ich dien" lautet nicht zuletzt die offizielle Devise des Prince of Wales, die auch auf Insignien des vorerst vakanten Titels verbrieft ist.

Nun, streng daran gehalten hat sich Charles bisweilen nicht.

In den vergangenen Jahren hat sich der Prinz Charles immer wieder in die politische Debatte eingemischt, ist mit starken Meinungen zu allerhand Themen aufgefallen, vom Klimawandel bis zur modernen Architektur. Und nicht immer zum Guten. Stets bestand er darauf, dass seine Meinungen persönlich und nicht "monarchisch" zu bewerten seien. Meinungen waren es trotzdem. 

Könnte also auch ein König Charles versuchen, die Regeln des Sagbaren für einen Monarchen (weiter) zu verschieben, wie es sein Freund und Biograf Jonathan Dimbleby vor einigen Jahren bereits angedeutet hatte? Ein solcher Schritt, so Dimbleby damals, würde eine "seismische Verschiebung in der Rolle des Souveräns" bedeuten.

Als Prince of Wales nahm er sich jedenfalls die Freiheit, die einem Royal eigentlich nicht zukommt, zumal nicht einem seines Ranges: Er leistete sich eine öffentliche politische Meinung. 

Ein Klimaaktivist wird König

Schon im Alter von 21 Jahren betrat der Monarch politisches Territorium, als er im Rahmen einer Konferenz in Cardiff auf die Bedrohungen der Umweltverschmutzung, Plastik und Überbevölkerung aufmerksam machte. Das war im Jahr 1970, damit lange bevor Umweltbelange Einzug in den politischen Mainstream fanden. Seinerzeit habe man ihn für "komplett verrückt" gehalten, das Thema auf die Agenda zu setzen, sagte Charles später. Wohl auch mit gewissem Stolz.

Die Umwelt, der Klimawandel und Klimaschutz sind für den einstigen Bio-Bauern und berüchtigten Blumen-Flüsterer seitdem zentrale Anliegen geblieben, wenngleich die Bühnen für seine Mahnungen über die Jahre immer größer wurden. 2008 appellierte vor dem Europäischen Parlament, dass die "Weltuntergangsuhr des Klimawandels tickt".

Er ersuchte 2021 die Staats- und Regierungschefs der G20 in Rom, doch bitte auf die "verzweifelten Stimmen junger Menschen" in der Klimakrise zu hören: "Es ist unmöglich, nicht die Stimmen verzweifelter junger Menschen zu hören, die euch als Verwalter des Planeten sehen, die die Lebensfähigkeit ihrer Zukunft in ihren Händen halten“, lautete sein dringlicher Appell. Er zeigte bei allerhand Klimakonferenzen Präsenz, hielt Reden bei der COP21 in Paris oder COP26 in Glasgow

Und die Liste lässt sich noch lange fortsetzen.

Der Monarch mischt sich gern ein, wettert über moderne Architektur, präsentiert sich als treuer Vertreter von Alternativmedizin. Und ist in den Augen seiner Kritiker mit seinem politischen Engagement auch schon gewaltig über das Ziel hinausgeschossen.

Mit mahnenden Grüßen, Prinz Charles 

So hatte Charles zahlreiche Briefe an Minister und an den früheren Premierminister Tony Blair (1997 bis 2007) geschickt, die 2015 nach einem zehn Jahre lang andauernden Rechtsstreit vom Königshaus veröffentlicht wurden. Für die Herausgabe der Briefe hatte der britische "Guardian" seit 2005 gekämpft, vor allem gegen den erbitterten Widerstand der Regierung.

In einem Schreiben von 2004 forderte Charles die Regierung etwa dazu auf, die Streitkräfte mit funktionierenden Kampfhubschraubern auszurüsten, mangele es den Soldaten andernfalls an "nötiger Ausrüstung". Premierminister Blair hatte zuvor britische Soldaten in den Irak geschickt. Auch über die Zukunft der Landwirtschaft oder Subventionen für Bergbauern machte sich der Monarch Gedanken.

Stets zu Themen des öffentlichen Interesses, wie sein Büro seinerzeit in einem Statement beteuerte: Charles versuche lediglich, Dinge, die an ihn herangetragen wurden, weiterzuleiten. Kritiker warfen ihm damals vor, seine Position als künftiger König auszunutzen und das Neutralitätsgebot zu verletzen.

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Ähnlich, aber anders, sorgte Charles erst vor wenigen Monaten für Kopfschütteln in Westminster. Im Juni berichtete die "Times", dass der Prinz den Flüchtlingsdeal mit Ruanda in einer privaten Unterhaltung scharf kritisierte. Über die Idee, unerwünschte Asylbewerber von England nach Ruanda auszufliegen, habe er sich demnach "empört" und über die Regierungspolitik "mehr als enttäuscht" gezeigt. 

Da es sich nicht um eine öffentliche Stellungnahme handelte, wurden Charles' Äußerungen nicht als unmittelbare Grenzüberschreitung gewertet – wenngleich sich einige Regierungsmitglieder durchaus verärgert zeigten. So hätten Kabinettsmitglieder, die nicht namentlich genannt werden wollten, den Prinzen gewarnt, dass er sich "derartige Einmischungen" als Monarch nicht mehr werde leisten können. Er habe offenbar "seine Rolle missverstanden", wurde ein Minister zitiert. 

König, ausgerechnet jetzt  

Nun, als König, wird Charles gezwungen sein, die hauchdünne Grenze zwischen politischer Einmischung und dem Neutralitätsgebot des Throns nicht zu überschreiten. Und das ausgerechnet jetzt.

Denn die Krisendichte ist hoch: Das Königreich ist noch immer gespalten in Brexit-Befürworter und Gegner, kämpft unter dem Eindruck des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine unter einer Wirtschaftskrise – und der Klimawandel ist immer noch nicht gestoppt. Wird König Charles III. sich zurückhalten können?

Vermutlich nicht, wenngleich hinter verschlossenen Türen und nicht mehr in der Öffentlichkeit, wie "Guardian"-Kolumnist Simon Jenkins erwartet. So könnte Charles etwa bei seinem wöchentlichen Treffen mit Premierministerin Liz Truss, dessen Inhalt unter vertraulicher Geheimhaltung steht, versuchen, seine Meinung zu platzieren. "Es ist vielleicht nicht mehr als ein Gespräch mit der mächtigsten Person des Landes", schreibt Jenkins, "aber das allein ist schon eine einflussreiche Position." Zumal: In Buckingham Palace und Westminster bestehe immer die Gefahr eines Lecks, durch das vertrauliche Informationen nach außen gelangen. 

Charles mag nun König sein, aber still dürfte es nicht um ihn werden. 

Quellen: "Süddeutsche Zeitung", "ITV", "ntv.de", "Frankfurter Rundschau", EU-Parlament, Redaktionsnetzwerk Deutschland, Vereinte Nationen, "Tagesspiegel", WDR, "The Times", "The Guardian"

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