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Charles Taylor: Der Schlächter ist fort

Charles Taylor hat sein Amt als Präsident Liberias an seinen Nachfolger Moses Blah abgetreten und sich ins Exil nach Nigeria begeben. Sogar mit seinen Abschiedsworten verbreitete er noch Angst und Schrecken.

Charles Taylor ist sich treu geblieben. Bis zur letzten Minute war seine Präsidentschaft in Liberia eine große Selbstinszenierung. Wochenlang kämpften Rebellen und Regierungstruppen um die Hauptstadt Monrovia, fast 2000 Menschen kamen dabei ums Leben. Die USA forderten Taylor zum Rücktritt auf. Die westafrikanischen Staaten schickten eine Einsatztruppe. Doch ungeachtet all dieser Umstände lud Taylor zu einer Zeremonie, die einer Mischung aus Baptisten-Gottesdienst und einer Übergabe am Ende einer normalen Amtszeit glich.

Staatsoberhäupter dankten Taylor

Zunächst saß Taylor im weißen Anzug mit grüner Schärpe auf dem Präsidentensessel. Später trug sein Nachfolger Moses Blah die Schärpe über seinem weiten traditionellen Gewand. Taylor und Blah kennen sich aus Zeiten, in denen beide noch den Kampfanzug der Rebellen trugen. Es wurde gesungen und gebetet, Taylor und Blah hielten sich an den Händen, der Vorbeter machte Segensgesten auf ihrer Stirn. Mehrere afrikanische Staatsoberhäupter waren gekommen und dankten Taylor für seinen Rücktritt.

Auf die vielen Flüchtlinge, die Kriegsverletzten und die von Soldaten vergewaltigten Mädchen und Frauen musste der feierliche Staatsakt wie eine Farce wirken - wenn sie Gelegenheit gehabt hätten, ihn zu verfolgen. Taylor hinterlässt ein Land, das fast 14 Jahre unter einem Bürgerkrieg gelitten hat, in dem etwa eine Viertelmillion Menschen getötet wurde. Am Heiligabend 1989 war Taylor mit einer Rebellentruppe von der Elfenbeinküste aus in Liberia eingefallen, um Samuel Doe die Macht zu entreißen.

"Ich bin das Opferlamm"

Doch Taylor fühlt sich nach eigenem Bekunden weiterhin unschuldig. "Ich bin das Opferlamm", sagte er zum Abschied. "Ich fühle mich wie Jesus, der vor den Hohepriester geführt wird, obwohl er doch keine Sünde begangen hatte." Er zeigte sich überzeugt, dass er seine Pflicht erfüllt habe und die Geschichte gut über ihn urteilen werde.

Der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki berichtete, wie überrascht er über die Einladung zu Taylors Abschiedsfeier war. Nach Ansicht von Beobachtern ist die Anwesenheit der Staatschefs auch Ausdruck des Bemühens, afrikanische Probleme intern zulösen - und sei es, indem einem als Kriegsverbrecher angeklagten Staatschef der Weg ins Exil geebnet wird. Taylor soll im Nachbarland Sierra Leone den Bürgerkrieg angestachelt und sich am Diamantenhandel bereichert haben.

Allerdings bleibt den afrikanischen Politikern auch kaum etwas anderes übrig, als sich selbst zu kümmern. Die USA haben deutlich gemacht, dass sie nicht bereit sind, sich zusätzlich zum Irak auf ein afrikanisches Abenteuer einzulassen, dass ähnlich schlimme Folgen haben könnte wie der Einsatz in Somalia vor zehn Jahren.

Vorwürfe an die USA

Am Vorabend hatte Taylor die USA scharf kritisiert. Bei der Abschiedsrede an sein Volk saß er unter der liberianischen Flagge, die nach dem Vorbild der amerikanischen gestaltet ist. Er warf den Amerikanern vor, die Rebellen zu unterstützen, um an die Rohstoffe des Landes zu kommen.

Dass die Ausstrahlung wegen Stromausfalls verschoben werden musste, war nur ein dezenter Hinweis auf die katastrophale Lage in der Stadt. Mehr als eine Million Menschen in Monrovia sind auf Hilfe von außen angewiesen, leiden an Hunger, Durst und Krankheiten. In der Stadt sind etwa 450 000 Flüchtlinge.

Misstrauen unter der Bevölkerung

Manche Liberianer zögerten zunächst, ihrer Freude freien Lauf zu lassen. "Erst muss er noch wie versprochen das Land verlassen", sagte ein Einwohner Monrovias. In der nigerianischen Stadt Calabar war in den vergangenen Tagen eine Villa für ihn hergerichtet worden. Unsicher ist allerdings, wie lange Taylor dort bleibt. Seine Rede endete mit den Worten: "So Gott will, komme ich wieder!"

Ulrike Koltermann/DPA