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CIA-Aussteiger Scheuer: "Es ist ein Alptraum"

Michael Scheuer jagte für die CIA jahrelang Osama bin Laden, vor einem Jahr verließ er den Geheimdienst. stern-Korrespondentin Katja Gloger sprach mit ihm über Folter-Vorwürfe, Gefangenenauslieferungen und die Fehler der Bush-Regierung.

Herr Scheuer, warum haben Sie die CIA verlassen, der Sie 22 Jahre dienten?

Die CIA war das Bauernopfer. Wir wurden für Fehler verantwortlich gemacht, die wir nicht begangen haben. So wird ein Geheimdienst zerstört.

Zum Beispiel?

Zwischen Mai 1998 und Juni 1999 hatten wir zwei konkrete Möglichkeiten, Osama bin Laden gefangen zu nehmen. Und wir gaben dem Militär acht genau so konkrete Hinweise, aufgrund derer sie bin Laden hätten töten können. Doch es geschah nichts.

Sie leiteten drei Jahre lang die hochgeheime Abeilung "Alec", die bin Laden jagte.

Ja. Doch weder CIA-Direktor George Tenet noch Präsident Clinton wollten vorgehen. Immer gab es irgendeinen Grund: die europäischen Verbündeten etwa. Einmal wussten wir, dass bin Laden ein Luxuszelt in der Wüste aufsuchen würde, um einen Prinzen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zu besuchen. Doch man wollte das Leben des Prinzen nicht riskieren. Ich glaube, weil sein Vater damals gerade F-16 Kampfjets im Wert von zehn Milliarden ordern wollte. Auch unter Bush änderte sich kaum etwas. So nannten wir ihm den konkreten Standort von Abu Musab al Sarkawi...

... einem der meistgesuchtesten Terroristen, der vor allem im Irak operiert.

Wir hätten ihn ein Jahr vor dem Beginn des Irak-Krieges kriegen können.

Warum unternahm Bush nichts?

Die Amerikaner wollten damals die Europäer als Verbündete für den Irak-Krieg gewinnen. Der Schutz von Amerikanern war offenbar kein Argument. Ich bin dann zurückgetreten, um das öffentlich sagen zu können.

Sie haben dann ein Buch unter dem Pseudonym "Anonymus" geschrieben, in dem Sie die CIA-Bürokratie und die Politiker kritisieren.

Es hatte eine unglaubliche Wirkung. Nämlich so gut wie keine. Heute operiert die CIA am Rande ihrer Möglichkeiten. Wir haben kaum noch Leute. Wir können nicht zwei Kriege gleichzeitig führen, den Krieg gegen den Terror und den Krieg im Irak.

Ab 1995 bauten Sie auch das Rendition-Programm der CIA auf. Warum verteidigen Sie es bis heute?

Clintons Leute wollten damals, dass wir aggressiver gegen al Kaida vorgingen. Doch wir hatten keine rechtlichen Möglichkeiten. Damals hatten wir die Idee, mutmaßliche Terroristen in die Länder auszuliefern, in denen sie per Haftbefehl gesucht wurden. Wir lieferten die Informationen, die zu ihrer Verhaftung führten. Dann flogen wir die Leute aus, vor allem nach Ägypten.

Wie viele dieser "Auslieferungen" organisierte die CIA?

Ich weiß von 50 al-Kaida-Leuten. Andere nennen rund 100 Fälle bis zum 11. September 2001. Aber die CIA hat diese Leute weder gekidnappt, noch verhaftet oder verhört. Wir konnten unsere Fragen übermitteln. Aber die Geständnisse interessierten uns kaum. Wir wollten ihre Computer, ihre Adressbücher, ihre Papiere. Das waren unsere Goldminen.

Sie ließen andere die Drecksarbeit erledigen?

Auch die Regierung von Präsident Clinton wollte sich nicht die Finger schmutzig machen. Die Probleme mit Folter-Staaten interessierten niemanden sonderlich. Es hieß immer nur, die Leute sollten nach den Gesetzen ihrer jeweiligen Länder behandelt werden. Das war zynisch, ja. Doch es war das erfolgreichste Terrorismus-Bekämpfungsprogramm, das die CIA je hatte. So wurden Menschenleben gerettet. Da bin ich ganz sicher. Auch in Europa. Ganz konkret in Großbritannien. Und das weiß auch die deutsche Regierung. Man soll da nicht scheinheilig sein. Doch jetzt ist es ein Alptraum.

Warum?

Wir hätten die Leute niemals in geheime Lager schicken dürfen. Wir sollten sie als Kriegsgefangene behandeln. Mit allen Rechten, die Kriegsgefangene nach der Genfer Konvention haben. Das Rote Kreuz soll Zugang erhalten. Sollen sie Schweizer Schokolade kriegen, sollen sie Briefe an Mama schreiben. Solange, bis der Krieg vorbei ist. Dann schickt man sie nach Hause. Oder stellt sie vor Gericht.

Warum passiert das nicht?

Vielleicht will dieser Präsident einfach nicht zugeben, dass Fehler passieren. Außerdem sollen die Gefangenen auf keinen Fall einen legitimen Status erhalten. Als ob man sie dadurch aufwerten würde. Welch eine Arroganz. Welch eine katastrophale Fehleinschätzung. Ich habe großen Respekt vor al Kaida als Organisation. Sie ist ein sehr gefährlicher Gegner.

Wird bei der CIA gefoltert?

Nein. Die Praktiken, von denen jetzt die Rede ist, wurden von den amerikanischen Behörden autorisiert. Sie sind legal. Das Justizministerium, die Rechtsanwälte haben zugestimmt. Mehr können wir nicht tun.

Beinahe-Ertränken und Kidnapping sollen legal sein?

Ich habe von sechs Verhör-Methoden gehört. Ich glaube nicht, dass es sich dabei um Folter handelt. Wir machen nicht das, was die Ägypter tun oder die Syrer.

Genau dorthin aber werden ja gekidnappte Gefangene ausgeliefert.

Das hätten wir niemals tun sollen.

Was hätte der ehemalige CIA-Direktor George Tenet, jahrelang verantwortlich für den Krieg gegen den Terror, verhindern können?

Ach, George Tenet ist ein furchtsamer Mensch. Er war immer der falsche Mann am falschen Platz. Dabei muss man ihn einfach mögen. Er hat eine geschliffene Rhetorik. Er ist gewinnend, kann immer eine Träne vergießen, wenn es passend scheint. Er war der erste CIA-Direktor, der wie ein Rockstar daherkam. Doch Tenet stimmte immer allen Präsidenten zu. Und dann wurde er der Kumpel von Präsident Bush. Er war ihm viel zu nahe. Er konnte ihm wohl keine Nachrichten überbringen, die der Präsident nicht hören wollte. Tenet hat versagt. In der CIA und beim Präsidenten.

Wozu führte die Nähe zum Präsidenten?

Es hieß ja, es gebe Verbindungen zwischen Saddam Hussein und al Kaida.

Eines der wichtigsten Argumente für den Irak-Krieg.

Ja. Doch diese Informationen kamen nicht von uns. Wir gründeten eigens eine Arbeitsgruppe, die ich leitete. Wir sichteten alle Unterlagen. Wir gingen zehn Jahre zurück. Wir überprüften 20.000 Dokumente, lasen 75.000 Seiten. Wir fanden wieder nichts, absolut nichts. Wir verfassten einen Bericht. Wir dachten, der ginge ans Weiße Haus. Und dann hörten wir von dort wieder das glatte Gegenteil.

Jetzt fordert der CIA-Generalinspektor disziplinarische Maßnahmen unter anderem gegen George Tenet. Was wird geschehen?

Es wäre richtig. Es wäre eine der letzten Chancen, die Verantwortlichen für all die schrecklichen Fehler zur Rechenschaft zu ziehen. Aber dann würde wohl zu viel schmutzige Wäsche gewaschen. Und das will keiner. Daher habe ich nicht viel Hoffnung.

Interview: Katja Gloger