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Cristina Fernández de Kirchner: Die argentinische Hillary

Wenn die Argentinier am Sonntag wählen, bleibt voraussichtlich alles in der Familie: Die besten Karten, die Wahlen zu gewinnen, hat die First Lady des Landes, Cristina Fernández de Kirchner.

Von Karen Naundorf, Buenos Aires

"Primera Dama", so wollte Cristina Fernández de Kirchner nie genannt werden. Seit ihr Mann Néstor 2003 Präsident Argentiniens wurde, wehrte sie sich dagegen: Abgeordnete oder Senatorin, das ja, aber bitte nicht First Lady. Sonst komme am Ende noch jemand auf die Idee, ihren Sohn "First Son", die Tochter "First Daughter" und den Hund Alex, einen braunen Boxer, "First Dog" zu nennen.

Ab kommenden Sonntag muss sich Cristina, wie sie in ganz Argentinien leger genannt wird, um ihre Anrede in der Öffentlichkeit keine Sorgen mehr machen: Alles deutet darauf hin, dass sie die erste gewählte Präsidentin Argentiniens wird. Sie liegt in allen Umfragen vorn, in manchen mit über 25 Prozentpunkten. Nicht einmal die Kandidaten der Opposition zweifeln diesen Vorsprung an. Die Mitte-Links-Kandidatin Elisa Carrió und der Ex-Wirtschaftsminister Roberto Lavagna kämpfen um jede Stimme, um Cristina in einen - unwahrscheinlichen - zweiten Wahlgang zu zwingen.

"Die Wähler wollen, dass die Politik von Néstor Kirchner weitergeht, sie vertrauen ihm", sagt Meinungsforscher Jorge Giacobbe. Tatsächlich wird mit Cristina als Präsidentin einiges beim Alten bleiben: Zwei Kirchners in der Casa Rosada, dem rosa Regierungsgebäude. Kaum Wechsel bei den Ministerposten. Dazu kommt, dass sich Cristina seit ihrer Nominierung benimmt, als sei sie sowieso schon längst die Präsidentin. Seit Juli fliegt sie von einem Fototermin zum nächsten, lässt sich mit Nicolas Sarkozy, Angela Merkel, Medienmogul Rupert Murdoch und der argentinischen Nationalelf ablichten. Fliegt im Präsidenten-Hubschrauber zu Wahlveranstaltungen. Weiht Krankenhäuser oder andere Projekte der öffentlichen Hand ein, bei denen eigentlich ihr Mann am Rednerpult stehen müsste. "Presidenta!" hat sie bei den Wahlveranstaltungen lauthals verkündet. "Gewöhnt Euch daran, dass es in Zukunft "Präsidentin" heißt!"

Cristinas bester Wahlhelfer ist ihr eigener Mann. Wo immer es geht, lässt Néstor seine Frau ans Rednerpult, hält sich selbst im Hintergrund. Auch die positive Bilanz seiner Regierungszeit hilft Cristina bei der Kandidatur: Als Néstor Kirchner vor vier Jahren sein Amt antrat, trauten die Wenigsten dem schlaksigen Mann mit den schlecht sitzenden Anzügen zu, dass er das Land aus der Krise manövrieren könnte. Doch Kirchner überraschte alle: Die Steuereinnahmen stiegen, die Arbeitslosigkeit sank, die Außenhandelsbilanz war plötzlich positiv und die Wirtschaft wuchs vier Jahre in Folge um mehr als 9 Prozentpunkte, für dieses Jahr werden 8 vorausgesagt. Kirchner konnte die Armutsziffern fast halbieren. Doch mit 23,4 Prozent sind sie nach wie vor alarmierend und liegen wahrscheinlich in Wirklickeit höher.

Ein Drittel der Argentinier haben kein Trinkwasser

Ein weiteres Problem ist die Inflation: Sie stieg von 4% im Jahr 2003 auf über 10 Prozent in diesem Jahr, nach inoffiziellen Angaben sind es sogar 15. "Mehr als 33 Prozent der Argentinier haben kein Trinkwasser, die Hälfte der Häuser ist nicht an die Kanalisation angeschlossen, auf einen Termin im öffentlichen Krankenhaus muss man bis zu fünf Monate warten", sagt Meinungsforscher Giacobbe. "Trotzdem wird Cristina im ersten Wahlgang gewinnen."

"Cristina ist eine von uns", sagt Doña Petrona, Zugehfrau, Köchin und Mutter von neun Kindern aus Alejandro Korn, einem Vorort von Buenos Aires. "Sie ist stark und wird gewinnen." Auch Doña Petronas Kinder unterstützen die Kirchners. Einer ihrer Söhne spielt in der Band "Clase K" - das K steht für "Korn", beteuert die Band - die Cristina ein Lied gewidmet hat und dadurch in den letzten Wochen eine gewisse Berühmtheit erlangt hat: "Onkel Néstor hat Wort gehalten/Cristina, Du bist das Volk/Cristina, wir unterstützen Dich/Mit Cristina als Regentin der Nation/wird der Wandel erst richtig beginnen." In den letzten Jahren sei es im Viertel ruhiger geworden, weniger Drogen, weniger Überfälle und ein Projekt zur Trinkwasserversorgung sei auf dem Weg, sagt Gabriel, der Sänger der Band. Doch wenn man sich umsieht, scheint es eher, als regiere vor allem die Hoffnung: In der kleinen Holzhütte, in der Gabriel mit seiner Frau und zwei Kindern wohnt, gibt es weder Gas zum Kochen noch eine Toilette, auch das Elektrizitätswerk hat sich bisher nicht hierher bemüht, um die Hütte ans Netz anzuschließen. Wenn es regnet, ist der Schlamm auf der Straße knietief. Nicht mal die Müllabfuhr kommt vorbei, Gabriel hat ein Erdloch gegraben, dort sammelt er die Abfälle. Wenn das Loch voll ist, gräbt er ein anderes. Trotzdem will er Cristina wählen, wie die meisten anderen im Speckgürtel von Buenos Aires.

Die Wähler jubelten schon Evita Perón zu

Die Wähler der Kirchners finden sich in den gleichen Bevölkerungsschichten, die vor Jahrzehnten einer anderen argentinischen First Lady zugejubelt haben: Evita Perón. Die Frau von Juan Domingo Perón, die 1952 starb, wird noch heute in Argentinien wie eine Heilige verehrt: Als gütige Schöne, die sich für das Schicksal der Armen, der "Hemdlosen" einsetzte und sich stellvertretend für die, die nichts hatten, teuren Schmuck umlegte und ins schicke Teatro Colón ging. Immer wieder wird Cristina mit Evita verglichen, doch viel haben die beiden nicht gemein: Zwar hat auch Cristina eine exquisite Garderobe und geht nie ungeschminkt aus dem Haus. Doch sie stammt aus der Mittelklasse, ist Anwältin und baute ihre politische Karriere Stück für Stück auf. Zuerst als Abgeordnete der Provinz Santa Cruz, später als Senatorin. Evita dagegen hatte nie ein politisches Mandat. Ein anderer Vergleich passt besser: Der mit den Clintons. Zwei Jurastudenten lernen sich an der Uni kennen, verlieben sich, bekommen Kinder, beginnen ihre Politik-Karriere in der Provinz. Er wird Präsident, dann will sie es werden. Wie Hillary Rodham Clinton, betont auch Cristina Fernández de Kirchner im Vorfeld der Wahlen ihren Mädchennamen, Cristina Kirchner, das war ihr zu wenig. Wie die Clintons sind auch Cristina und Néstor nicht nur verheiratet, sondern auch politisch ein Team.

Wie es weitergeht, weiß niemand

Wie genau es in Argentinien mit Cristina Kirchner als Präsidentin weitergehen wird, weiß niemand so genau: Es gibt kein Programm für die ersten hundert Tage. Fernsehduelle mit den anderen Kandidaten sagte sie ab. Interviews gab sie so gut wie keine. Die Journalisten der argentinischen Zeitungen, die sie auf ihrer Europareise begleiteten, bei der sie auch Angela Merkel traf, konnten ihr auf der ganzen Reise nicht eine einzige Frage stellen. Nicht einmal in der letzten Woche vor der Wahl füllte Cristina die Fragebogen der Zeitungen aus, in denen die Anwärter auf das höchste Amt im Land ihre Position zu Themen wie Abtreibung, Arbeitslosigkeit oder der Inflationsbekämpfung angeben. Die Spalte unter ihrem Namen bleibt leer. Damit scheint Cristina in die Fußstapfen ihres Mannes zu treffen: Er gab in seiner gesamten Amtszeit nicht eine einzige Pressekonferenz. Klar ist jedoch, dass sich mit Cristina der Stil der argentinischen Außenpolitik ändern wird: Néstor hasst das Fliegen. Bevor er Gouverneur von Santa Cruz wurde, war er nie im Ausland, als Präsident betrat er zum ersten Mal Europa. Er ließ den spanischen König warten, versetzte Wladimir Putin. Cristina dagegen liebt es, auf dem internationalen Parkett zu glänzen, sie geht genauso geschickt mit Staatschefs um wie mit Fabrikarbeitern. Dass sie als künftige Präsidentin überall auf der Welt eine gute Figur machen wird, bezweifeln ihre Stammwähler wie Doña Petrona nicht: "Cristina ist stark, intelligent und wunderschön." Auch hat die Köchin einen Vorschlag, wie es in Argentinien nach Cristinas Amtszeit weitergehen: "Dann tritt vielleicht Néstor wieder an". Womit in Argentinien weiterhin alles in der Familie bliebe.