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ZDF-Serie über Alberto Nisman: War es Mord oder Suizid? Wie der Tod eines Staatsanwalts Argentinien bis heute spaltet

Am 18. Januar 2015 starb der argentinische Staatsanwalt Alberto Nisman – einen Tag, bevor er seine Vorwürfe gegen die Staatspräsidentin vorbringen wollte. Eine neue Serie arbeitet die rätselhaften Todesumstände noch einmal auf.

Schild mit dem Bild von Alberto Nisman und der Aufschrift "Justicia por Nisman"

"Gerechtigkeit für Nisman": Zum fünften Todestag des Staatsanwalts gingen in Argentinien erneut Demonstranten auf die Straße

AFP

Der 19. Januar 2015 sollte der Tag des großen Auftritts von Alberto Nisman werden. Jahrelang hatte der Staatsanwalt zu den Hintergründen eines Terroranschlags in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires ermittelt. Die Drahtzieher vermutete er im Iran, doch seine Vorwürfe richteten sich auch gegen die damalige Staatspräsidentin Cristina Kirchner. Seine Ermittlungsergebnisse sollte er in einer Anhörung im Parlament präsentieren. Aber dazu kam es nie.

Am 18. Januar 2015 nämlich, am Abend vor seinem Termin im Parlament, wurde Alberto Nisman tot in seinem Badezimmer aufgefunden. Todesursache: Ein Schuss in den Kopf. Bis heute ist unklar, ob sich Nisman selbst das Leben genommen hat oder ob er ermordet wurde. Und, falls es sich um Mord handelte, wer steckte dahinter? Diese Fragen spalten seit fünf Jahren die argentinische Gesellschaft in einem verworrenen Fall, an dem Justiz, Regierung, islamistische Terroristen und internationale Geheimdienste beteiligt sind.

Nisman ermittelte wegen eines Anschlags

Auslöser war ein Attentat auf die Zentrale der jüdischen Gemeinde in Argentinien, das sogenannte AMIA-Gebäude in Buenos Aires, im Jahr 1994. 85 Menschen starben dabei, 300 wurden verletzt. Als Auftraggeber des Anschlags machten die Ermittlungsbehörden schnell die Hisbollah und das islamische Regime im Iran aus. Bis zum 11. September 2001 galt der Bombenanschlag auf das AMIA-Gebäude als das verheerendste islamistische Attentat, bis heute ist er der schwerste Anschlag in der Geschichte Argentiniens.

Die aufwendigen Ermittlungen gestalteten sich schwierig, es dauerte mehr als elf Jahre, bis der Attentäter, ein 21 Jahre alte Mann aus dem Libanon, identifiziert werden konnte. Ein Prozess versumpfte in Korruption und politischen Zwistigkeiten. Erst als Alberto Nisman 2005 vom damaligen Präsidenten Néstor Kirchner zum Sonderermittler bestellt wurde, kam wieder Bewegung in die Angelegenheit.

Schwere Anschuldigungen gegen Argentiniens Präsidentin Kirchner

Dass Nisman sich gegen seine Frau und direkte Nachfolgerin, Cristina Kirchner, stellen würde, konnte der Präsident da noch nicht ahnen. Cristina Kirchner übernahm 2007 das Amt ihres mittlerweile verstorbenen Ehemannes. 2015 erhob Staatsanwalt Nisman nach langen Ermittlungen schwere Vorwürfe gegen die Staatspräsidentin: Kirchner solle die Urheber des Anschlags, die Nisman im Iran vermutete, vor Strafverfolgung geschützt haben, weil sie die guten wirtschaftlichen Beziehungen Argentiniens zum Iran nicht gefährden wollte. Auch ihr Außenminister Héctor Timerman rückte ins Visier der Ermittlungen.

Als Nisman diese Anschuldigungen in einer Fernsehsendung öffentlich vortrug, löste das nicht nur ein politisches Erdbeben in Argentinien aus – es spaltete die Bevölkerung in dem südamerikanischen Land auch in zwei unversöhnliche Lager. Die einen glaubten Nisman und forderten die Absetzung und Verhaftung der Präsidentin. Die anderen schlugen sich auf die Seite von Kirchner und hielten die Beschuldigungen für eine Hetzkampagne. Nisman habe nicht neutral ermittelt, sondern nur das gefunden, was er finden wolle, wurde ihm vorgeworfen. Tatsächlich waren Nismans Beweise zunächst keineswegs erdrückend, näher wollte er sich erst bei einer Anhörung im Parlament äußern. Den vorhergehenden Abend überlebte der Staatsanwalt jedoch nicht.

Cristina Kirchner

Cristina Kirchner, argentinische Staatspräsidentin von 2007 bis 2015

AFP

Schuss in den Kopf – das Rätsel um den Tod von Alberto Nisman

Von seiner Mutter und seinen Bodyguards wurde er tot, mit einer Schusswunde im Kopf, in seinem Bad gefunden. Da war Nisman seit elf Stunden tot, als die Polizei eintraf, hatte die Leichenstarre bereits eingesetzt. Auch eine Waffe wurde in dem Badezimmer gefunden. Viviane Fein, die Staatsanwältin, die in dem Fall Nisman ermittelt, nennt die drei Möglichkeiten, die dieses Szenario aufwirft: "Hat er sich selbst umgebracht? Wurde er dazu gezwungen, sich zu erschießen? Oder war es Mord?" Diese Fragen bewegen Argentinien auch fünf Jahre nach dem Tod von Alberto Nisman noch – und eine endgültige Antwort ist nicht in Sicht.

Das zeigt auch die neue Doku-Serie "Nisman – Tod eines Staatsanwalts", die gemeinsam von Netflix und dem ZDF produziert wurde. Der britische Filmemacher Justin Webster zeichnet den jahrzehntelangen Verlauf der Ermittlungen zum Anschlag nach und hat mit vielen Beteiligten gesprochen. Dabei wird klar: Es gibt sowohl für die Suizid- als auch die Mordthese Hinweise. Nur handfeste Beweise sind schwer zu finden.

Serie von Netflix und ZDF rollt den Fall auf

Nisman sei "kein Typ, der sich umbringt" gewesen, sagt seine Ex-Frau. Dennoch gibt es auch für einen Suizid Indizien. Der Staatsanwalt, der 51 Jahre alt wurde, hatte viele Informationen von dubiosen Geheimdienstmännern erhalten – möglicherweise hatte er erkannt, dass diese doch nicht ausreichten, um seine Anschuldigungen zu stützen. Nach seinem Tod tauchten Konten im Ausland auf. Und unmittelbar vor seinem Ableben hatte sich Nisman noch bei einem Mitarbeiter eine Waffe geliehen, angeblich um sich zu verteidigen. Wählte der narzisstisch veranlagte Staatsanwalt also den Freitod?

Dagegen spricht, dass sich Nisman bis zuletzt vollkommen überzeugt von seinen Vorwürfen gezeigt hatte. "Ich setze hier viel aufs Spiel – alles, würde ich sagen", hatte er einer Freundin geschrieben. Und: "Ich bin nicht verrückt geworden." Motive für einen Mord an Nisman hätte es genügend gegeben, ebenso viele Verdächtige. Allen voran natürlich Präsidentin Kirchner und ihr Umfeld. Auch wurden an Nismans Händen nach seinem Tod keine Schmauchspuren gefunden.

Demonstrationen zum fünften Todestag

Der Fall erinnert an den Tod des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel im Jahr 1987. Er wurde tot in seiner Badewanne in Genf aufgefunden – offiziell ein Suizid. So lautete auch der Befund der Staatsanwaltschaft im Fall Nisman. Was wirklich passiert ist, weiß niemand. Vielleicht wird es nie zu einer klaren Beweislage kommen. Und so lange sorgt der Tod von Alberto Nisman in Argentinien für Uneinigkeit, auch fünf Jahre danach. 

Zum fünften Todestag fanden in Buenos Aires erneut Demonstrationen statt. "Niemand, der sich im Besitz der Wahrheit wähnt, bringt sich selbst um. Niemand, der so enthusiastisch ist, nimmt sich das Leben", hieß es in einem Text, der dort verlesen wurden. Und auch für Nismans "Wahrheit", die Anschuldigungen gegen Cristina Kirchner, gab es nach seinem Tod nur einen Teilerfolg: Nismans Nachfolger erhob zwar Anklage gegen die Präsidentin, es wurde ein Haftbefehl ausgestellt. Als Abgeordnete im Senat genießt Kirchner aber weiterhin Immunität.

Die Dokuserie "Nisman – Tod eines Staatsanwalts" ist in der ZDF-Mediathek zu sehen sowie am 31. Januar ab 20.15 Uhr auf ZDFinfo.