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Nationalsozialismus: Wie aus Josef Mengele "Helmut Gregor" wurde

Im Juni hatte Argentiniens Präsident Kirchner angeordnet, alle staatlichen Archive zu öffnen. Nun durchforsten Archivare in Buenos Aires Passagierlisten und Ordner auf der Suche nach Akten von geflüchteten NS-Verbrechern.

Als der Dampfer "North King" aus Genua am 20. Juni 1949 im Hafen von Buenos Aires mit rund 3000 europäischen Einwanderern vor Anker ging, war einer der schlimmsten Verbrecher des 20. Jahrhunderts an Bord. Josef Mengele, der berüchtigte KZ-Arzt von Auschwitz, reiste dank eines falschen Passes unerkannt ein. Er ließ sich unter dem Namen "Helmut Gregor", 38 Jahre alt, katholisch, von Beruf Mechaniker, registrieren. Die Karteikarte verschwand in den Archiven der argentinischen Einwanderungsbehörde und wurde erst jetzt zusammen mit Dokumenten über andere führende Kriegsverbrecher gefunden.

Im Juni hatte Präsident Néstor Kirchner angeordnet, alle staatlichen Archive zu öffnen und die Rolle der Nachkriegsregierung unter Juan Domingo Perón bei der Flucht von Kriegsverbrechern aus Europa aufzuklären. Kirchner entsprach dabei dem Antrag des Simon-Wiesenthal-Zentrums vom Dezember 2002, die Akten von 68 Kriegsverbrechern zu suchen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Argentinien geflüchtet waren. Darunter sind Nazi-Größen wie Adolf Eichmann, der Organisator der "Endlösung der Judenfrage", SS-Hauptsturmführer Erich Priebke, verantwortlich für die Erschießung von 335 Zivilisten in Italien, und Klaus Barbie, der "Schlächter von Lyon".

Suche in Passagierlisten, Aktenordnern und Karteikarten

Sechs Archivare durchforsten zurzeit die Passagierlisten, Aktenordner und Karteikarten, die zu Tausenden in verstaubten Kisten und auf morschen Regalen in dem ehemaligen Durchgangsheim für Einwanderer im Hafen von Buenos Aires lagern. Nicht nur die Unordnung erschwert die Suche, die Räume sind extrem feucht und zugig. Gefunden wurden bisher fast alle Einreisebestätigungen der aufgelisteten Kriegsverbrecher.

Von den vom Wiesenthal-Zentrum angeforderten Akten wurden allerdings erst zwei entdeckt: die des belgischen Nazis Jean Lecomte, der 1946 nach Argentinien kam, sowie Unterlagen aus dem Sekretariat von Präsident Perón über die Einreise von mehr als 7000 Kroaten, darunter 15 Kriegsverbrecher des kroatischen Faschistenbundes der Ustascha.

"Hinter der Öffnung der Archive steht ein ernster politischer Wille, die Vergangenheit aufzuklären", sagt der Repräsentant des Wiesenthal-Zentrums für Lateinamerika, Sergio Widder. Er hofft, dass auch die anderen Akten gefunden werden. Von ihrer Existenz ist er überzeugt. Er verweist auf die Recherchen des argentinischen Journalisten Uki Goñi, der sechs Jahre in Archiven in Europa, den USA und Argentinien nach Dokumenten forschte.

Perons Sympathie für den Nationalsozialismus

In seinem Buch "La auténtica Odessa" von 2002 beschreibt Goñi, wie Perón - der aus seiner Sympathie für den Nationalsozialismus nie einen Hehl machte - mit Hilfe von SS-Agenten, argentinischen Kirchenvertretern und des Vatikans ein Netzwerk aufbaute, über das europäische Kriegsverbrecher nach Argentinien geschleust wurden.

Bereits 1998 hatte er die Einwanderungsbehörde um Einsicht in die Akten gebeten, was ihm vom damaligen Leiter verweigert wurde. "Es hieß, die Akten wichtiger Nazis wie Eichmann oder Mengele seien 1996 verbrannt worden", erzählt Goñi. Offiziell wurde das nie bestätigt. Laut Cristina Pelaez, Leiterin des Archivs der Einwanderungsbehörde, sind jedoch in den 50er und 60er Jahren Unterlagen zerstört worden, darunter mindestens 25 der angeforderten Akten. "Sie fielen routinemäßigen Aussortierungsarbeiten zum Opfer", sagt Pelaez.

Goñi hofft nun auf ein Ende der "Mauer des Schweigens", die eine Aufklärung der Nazi-Vergangenheit Argentiniens bisher behinderte. Der Journalist und das Wiesenthal-Zentrum fordern von der Regierung auch, nach der so genannten "Circular 11" zu suchen, einer geheimen Direktive von 1938, die es verbot, den vor dem Nazi-Regime fliehenden Juden Visa auszustellen. Die meisten der rund 30 000 Juden, die zwischen 1933 und 1945 in das Land kamen, reisten deshalb illegal ein.

Steffen Leidel/DPA / DPA