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Simon Wiesenthal: Der unerbittliche "Nazijäger"

Er überlebte 12 Konzentrationslager und wurde als "Nazijäger" weltberühmt. Mehr als 50 Jahre suchte er nach den Vollstreckern des Holocausts. Im Alter von 96 Jahren ist Simon Wiesenthal jetzt in Wien verstorben.

"Es gibt keine Freiheit ohne Gerechtigkeit und keine Gerechtigkeit ohne Wahrheit." So hat der als "Nazijäger" bekannt gewordene Simon Wiesenthal sein Lebensmotto beschrieben. Unter den in der NS-Zeit insgesamt etwa elf Millionen ermordeten Zivilisten waren sechs Millionen Juden. Mehr als fünf Jahrzehnte lang setzte er sich für die Aufklärung der Gräueltaten der Nationalsozialisten ein. Über 1100 NS-Verbrecher wurden nach eigener Einschätzung durch seine Recherchen ausfindig gemacht und vor Gericht gestellt.

Im Alter von 96 Jahren ist Wiesenthal jetzt in seinem Haus in der österreichischen Hauptstadt "friedlich entschlafen", wie der Leiter des "Simon Wiesenthal Holocaust Zentrums" in Los Angeles, Marvin Hier, mitteilte. "Er wird als das Gewissen des Holocausts in Erinnerung bleiben", sagte Rabbiner Hier. Der Leiter des Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, Ephraim Zuroff, sagte: "Wir setzen den Kampf mit derselben Entschlossenheit fort, getreu seinem spirituellen Testament." "Das jüdische Volk hat einen echten Helden verloren", sagte Zuroff. Wiesenthal wird in Jerusalem begraben werden.

Der jüdische Architekt wurde von seinen Mitarbeitern respektvoll als "Herr Ingenieur" angeredet und hatte noch bis letztes Jahr in seinem kleinen Büro in der Wiener Innenstadt gearbeitet. Danach habe er sich dann weniger den konkreten Fällen als der Förderung junger Mitarbeiter seines Instituts gewidmet, sagte eine Mitarbeiterin seines Wiener Büros. "Und er ist als Mahner gegen das Vergessen aufgetreten", sagte sie. "Recht, nicht Rache", lautete der Titel seiner Autobiografie.

Die Hölle der Konzentrationslager

Wiesenthal wurde am 31. Dezember 1908 in Buczacz in Galizien (heute Ukraine, damals Teil Österreich-Ungarns) nahe von Lemberg geboren. Sein Vater starb als Soldat der österreichischen Armee während des Ersten Weltkriegs. Vor den Kosaken flüchtete Wiesenthal zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder 1915 nach Wien. 1917 kehrte er nach Galizien zurück. Nach der Schulzeit studierte er in Prag und Warschau Architektur und arbeitete in den dreißiger Jahren in Lemberg in einem Architekturbüro mit. Wiesenthal wurde 1941 vom Sicherheitsdienst (SD) in seiner Heimat verhaftet. Sein Leidensweg führte ihn durch zwölf Konzentrationslager, bis er 1945 von US-Truppen aus dem KZ Mauthausen in Österreich befreit wurde. Damals wog er noch knapp 50 Kilogramm. Er und seine Frau Cyla, die den Holocaust in Warschau überlebt hatte im November 2003 im Alter von 95 Jahren verstarb, verloren ihre gesamte Familie - 89 Verwandte erlebten die Befreiung aus den Todeslagern nicht mehr.

Nach dem Krieg ging Wiesenthal daran, NS-Verbrechen aufzudecken. "Er hat einfach den Job übernommen, niemand hat ihn beauftragt", sagte Hier. 1947 gründete er das "Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des NS-Regimes" (kurz auch: "Jüdisches Dokumentationszentrum") zunächst mit Sitz in Linz, seit 1961 in Wien. Sein Büro lag nicht weit von der Stelle, an der früher das Gestapo-Hauptquartier stand. Hier legte er im Lauf seines Lebens 6000 Akten über mutmaßliche Täter und eine komplette SS-Führungsliste mit 90.000 Namen an. Insgesamt 3000 Fällen ging er selbst nach. Von Wien aus gab er seine Informationen an Geheimdienste und Regierungen weiter.

Weltweiter Kampf gegen Antisemitismus

Das 1977 gegründete "Simon Wiesenthal Holocaust Zentrum" mit Hauptsitz in Los Angeles kämpft in aller Welt gegen Rassismus, Antisemitismus, Terrorismus und Völkermord. Die von Rabbi Hier geleitete Einrichtung mit mehreren hunderttausend Mitgliedern hat Zweigstellen in New York, Toronto, Miami, Jerusalem, Paris and Buenos Aires. Bei den Vereinten Nationen ist das Wiesenthal-Zentrum als Nichtregierungsorganisation (NGO) zugelassen. Im Jahr 2004 startete die aus Spenden finanzierte Einrichtung unter dem Motto "Operation letzte Chance" eine womöglich letzte Suchaktion nach NS-Verbrechern. Im Zentrum der Bemühungen stehen dabei die Länder Lettland, Litauen, Estland, Rumänien, Kroatien, Polen, Ungarn, Österreich und Deutschland. Wiesenthal wurde oft gefragt, ob es denn sinnvoll sei, 80- oder 90-Jährigen um die halbe Welt nachzujagen. "Ich glaube, ein Verbrecher sollte niemals zur Ruhe kommen dürfen, selbst wenn das, was er getan hat, noch so lange her ist", sagte er dann.

An die Kollektivschuld eines Volkes glaubte Wiesenthal nie, trotzdem hörte er nie auf daran zu erinnern, dass aus Österreich unverhältnismäßig viele Verbrecher des NS-Regimes kamen. "Eichmann und 70 Prozent seiner Truppe, sowie zwei Drittel der Kommandanten der Konzentrationslager waren Österreicher", sagte er immer wieder, "und Hitler selbst war ja auch kein Eskimo." Damit machte er sich in seiner Wahlheimat auch reichlich Feinde.

Der frühere sozialdemokratische Bundeskanzler Bruno Kreisky nannte Wiesenthal öffentlich einen "Nestbeschmutzer" und warf ihm "mafia-ähnliche Methoden" vor, als er den damaligen Vorsitzenden der Freiheitlichen Partei (FPÖ), Friedrich Peter, als Angehörigen einer berüchtigten SS-Einheit entlarvte. Wiesenthal prangerte Kreisky, selbst ein Jude, auch an, weil dieser 1970 aus purem Machtkalkül vier Minister mit NS-Vergangenheit in sein erstes Kabinett holte. Im Jahr 1982 explodierte vor Wiesenthals Haus eine Bombe, die Neonazis dort versteckt hatten.

Vorwurf des "Versagens"

Im Jahr 1986 stellte sich Wiesenthal in der Debatte um die Kriegsvergangenheit von Bundespräsident Kurt Waldheim gegen den Jüdischen Weltkongress (WJC) in New York und warf der Organisation vor, antisemitische Gefühle in Österreich wiederzubeleben. Wiesenthal verteidigte den früheren UN-Generalsekretär gegen den Vorwurf, als Verbindungsoffizier auf dem Balkan an Kriegsverbrechen teilgenommen zu haben. Auch wenn er Waldheim nicht unterstützen wollte, so weigerte er sich trotzdem, ihn je wegen Kriegsverbrechen zu beschuldigen. Im Jahr 1996 wurde Wiesenthal von jüdischer Seite in den USA angegriffen. Er habe "in allen großen Nazi-Fällen der Nachkriegsära - Bormann, Barbie, Mengele, Eichmann - versagt", behauptete der Chef der Abteilung NS-Verfolgung im US-Justizministerium, Eli Rosenbaum. Er sei "inkompetent, egomanisch, ein Verbreiter falscher Informationen, eine tragische Figur". Wiesenthal selbst führte die Kritik auf seine Weigerung zurück, Waldheim als Kriegsverbrecher zu brandmarken.

Als sein spektakulärster Erfolg gilt die Entdeckung des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann, der im Jahr 1960 vom israelischen Geheimdienst Mossad aus Argentinien entführt und zwei Jahre später in Israel hingerichtet wurde. Der frühere Mossad-Chef Isser Harel bezeichnete Wiesenthals Rolle bei der Ergreifung Eichmanns später allerdings als Mythos. "Wir haben von Wiesenthal nichts bekommen, das von irgendwelcher Bedeutung für die Operation war. Alle seine Behauptungen waren falsch." Die britische Journalistin Hella Pick, die mit ihrer Familie als Kind aus Österreich fliehen musste, bezeichnete die Äußerungen Harels in ihrem Wiesenthal-Buch wiederum als "Schelte eines vom Leben enttäuschten Geheimdienstlers", der nur eigene Verdienste gelten lassen wollte.

In die Reihe seiner größten Erfolge stellte Wiesenthal auch das Aufspüren des SS-Oberscharführers Karl Silberbauer in Wien im Jahr 1963, der die 14-jährige Anne Frank in Amsterdam im Jahr 1944 hatte verhaften lassen. Silberbauer stand zu diesem Zeitpunkt wieder im Dienst der Wiener Polizei, nachdem 1954 seine Verurteilung wegen Misshandlung kommunistischer Widerstandskämpfer aufgehoben worden war. Silberbauer wurde vom Dienst suspendiert und wegen Mord angezeigt, das Verfahren wurde jedoch 1964 eingestellt, weil angenommen wurde, dass er von der Judenvernichtung nichts gewusst habe. Auch das Disziplinarverfahren endete mit Freispruch, so dass Silberbauer bis zur Pensionierung wieder als Polizist arbeiten konnte; seine Tätigkeit für Gestapo und SD wurde ihm sogar für die Pension angerechnet.

Mengele-Jagd ohne Erfolg

Oder die Enttarnung des KZ-Kommandanten von Treblinka und Sobibor, Franz Stangl, im Jahr 1967 im brasilianischen Sao Paulo. Stangl wurde nach Deutschland ausgeliefert und zu lebenslanger Haft verurteilt; er starb 1971 in der Düsseldorfer Haftanstalt. Im Jahr 1978 spürte er auch den stellvertretenden KZ-Kommandanten des Lagers Sobibor, Gustav Franz Wagner, ebenfalls in Brasilien auf, der dann vor seiner Auslieferung Selbstmord beging. In einem seiner wichtigsten Recherchen blieb Wiesenthal jedoch ein Erfolg versagt: Über Jahrzehnte hinweg suchte er unermüdlich nach dem aus Bayern stammenden Josef Mengele, der als KZ-Arzt in Auschwitz an der Ermordung hunderttausender Juden beteiligt war. Im Juni 1985 wurde in Brasilien ein Leichnam exhumiert und als Mengele identifiziert. Der Massenmörder war sechs Jahre zuvor angeblich bei einem Badeunfall ums Leben gekommen.

Die Zusammenarbeit der einzelnen Länder mit den Nazijägern sei nicht immer befriedigend, beklagt Zuroff, und erwähnt dabei besonders Österreich. "Sie verleihen lieber Wiesenthal eine Medaille, als einen Nazi-Verbrecher vor Gericht zu stellen", sagt er. Zuroff wirft Österreich und Kroatien etwa vor, den Fall des 92-jährigen mutmaßlichen kroatischen Kriegsverbrechers Milivoj Asner zu verschleppen. Dem nach Klagenfurt geflüchteten Mann werden als früheren Polizisten im faschistischen kroatischen Ustascha-Regime Verbrechen an Juden und Serben vorgeworfen.

In den letzten Jahren seines Lebens wurden Wiesenthal in Österreich noch zahlreiche hohe Auszeichnungen und die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wien verliehen. Die Liste seiner internationalen Ehrungen, darunter allein 18 Ehrendoktorwürden, ist mehrere Seiten lang. In der israelischen Negev-Wüste wurde unter seinem Namen sogar ein Wald mit 10.000 Bäumen gepflanzt. Seine Mitarbeiter sehen darin einen Hinweis auf die Einzigartigkeit Wiesenthals, der nach eigener Darstellung niemanden als Nachfolger ausersehen hat.

Warnung an die Mörder von morgen

Wiesenthal war unermüdlich bemüht, die Gräuel der NS-Zeit im Bewusstsein der jungen Menschen wachzuhalten. "Sollte sich die Geschichte dennoch wiederholen, wird sich auch mein Beispiel wiederholen", sagte er. "Und zwar, wie ich mir wünsche, nicht einmal, sondern fünfzigfach." Beunruhigt bekundete er in den letzten Jahren seines Lebens immer wieder seinen Unmut über die wachsende Fremdenfeindlichkeit und den Rechtsextremismus in Europa. Sein Werk betrachtete er als "Warnung an die Mörder von morgen". "Ich habe keinen einzigen Tag vergessen, dass ich ein Überlebender bin", sagte er einmal in einem Interview. Es sei ein Privileg gewesen, das ihn ein ganzes Leben lang dazu verpflicht habe, im Namen derer anzuklagen, "die keine Stimme mehr haben".

Dusko Vukovic (mit Material von AP/DPA/Reuters) / DPA