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Josef Mengele: "Todesengel" ohne Reue

KZ-Arzt Josef Mengele, mitverantwortlich für den Massenmord in Auschwitz, hat bis zu seinem Tod keine Reue für seine Taten empfunden. Unter falschem Namen war er nach dem Krieg nach Argentinien geflohen.

Ein zufälliger Fund wirft Licht auf einige der letzten Gedanken und Lebensumstände des berüchtigten SS-Arztes Josef Mengele, der bis zu seinem Tod bei einem Badeunfall 1979 seine Gräueltaten nicht bereut hat. Der Inhalt von 85 Dokumenten des "Todesengels von Auschwitz", darunter viele Briefe und Tagebuchnotizen, die seit 1985 in den Archivschränken der brasilianischen Bundespolizei in São Paulo vergilbten, ist jetzt in größtenteils vom Deutschen ins Portugiesische übersetzten Auszügen exklusiv von der Zeitung "Folha de São Paulo" veröffentlicht worden. So geht aus ihnen etwa hervor, dass er noch 1972 mit dem Gedanken gespielt hatte, nach Deutschland zurückzukehren. "Aber wie ist heute meine Heimat? Und ist sie noch meine Heimat? Wird sie mich nicht als Feind empfangen?", schrieb der gesuchte NS-Kriegsverbrecher.

In einem Brief an seinem österreichischen Freund Wolfgang Gerhard vom 3. September 1974 bedauert Mengele etwa, dass eine seiner Nichten Braut eines deutschstämmigen Brasilianers sei, dessen Familie nicht mit der "Arier-Ideologie" einverstanden sei. Im Januar 1976 schreibt er in seinem Tagebuch laut "Folha", dass er gerade die Memoiren von Hitlers Rüstungsminister Albert Speer (1905-1981) lese. Bezüglich der Reue und der Fehler, die Speer eingesteht, schreibe Mengele dem Sinn nach: "Er hat sich erniedrigt und zeigt Reue, was bedauerlich ist."

"Andersartigkeit der Rassen" verteidigt

In einem der wenigen Briefe, von denen die Zeitung auch ein Foto von einem Stück des Originals veröffentlichte, verteidigt Mengele die "Andersartigkeit der Rassen" mit Beispielen wie: "Auch haben nicht alle Rassen bzw. Völker die gleich große Kulturleistung vollbracht, was zu den Schluss zwingt, dass nicht alle rassisch-völkischen Gruppen gleich schöpferisch begabt sind."

In einem Text von 1969 kommentiert Mengele unter anderem in einer von der Zeitung übersetzten Passage die "kritiklose Hinnahme der israelischen Überfälle auf Palästinenser" und bezeichnet die damalige deutsche Jugend als "entartet". Aus anderen Briefen gehe hervor, dass Mengele seine letzten Tage Ende der 70er Jahre einsam und mit finanziellen Problemen verbracht habe. 1976 notierte er: "Was soll nur geschehen? Ich fühle mich einsam zurückgelassen. Es schmerzt mehr denn je." Von seinem letzten Geld bestach Mengele Mitwisser seiner düsteren Vergangenheit, damit sie ihn nicht verrieten. "Alles im Leben hat seinen Preis", schrieb er.

Die Papiere wurden 1985 in Wohnungen von Freunden und Bekannten Mengeles sichergestellt. Das Ziel der damaligen Aktionen der Behörden war die Identifizierung der exhumierten Gebeine von Mengele, die unter falschem Namen auf einem Friedhof von São Paulo lagen. Mengele führte während seiner Zeit im Konzentrationslager Auschwitz grausame medizinische Experimente an Gefangenen durch und schickte mehrere hunderttausend Menschen in den Tod.

Flucht nach Argentinien

Als der Dampfer "North King" aus Genua am 20. Juni 1949 im Hafen von Buenos Aires mit rund 3000 europäischen Einwanderern vor Anker ging, war auch Josef Mengele an Bord, der dank eines falschen Passes unerkannt einreisen konnte. Er ließ sich unter dem Namen "Helmut Gregor", 38 Jahre alt, katholisch, von Beruf Mechaniker, registrieren. Die Karteikarte verschwand in den Archiven der argentinischen Einwanderungsbehörde und wurde erst zusammen mit Dokumenten über andere führende Kriegsverbrecher gefunden.

Im Juni 2003 hatte Präsident Néstor Kirchner angeordnet, alle staatlichen Archive zu öffnen und die Rolle der Nachkriegsregierung unter Juan Domingo Perón bei der Flucht von Kriegsverbrechern aus Europa aufzuklären. Kirchner entsprach dabei dem Antrag des Simon-Wiesenthal-Zentrums vom Dezember 2002, die Akten von 68 Kriegsverbrechern zu suchen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Argentinien geflüchtet waren. Darunter sind Nazi-Größen wie Adolf Eichmann, der Organisator der "Endlösung der Judenfrage", SS-Hauptsturmführer Erich Priebke, verantwortlich für die Erschießung von 335 Zivilisten in Italien, und Klaus Barbie, der "Schlächter von Lyon".

Perons Sympathie für den Nationalsozialismus

In seinem Buch "La auténtica Odessa" von 2002 beschreibt der argentinische Journalist Uki Goñi, der sechs Jahre in Archiven in Europa, den USA und Argentinien nach Dokumenten forschte, wie Perón - der aus seiner Sympathie für den Nationalsozialismus nie einen Hehl machte - mit Hilfe von SS-Agenten, argentinischen Kirchenvertretern und des Vatikans ein Netzwerk aufbaute, über das europäische Kriegsverbrecher nach Argentinien geschleust wurden.

Bereits 1998 hatte er die Einwanderungsbehörde um Einsicht in die Akten gebeten, was ihm vom damaligen Leiter verweigert wurde. "Es hieß, die Akten wichtiger Nazis wie Eichmann oder Mengele seien 1996 verbrannt worden", erzählt Goñi. Offiziell wurde das nie bestätigt. Laut Cristina Pelaez, Leiterin des Archivs der Einwanderungsbehörde, sind jedoch in den 50er und 60er Jahren Unterlagen zerstört worden, darunter mindestens 25 der angeforderten Akten. "Sie fielen routinemäßigen Aussortierungsarbeiten zum Opfer", sagt Pelaez.

Goñi hofft nun auf ein Ende der "Mauer des Schweigens", die eine Aufklärung der Nazi-Vergangenheit Argentiniens bisher behinderte. Der Journalist und das Wiesenthal-Zentrum fordern von der Regierung auch, nach der so genannten "Circular 11" zu suchen, einer geheimen Direktive von 1938, die es verbot, den vor dem Nazi-Regime fliehenden Juden Visa auszustellen. Die meisten der rund 30 000 Juden, die zwischen 1933 und 1945 in das Land kamen, reisten deshalb illegal ein.

Vuk/AP/DPA / AP / DPA