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Der Wohltäter: Das zweite Leben des Bill Clinton

It's showtime - die Jahrestagung der "Clinton Global Initiative" beginnt. Bill Clinton ruft und es erscheinen Berühmte und Betuchte. Er hat ein neues Ziel: Die Welt verändern, Leben retten, die wirklich großen Probleme lösen.

Von Katja Gloger, New York

Er kommt, pünktlich sogar, seine Mitarbeiter atmen auf. Der Ballsaal des Sheraton Hotels mag noch so abgewetzt und unpersönlich sein - wenn er sein verschmitztes Lächeln aufsetzt, fühlt man sich gleich irgendwie zu Hause. Sein Anzug sieht aus, als wäre er ein bisschen zu groß geraten. Dann hebt er an zu reden in seinem leicht sonoren, südlichen Akzent. Es sind ein paar Willkommensworte nur, er spricht von den drängenden Problemen der Welt und von der eigenen Sterblichkeit - und schon fühlt man sich berufen, Gutes zu tun. "Es braucht nicht viel Zeit, ein Leben zu leben", sagt William Jefferson Clinton an diesem New Yorker Morgen, und jetzt er will alles tun, um die Welt zu verändern: "Niemand mehr soll vor seiner Zeit sterben müssen", sagt er - und natürlich glaubt man ihm auf's Wort.

Er ist jetzt 60 Jahre alt. Respektiert, geachtet, gar geliebt. In den US-Fernsehshows ist er in diesen Tagen genauso präsent wie der amtierende Präsident Bush. Er hat seine Mission gefunden. Er kann die Welt verändern. Leben retten. AIDS, Hunger, Infektionskrankheiten in den Entwicklungsländern besiegen. Global Warming bekämpfen, den religiösen Fanatismus in der Welt.

Wäre er ein Produkt, sein "brand name" wäre Milliarden wert. Und kaum jemand beherrscht die Gesetze des globalen Marketings so gut wie er.

Und wie immer hat er es eilig. Vor zwei Jahren, sagt Bill Clinton, da wäre er selbst beinahe an Herzversagen gestorben. Seitdem ist er noch rastloser geworden.

It's showtime

An diesem strahlenden New Yorker Morgen ist showtime für Bill Clinton, den 42. Präsidenten der USA. Er hat zur zweiten Jahrestagung seiner "Clinton Global Initiative" geladen, einer Veranstaltung, die zu seiner 2002 gegründeten großen "Clinton Stiftung" gehört. Die Teilnehmerliste liest sich beinahe wie der UN-Gipfel, der gerade eine Meile Luftlinie entfernt stattfindet. Sollen sie sich da drüben doch streiten, soll der Chávez aus Venezuela den Bush aus Amerika als "Teufel" bezeichnen, sollen sich Amerikaner und Iraner gegenseitig bezichtigen - bei ihm wird in friedlicher Ko-Existenz diskutiert.

Wenn Clinton ruft, kommen alle. Allein 50 Präsidenten, Staatschefs, Könige - in und außer Dienst - sind es in diesem Jahr; König Abdullah von Jordanien und Kolumbiens Staatschef Uribe, Pakistans Staatschef Musharraf ,US First Lady Laura Bush, Ex-Außenminister Colin Powell und auch UN-Generalsekretär Kofi Annan. Die reichsten Milliardäre sind da, Bill Gates, Warren Buffet und Richard Branson, viele CEOs und andere Reiche und überhaupt viele Freunde von Bill, wie auch Schauspieler Michael Douglas, der das "positive Denken" der Veranstaltung lobt. 47 Seiten umfasst die Mitgliederliste. Ein paar Deutsche sind auch dabei, Klaus Kleinfeld von Siemens etwa und Clinton-Buddy Karlheinz Kögel, der Besitzer von Media-Control. Auch die Ökonomien der Zukunft sind vertreten: in einer Ecke sitzt etwas verloren der russische Banker und Milliardär Roustam Tariko, der einst mit dem Verkauf von Wodka begann. Er habe eine Einladung bekommen, erzählt er, habe 15.000 Dollar Teilnehmerbeitrag bezahlt, klar, auch er will Gutes tun, ein Projekt finanzieren. Welches? Das weiß er noch nicht so genau. "Armut bekämpfen", lächelt er, "Armut, das ist immer gut." Er will sich umsehen.

Ebenso einfach wie effizient

Rund 1000 Teilnehmer sind in diesem Jahr nach New York gekommen, um Bill Clinton zu feiern und sein glamouröses Projekt, das seine Berater gerne als "eBay der Wohltätigkeit" verkaufen. Das Prinzip der "Clinton Global Initiative" scheint ebenso einfach wie effizient: Wie auf einem Marktplatz sollen potentielle Geldgeber, mutige Ideen und konkrete Hilfsprojekte zusammengebracht werden. Man soll an runden Tischen diskutieren, sich in Arbeitsgruppen informieren und dann ein "commitment" abgeben, ein Versprechen. Konzerne, Banken, NGOs, Stiftungen, reiche Privatiers sollen sich verpflichten, konkrete Projekte zu finanzieren - und zu realisieren. Man muss sein "Versprechen" halten. Wie ein Pfadfinder. Es geht um die Lösung der großen Probleme unserer Zeit: Weltgesundheit, vor allem in den Entwicklungsländern, Armutsbekämpfung, Energie und Klimawandel, Religion und ethnische Konflikte.

Bill Clinton stellt seinen Namen zur Verfügung. Rekrutiert Projekte. Und macht so weiter von sich reden.

Wer sich engagiert, ob mit 100.000 Dollar oder 100 Millionen, darf sich zu "Bills Freunden" zählen. Ein Foto mit "Mr. President" gehört zum Wohlfühlpaket, das Clinton selbstredend mitliefert. Und am Abend schreitet man über den roten Teppich vor dem New Yorker Museum of Modern Art zum Cocktailempfang mit ihm. Er plaudert mit jedem, freundlich, engagiert, hat für jeden eine kleine Story, gibt Autogramme, versprüht seinen Charme. Es sieht aus, als mache er das wirklich gern. Als ob er ein ewiger Wahlkämpfer sei. Auf der ersten Konferenz vor einem Jahr sammelte Clinton von rund 500 Teilnehmern "Versprechen" im Wert von 2,5 Milliarden Dollar ein. In diesem Jahr werden es mehr als fünf Milliarden Dollar sein, allein der britische Abenteurer und Virgin-Air Chef Richard Branson stellt drei Milliarden Dollar für die Entwicklung alternativer Brennstoffe zur Verfügung. Auf der Liste stehen auch Projekte für sauberes Trinkwasser, Klein-Kredite, umweltfreundliche Technologien, Landwirtschaft, kulturelle Zusammenarbeit. "Wenn wir dies zehn Jahre lang durchziehen können", sagt Clinton, "dann werden wir aus dieser Welt einen besseren Ort gemacht haben." Wer nach einem Jahr keine nachprüfbaren Ergebnisse abliefert? Der kriegt die Höchststrafe: Er wird nicht mehr eingeladen.

Rache und Abbitte

Es ist, als ob er jetzt endlich von den Schatten seiner Vergangenheit Abschied nehmen kann. Von den Skandalen seiner acht Präsidentenjahre, dem Monica Lewinsky-Desaster, von jenen kapitalen politischen Fehlern auch, die er sich bis heute vorwirft: Er habe nicht genug für den Kampf gegen Aids getan. Vor allem aber habe er den Völkermord in Ruanda nicht verhindern können.

Seine Stiftung, die globale Initiative, sie sind ihm ebenso Entschuldigung wie Genugtuung. Sie sind seine Rache an den "extremen Rechten" wie George W. Bush ebenso wie ein bisschen Abbitte an seiner Frau Hillary. Und Geld verdienen kann man damit auch noch.

Denn er war aus seinem Amt geschieden, gedemütigt, missachtet, pleite. Seine Anwaltskosten in einem Investmentskandal sollen zehn Millionen Dollar betragen haben. Seine Ehe war offenbar am Ende. Er zog in einen Vorort New Yorks, Hillary wurde Senatorin in Washington; er redete sich ein, wie schön das Leben als Privatmann sei, Golf spielen, mit dem Hund spazieren, zu Starbucks gehen, Kaffee trinken. Er schrieb seine Memoiren, zehn Millionen bekam er dafür, zahlte seine Anwaltsschulden, begann er mit Reden, Vorträgen, machte Millionen. Bis sein Herz nicht mehr mitspielte. Vor zwei Jahren legte man ihm vier Beipässe. Er überlebte. Das hat ihn nur noch mehr angespornt.

Rastlos reist er durch die Welt, meistens in den Privatjets reicher Sponsoren, die ihn im Gegenzug begleiten dürfen. Er schläft kaum, nächtelang quält er Mitreisende mit "Oh, Hölle", eine Art Bridge. Stundenlang liefert er politische Analysen, ohne Unterbrechung. Er hat so Viel zu sagen. "Wenn Du wirklich etwas bewegen kannst, dann hast Du die moralische Verpflichtung, zu handeln", sagt er. " Es ist keine Last. Es ist eine Freude. Ich glaube, das sind meine Motive. Aber wer kann es letztlich wirklich wissen?"

Bill Clinton spielt viele Rollen. Als Wohltäter, als Mahner setzt er seine Präsidentschaft mit anderen Mitteln fort. "Wir brauchen mehr Freunde, weniger Feinde", sagt er, natürlich piekt er damit seinen Nachfolger George W. Bush. Doch Bill Clinton ist zugleich auch der Ex-Präsident, der einen potentiellen Nachfolger unterstützt, der zufällig seine Frau ist. In diesen Tagen beginnt er mit Andeutungen. Er wisse nicht, ob sie gewinnen könnte, sagt er. Er weiß, in diesem Wahlkampf würde seine Ehe, sein Privatleben erneut seziert, durch den Dreck gezogen. Er sagt, er werde alles unterstützen, was seine Frau entscheide. "Meine Frau", sagt Bill Clinton, "sie wäre eine wunderbare Präsidentin."

Und er wohl ein perfekter "First Gentleman".