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Deutsch-türkische Aktivisten: Darum kämpfen wir gegen Erdogan

In Deutschland organisieren sie Demonstrationen, in Istanbul stürzen sie sich ins Protestgetümmel. Deutsch-türkische Aktivisten berichten, wie sie den Aufstand gegen Erdogan vorantreiben.

Von Daniel Bakir

Ob Telefon, E-Mail, Facebook oder Twitter - die Drähte zwischen Deutschland und der Türkei laufen seit Wochen heiß. Viele Deutsch-Türken haben Verwandte oder Freunde, die sich an den Massenprotesten in der Türkei beteiligen, und mit denen sie täglich Kontakt halten. Aus Solidarität organisieren sie auch Kundgebungen in Deutschland. Am kommenden Samstag etwa erwartet die alevitische Gemeinde mehrere zehntausend Teilnehmer in Köln. Einige fliegen sogar, ungeachtet der persönlichen Gefahr, kurzentschlossen selbst ins Epizentrum der Proteste nach Istanbul. Sie erzählten stern.de, was sie in den vergangenen Tagen dort erlebten und wie es jetzt weitergeht.

Gülşen Çelebi, 41, Rechtsanwältin aus Düsseldorf

"Ich war am Wochenende im Gezi-Park als die Polizei angegriffen hat. Wir wurden mit Tränengas beschossen. Ich musste mitansehen wie Menschen verprügelt wurden. Alle liefen in Panik durch die Dunkelheit, man musste Angst haben, zerquetscht zu werden oder in ein Baustellenloch zu fallen. Es war wie im Krieg, ich habe um mein Leben gebangt. Dabei war wenige Stunden vorher noch so eine tolle Stimmung im Protest-Camp gewesen. Es gab Bühnen, auf denen Sänger aufgetreten sind, es wurde debattiert und organisiert. Ich habe die Situation nicht als so gefährlich eingeschätzt. Es war zu diesem Zeitpunkt keine Demonstration, sondern ein Volksfest.

Die Polizeigewalt war unverhältnismäßig. Ich werde jetzt Klage gegen die türkische Regierung einreichen. Es wird eine Sammelklage des türkischen Menschenrechtsvereins IHD geben, der ich mich anschließe. Wenn wir in der Türkei keinen Erfolg haben, ziehen wir vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Ich habe auch einen Brief an das Auswärtige Amt in Deutschland geschrieben und um Hilfe bei der Verfolgung der Straftaten gebeten. Ich bin zwar deutscher Staatsbürger, aber ein Teil von mir ist auch türkisch. Ich habe Angst um meine Leute dort."

Gizem Erden, 22, Zahnarzthelferin aus Istanbul

"Ich wohne im Stadtteil Cihangir, ziemlich nah am Gezi-Park. Seit dem ersten Tag der Proteste bin ich dabei. Am Anfang konnte man noch gar nicht absehen, dass die Bewegung so stark werden würde. Jeden Abend nach der Arbeit treffe ich mich mit meinen Freunden und wir gehen gemeinsam zum Taksim-Platz. An den Tagen der Polizeiangriffe habe ich mich im Krankenhaus um Verletzte gekümmert. Es wurden sogar Kinder und schwangere Frauen attackiert.

Ich bin in Köln aufgewachsen und vor anderthalb Jahren zum Arbeiten nach Istanbul gezogen. In weiten Teilen Istanbuls und in meinem privaten Umfeld kann ich mich genauso ausleben wie in Deutschland auch. Die Einschränkungen haben in letzter Zeit aber zugenommen. In bestimmten Stadtteilen kann ich nicht mit Minirock rumlaufen, Zigarette auf der Straße rauchen geht auch nicht. Wenn wir Erdogan einfach machen lassen, dürfen wir uns bald auch nicht mehr die Fingernägel lackieren und müssen alle Kopftuch tragen. Die letzten Wochen waren ziemlich anstrengend, aber ans Aufgeben denkt niemand. Ich hoffe, dass kein Bürgerkrieg ausbricht und ich mich entscheiden muss, ob ich bleibe oder wieder nach Deutschland gehe."

Yusuf Uzundag, 42, Bezirksabgeordneter aus Hamburg

"Ich war vergangenes Wochenende mit einer Delegation der Föderation demokratischer Arbeitervereine (DIDF) in Istanbul, um Oppositionelle zu besuchen und Solidarität mit den Demonstrierenden zu zeigen. Es war beeindruckend: Da demonstrierten Sozialisten, Kemalisten, Kurden, Unpolitische und Fußballfans gemeinsam. Der Umgang der Polizei mit den Demonstranten war unmenschlich. All die brutalen Schläge und die gesundheitsschädlichen Chemikalien. Ich habe immer noch den Geschmack des Gases im Mund. Ich habe die Polizisten gefragt, warum sie so brutal vorgehen, viele Demonstranten könnten schließlich ihre Kinder sein. Sie sagten: 'Das ist unsere Aufgabe, wir müssen so handeln.'

Ich denke, Erdogan ist in Panik. Er hat seine Macht in den letzten Jahren immer weiter ausgebaut. Wenn er jetzt den Kampf um Gezi verliert, verliert er auch einen Teil seiner Macht. Die Demonstranten werden nicht zurückweichen. Ich habe gesehen, mit welchem Mut sie sich den Wasserwerfern entgegen stellen. Ich hoffe, Erdogan stachelt seine Anhänger nicht auf, sonst wird das Ganze zum Bürgerkrieg. Dann haben wir ein zweites Ägypten. Wir werden weiter Aktionen in Hamburg organisieren, um auf die gefährliche Lage aufmerksam zu machen."

Ece Yildirim, 26, Sozialarbeiterin aus Berlin

"Seit dem Ausbruch der Polizeigewalt in der Türkei organisiere ich die Proteste gegen Erdogan in Berlin. Am vergangenen Wochenende war ich selbst in Istanbul. Ich wollte mich mit Freunden am Taksim treffen, aber das hat nicht geklappt, weil die Polizei die Wege abgesperrt hat. Stattdessen habe ich viele neue Leute kennengelernt. Einige protestierten seit 20 Tagen, dabei haben sie nie zuvor in ihrem Leben an einer Demonstration teilgenommen. Fremde Leute haben mir ihre Wohnungstür geöffnet, um mich vor dem Tränengas zu retten.

Das Erstaunliche ist: In Deutschland habe ich jeden Tag Angst um meine Freunde in der Türkei. Wenn ich jemanden per Telefon einen Tag nicht erreiche, mache ich mich total verrückt. Aber als ich selbst drin war in der Masse der Demonstranten, hatte ich überhaupt keine Angst. Das Gefühl, nicht allein zu sein, ist dann sehr stark. Ich unterstütze die Forderungen der Demonstranten voll und ganz: Der Gezi-Park soll erhalten bleiben, die Festgenommenen freigelassen und die Verantwortlichen für die Polizeigewalt zur Rechenschaft gezogen werden. Die Regierung muss das Recht auf Demonstrationsfreiheit achten und Tränengas verbieten."

Daniel Bakir