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Diskussion um Fotos des getöteten bin Laden Barack Obama, der Herr der Bilder


Ist bin Laden wirklich tot? Barack Obama verweigert der Welt den Fotobeweis, die Sensation. Klug verzichtet der US-Präsident auf die archaische Siegerpose - und inszeniert sich als Heiler der Nation.
Eine Analyse von Florian Güßgen

Bilder. Bilder. Bilder. Der Kampf der USA gegen al Kaida, gegen den Terror, ist vor allem eines: eine Bildergeschichte. Die brennenden Zwillingstürme in New York, die allgegenwärtigen Porträts des Täters Osama bin Laden, George W. Bush als vermeintlich siegreicher (Irak)krieger auf dem Flugzeugträger Abraham Lincoln. Das sind alles Ikonen eines monumentalen Krimis, bis hin zu dem in einer völlig neuen Tonlage komponierten Bild aus dem Situation Room des Weißen Hauses. Nur ein Bild, die ultimative Sensation, will US-Präsident Obama der Welt vorenthalten: Das Bild des toten Osama bin Laden, den Fotobeweis. Kann diese Bildergeschichte so enden? Kann das richtig sein?

Es ist richtig. Und es ist richtig klug. Und mehr noch: Gerade mit dieser Zurückhaltung stellt Obama einmal mehr unter Beweis, dass er eine Disziplin beherrscht wie kaum ein anderer: die Politik der Bilder. Er hat erkannt, dass er mit einer Veröffentlichung der Fotos des toten Terroristen wenig gewinnen kann - aber vieles verlieren. Obamas Entscheidung enttäuscht dabei nicht nur die Sensationsgier von uns, den Medien, und manchen von Ihnen, unseren Lesern. Sie bricht auch mit zwei traditionellen politischen Kulturpraktiken: der öffentlichen Zurschaustellung des toten Verlierers und dem eindeutigen Beleg durch ein Foto. Die beiden sind eng miteinander verknüpft. Steckten siegreiche Kriegsherren früher die abgetrennten Köpfe ihrer geschlagenen Gegner als Abschreckung und Beweis noch auf Pfähle vor den Toren der Stadt, so genügte in der Moderne das Foto als Beleg, als vermeintlich unverfälschtes Abbild der Wirklichkeit. Der tote Mussolini, der tote Che Guevara, der tote Ceausescu, der tote Saddam. Sehen hieß glauben.

Alles nur gefälscht!

Obama hat nun offenbar erkannt, dass sehen in unserer photoshopbaren Welt schon längst nicht mehr glauben heißt. Fotos haben ihren eindeutigen, dokumentarischen Charakter verloren, ihre Glaubwürdigkeit. Schon kurz nach der Nachricht von bin Ladens Tod verbreiteten sich im Netz in Windeseile gefälschte Bilder der Leiche, auch wir fielen auf eines herein. Klar, schon immer war es so, dass Fotos Betrachter zumeist nur das sehen ließen, was der Fotograf zeigen wollte. Aber zumindest schien das Motiv nur begrenzt manipulierbar. Das hat sich radikal geändert. Fotos haben heute eine ähnliche Glaubwürdigkeit wie Renaissancemalereien. Um Bildern Glauben schenken zu können, müssen wir dem Fotografen vertrauen. Glauben wir dem US-Präsidenten nicht, dass Osama bin Laden tot ist, verfehlt auch der vermeintlich zwingende Fotobeweis seine Wirkung. Alles nur gefälscht! Das verhält sich ähnlich wie mit dem Streit um den Geburtsort Obamas. Ist er tatsächlich in Hawaii auf die Welt gekommen? Auch hier bringt das Zeigen seiner Geburtsurkunde Verschwörungstheoretiker keineswegs zum Schweigen, sondern stachelt sie eher an.

Aber zumindest im Fall bin Laden vermeint Obama, dass Fotos der Leiche in den Augen jener, die ohnehin an ihm, dem Präsidenten, zweifeln, kaum politischen Nutzen erbringen dürften. "Wir glauben nicht, dass eine Fotografie aus sich heraus einen Unterschied macht", sagte er in deshalb auch in einem TV-Interview. Dagegen stehen die erheblichen Risiken einer Veröffentlichung. Denn das Zeigen der Fotos ist die ultimative Geste des Triumphs, der Kopf von Amerikas Staatsfeind Nummer eins, auf einem Pfahl auf jedem Bildschirm der Welt. Es ist klug, dass Obama diese Siegerpose vermeidet. Terrorist hin oder her, der so gedemütigte, tote bin Laden, wäre auch ein von den USA gedemütigter toter Moslem. Die Bilder könnten wirken wie Brandbeschleuniger in einer ohnehin brenzligen Situation. Auf diese Provokation verzichtet Obama deshalb wohlweißlich. "Es ist uns sehr wichtig, sicher zu gehen, dass die sehr grafischen Fotos von jemandem, der in den Kopf geschossen worden ist, nicht die Runde machen, um zusätzliche Gewalt zu befeuern - als Propagandainstrument", sagte er in dem TV-Interview. "Das würde dem nicht gerecht, was wir sind. Wir tischen das Zeug nicht als Trophäen auf." Es ist nicht das erste Mal, dass Obama Bilder wegen ähnlicher Erwägungen unter Verschluss hält. 2009 verhinderte er die Veröffentlichung von Fotos, die zeigen wie Soldaten im Irak und in Afghanistan Gefangene misshandeln.

Ein Drehtag am Ground Zero

Gleichzeitig ist freilich auch das Zurückhalten der Bin-Laden-Fotos Teil der Selbstinszenierung des Präsidenten. Daran, wie er mit Amerikas schlimmsten Feind umgeht, möchte er vorführen, was für ein Typ er ist. Dass er entschlossen, mutig und auch unerbittlich führen und entscheiden kann, hat Obama durch den Erfolg der Operation "Geronimo" nun vermeintlich bewiesen. Jetzt versucht er zu zeigen, dass er - im krassen Gegensatz zu seinem Vorgänger Bush - ein besonnener und vor allem maßvoller Präsident ist. Deshalb das grandios inszenierte Foto aus dem Situation Room, das das "Führen aus der zweiten Reihe" illustrieren soll, deshalb aber auch der Fototermin am Donnerstagabend am Ground Zero in New York. Dort will Obama Hinterbliebene der Opfer der Anschläge des 11. September 2001 treffen und einen Kranz niederlegen. Was für eine symbolisch aufgeladene Show! Nachdem der Präsident den Täter zur Strecke gebracht hat, eilt er nun also zum Tatort und trauert. Ich habe den Kreis geschlossen, lautet die Botschaft. Und ich bin auch derjenige, der Amerikas Wunde schließt! Ich bin der Heiler der Nation! Der Donnerstag wird so zum Drehtag für weich gezeichnete Wahlkampfspots. Es sind solche Fotos und Aufnahmen, mit denen Obama die epische Bildergeschichte vom Kampf Amerikas gegen Osama bin Laden unbedingt beschließen will. Diese Bilder zeigen vor allem ihn. Fotos, die den zerschossenen Schädel des Terroristenführers vorführen, erscheinen da nicht so wichtig.


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