HOME

Geburtsurkunde von Obama: Ich bin ein Amerikaner

Barack Obama ist mit der Veröffentlichung seiner Geburtsurkunde gegen Verschwörungstheoretiker wie Donald Trump in die Offensive gegangen. Damit adelt er seine irrationalen Gegner.

Von Florian Güßgen

Das Schöne an Verschwörungstheorien ist, dass ihre Anhänger sich meist von Fakten nicht irritieren lassen. Sie glauben einfach daran, erzählen sie weiter, hoffen, dass immer mehr Menschen daran glauben - und dass die Fiktion so irgendwann zur gefühlten Wahrheit wird. So ähnlich scheint es sich mit einer der Lieblingsgeschichten der amerikanischen Rechten zu verhalten: der Mär, Barack Obama sei gar nicht auf Hawaii, also auf amerikanischem Boden, geboren worden, sei also von Geburt her gar kein Amerikaner - und hätte verfassungsrechtlich nie US-Präsident werden dürfen. Seit dem Präsidentschaftswahlkampf 2007 wabert die so genannte "Birther"-Theorie durch die Szene. Jüngst erhielt sie massiv Auftrieb, weil Donald Trump, der freakige Milliardär, Krawall-Moderator und Vielleicht-Präsidentschaftskandidat für die Wahl 2012 sie aufgriff und landauf, landab damit durch TV-Shows zog. Er werde jetzt eine Untersuchungskommission nach Hawaii schicken, um dort mal nachgucken zu lassen, was an dem Gerücht dran sei, tönte Trump. Sind die Vorwürfe auch noch so abstrus, ist Trump auch noch so schillernd - seit Wochen ist das Thema in den Medien ganz vorne. Und irgendwie scheint die Theorie in den Hirnen erstaunlich vieler Wähler als Wahrheit haften zu bleiben. In manchen Umfragen hat Trump bei den schon bekannten, möglichen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner die Nase vorn. Laut einer Umfrage von "New York Times" und dem TV-Sender CBS aus der vergangenen Woche glauben zudem immerhin 45 Prozent der Republikaner, Obama sei im Ausland geboren, etwa in Kenia, der Heimat seines Vaters. Nur 33 Prozent der Befragten glauben, er sei in den USA geboren worden.

"Wir haben keine Zeit für solche Dummheiten"

Nun ist es Obama offenbar zu bunt geworden. Am Mittwochmorgen US-Zeit veröffentlichte das Weiße Haus auf seiner Webseite zunächst zwei Geburtsurkunden Obamas. Die eine, die Kurzfassung, sei schon lange bekannt, hieß es. Dieses Dokument sei das, was man in dem US-Bundesstaat Hawaii üblicherweise als amtliches Dokument nutze. Obama habe dies auch hinterlegt, als er sich um die Präsidentschaft beworden habe. Zur Kurzfassung stellte das Weiße Haus eine längere Version, die vom Gesundheitsamt Hawaiis auf Nachfrage herausgegeben worden sei. Das Dokument sei für den Amtsverkehr eigentlich nicht erforderlich. Aber weil die Diskussion um Obamas Geburtsort so ausgeartet sei, wolle man es hier und jetzt auch vorlegen. Schwarz auf Hellgrün steht da in Dokument Nr. 61 10 641 vom 8. August 1961 zu lesen, dass Barack Hussein Obama am 4. August 1961 am Abend um 19.24 Uhr im "Kapiolani Maternity & Gynecological Hospital" in Honolulu das Licht der Welt erblickt hat.

Am frühen Vormittag folgte dann der zweite Schritt der PR-Offensive. Ein sichtlich genervter Obama trat vor Presse und TV-Kameras, um die Veröffentlichung zu erläutern. "Wir haben keine Zeit für solche Dummheiten", schimpfte er im Hinblick auf die Debatte um seinen Geburtsort. "Wir haben wichtigere Sachen, um die wir uns kümmern müssen." Normalerweise würde er sich zu solchen Vorwürfen auch nicht äußern, aber weil das Thema nun offenbar seit über zweieinhalb Jahren nicht totzukriegen sei, weil es selbst während des wichtigen Streits um das US-Haushaltsdefizit in den Medien kein wichtigeres Thema gebe, habe er sich entschlossen, den Schritt der Veröffentlichung zu gehen. Das Land stehe vor großen Herausforderungen, sagte Obama. Der Haushalt, die Benzinpreise, die hohe Arbeitslosigkeit. Das alles verlange die volle Aufmerksamkeit. "Wir werden diese Probleme nicht lösen können, wenn wir abgelenkt sind", sagte der US-Präsident. "Wir werden das nicht schaffen, wenn wir Dinge erfinden und so tun, als seien Fakten nicht Fakten". Und es mutete etwas absurd an, als der seit über zwei Jahren amtierende US-Präsident wie ein Angeklagter in einem Gerichtsverfahren der Welt live Angaben zu seiner Person machte: "Ich bin am 4. August 1961 in Hawaii geboren worden", sagte Obama.

Trump verbucht Obamas Schritt als seinen Erfolg

Es ist fraglich, ob es dem Präsidenten mit seiner, nun ja, unkonventionellen Offensive gelingen wird, der Verschwörungstheorie den Garaus zu machen. Denn, so mutmaßen auch viele Beobachter, die Behauptung hat auch deshalb ein Eigenleben entwickelt, weil sie auf dem Nährboden der rassistischen Vorurteile gegen Obama so schön klingt und prächtig gedeihen kann. Und weder dieser latente Rassismus noch der faktenvergessene, leidenschaftliche Glaube an eine krude Theorie lässt sich mit Beweisen und Argumenten so leicht bekämpfen. Im Gegenteil. Mit seiner Offensive hat Obama die Theorie und seine Gegner möglicherweise sogar geadelt - immerhin hielt er es für nötig, sich dazu zu verhalten, hatte er nicht die Größe, sie einfach an sich abperlen zu lassen. Obamas Kalkül dürfte es dabei sein, die gemäßigten Zweifler in der republikanischen Partei zumindest in der Birther-Frage auf seine Seite zu ziehen und das konservative Lager vor den anstehenden Debatten zu spalten.

Donald Trump jedenfalls versuchte am Mittwochmorgen sofort, Obamas Schritt zu seinen Gunsten auszuschlachten. Er habe soeben erfahren, dass Obama die Urkunde veröffentlicht habe, sagte er in einem TV-Statement, das auf CNN angesehen werden kann. "Heute bin ich sehr stolz auf mich", sagte er. Denn schließlich habe er, Trump, es geschafft, den US-Präsidenten dazu zu bringen, endlich mit dem Dokument herauszurücken. Das hätten die Clintons - gemeint ist vor allem Obamas ehemalige innerparteiliche Kontrahentin Hillary - im Wahlkampf 2008 nicht zustande gebracht. Er werde sich die Urkunde jetzt ansehen und er hoffe, dass sie echt sei. Wenn das Dokument überzeuge, könne sich das Land nun wieder endlich den wirklich wichtigen Problemen zuwenden. Das sei doch gut. "Ich habe etwas sehr, sehr Wichtiges geschafft", sagte er. "Obama hätte das längst machen sollen." Am Abend will Trump wieder in einer TV-Show als Interviewpartner auftreten.