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Dokumentation: "Mir war klar, dass ich jetzt sterbe"

Sie wollten den Alltag auf einer Feuerwache schildern - und gerieten in die Katastrophe vom 11. September: Die Filmemacher Jules und Gedeon Naudet dokumentierten New Yorks bittersten Tag.

Von Joachim Rienhardt

Bei der ersten Hochzeit, die jemals auf einer New Yorker Feuerwache gefeiert werden durfte, ging's zu wie beim Großalarm. Löschfahrzeuge rückten mit Blaulicht dutzendweise zur Wache von Zug 28 aus, einer der ältesten der Stadt, nur sieben Blocks vom ehemaligen World Trade Center entfernt. Die Uniformierten standen Spalier fürs Brautpaar. New Yorks oberster Feuerwehrchef hatte persönlich die Ausnahmegenehmigung erteilt, und er ließ auch noch Glückwünsche ausrichten an den Bräutigam und dessen Trauzeugen: die französischen Brüder Jules Naudet, 28, und Gedeon, 32.

Bewegendste Dokumentation über den 11. September

Jules Naudet ist der einzige Mensch der Welt, der beim Attentat aufs World Trade Center mit der Kamera festhielt, wie das erste Flugzeug in den Nordturm raste. Er ist der einzige, der während der Katastrophe in den Türmen filmte. Und zusammen mit seinem Bruder hat er die bewegendste Dokumentation über den 11. September erstellt. (Ihr Augenzeugenbericht "9/11" wurde zum Jahrestag in 135 Ländern ausgestrahlt (die ARD zeigte ihn am 11. September 2002 um 20.15 Uhr).

"Wir wollten damals eigentlich einen Film über einen Rekruten auf der Wache drehen und aus seinem Blickwinkel die Arbeit der Feuerwehr beschreiben", sagt Jules Naudet. Er war an jenem Morgen mit dem Bataillonschef Joseph Pfeifer kurz vor Schichtende ausgerückt, um mit seiner neuen Kamera zu üben. Gasalarm. Routine nach einer ruhigen Nacht, in der, wie in den zweieinhalb Monaten zuvor, wieder nichts Aufregendes passiert war. Aber "wir waren extrem nervös", erinnern sich die beiden Filmer - sie hatten für ihr Projekt keinen Geldgeber gefunden, die Schulden drückten.

Dann plötzlich, um 8.46 Uhr, dieser außergewöhnlich laute Flugzeuglärm. "Ich riss instinktiv die Kamera hoch und filmte, wie der Jet in den Turm krachte", sagt Jules. Schon Minuten später stand er in der Lobby des Nordturms. "Als ich eintrat, sah ich zwei brennende Menschen am Boden liegen. Einer schrie, es war eine Frau. Es war das erste Mal, dass ich mit ansehen musste, wie jemand starb."

Donnerndes Aufprallen der "Jumper"

Jules filmte das Leiden der verbrennenden Menschen nicht. Er filmte auch nicht die Körper derjenigen, die verzweifelt aus den zerborstenen Fenstern sprangen. Sie schlugen mit explosionsartigen Geräuschen neben ihm auf und waren kaum mehr als Menschen zu erkennen. "Für wen sollte ich das filmen? Warum sollte ich das irgendjemandem zumuten?", sagt er. Im Film hört man nur das donnernde Aufprallen der so genannten Jumper. Es donnert und kracht in kurzen Abständen, so viele sind es, und man weiß, dass jedes Mal ein Mensch stirbt.

Auch Jules? Bruder Gedeon, der mit der Kamera aufs World Trade Center zuging und den Einschlag des zweiten Fliegers, Wrackteile und schockierte Augenzeugen filmte, verzichtete auf Sensationsschüsse. Doch beide drehten, mit Ausnahme von Cassettenwechseln, ohne Unterlass, zwei Stunden am Stück; das umfassendste Filmmaterial zum Anschlag.

"Gleich danach hat uns die Weltpresse belagert und Millionen von Dollar dafür geboten", sagt Gedeon. Doch für die Brüder kam das nicht infrage. "Wir wollten die Feuerwehrleute schützen. Wir standen bei denen im Wort." Und dabei blieben sie. Genauso wie bei ihrer ursprünglichen Idee, einen Dokumentarfilm zu machen. "Wir sind keine Sensationsjournalisten. Wir wollten ja eigentlich eine positive Geschichte erzählen."

Werden sie es überleben?

Die ganz harmlos beginnt: Alltag auf der Wache. Kochen, putzen, Sprüche klopfen. Immer im Mittelpunkt: der Rekrut Tony Benetatos, 21, der an jenem 11. September zunächst Stallwache hielt und dann mit den herbeigeeilten ehemaligen Kommandanten der Wache zum Einsatz rannte, nachdem der erste Turm eingestürzt war. Der Zuschauer lernt jedes Gesicht der Feuerwehrmänner kennen, schon bevor das Chaos ausbricht. Und fragt sich im Verlauf des Films: Werden sie es überleben?

Die Bilder der Naudets zeigen die Katastrophe: herabfallende Beton- und Metallteile, Angst in den Gesichtern der Retter, zusammenbrechende Funkkommunikation, Orientierungslosigkeit, Panik, als der Südturm kollabiert. "Ich habe mich auf den Boden geworfen, und mir war klar, dass ich jetzt sterbe", sagt Jules. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, auch wenn der eigentliche Einsturz nur sieben Sekunden dauerte. Doch Jules filmte weiter. "Ich sah alles durch das Display meiner Kamera, das schuf Distanz zu dem, was um mich herum vorging. Sonst wäre ich durchgedreht."

"Jetzt ist es vorbei"

Die Kamera lief auch, als alles dunkel wurde nach dem Stromausfall und Jules den Rettern mit seiner Kameralampe den Weg leuchtete. Er hielt die hektischen Befehle zur Evakuierung fest, die Flucht, filmte selbst noch, als der zweite Turm einstürzte, die Staublawine ihn einholte und er sich zwischen zwei Autos abermals auf den Boden warf, wieder alles schwarz wurde und er sich endgültig sicher war: "Jetzt ist es vorbei."

Sein Bruder Gedeon hatte den Rekruten auf dem Weg zum Einsatz verloren. "Als der zweite Turm einstürzte, war ich überzeugt, dass auch mein Bruder darin umgekommen war", sagt Gedeon Naudet. "Ich machte mir Vorwürfe, weil ich ihn gebeten hatte, mit der zweiten Kamera zu filmen." Jetzt drehte er nicht mehr. Er schrie, weinte, suchte Schutz in einem Lastwagen vor den herabstürzenden Trümmern. "Ich dachte, jetzt sterbe ich auch, jetzt sind wir beide tot."

Die Albträume über jenen Morgen plagen Jules und Gedeon Naudet inzwischen immer seltener. Monatelang haben sie an ihrem Film gearbeitet, sich die Szenen wieder und wieder angeschaut. "Das hat geholfen, alles zu verarbeiten, den inneren Frieden zu finden", sagt Gedeon. "Auch die anschließenden Interviews mit den überlebenden Feuerwehrmännern waren wie Therapiesitzungen. Sie meldeten sich freiwillig bei uns. Darauf bin ich am meisten stolz." Hinterbliebene der Feuerwehrmänner haben sich den Film angesehen und einer Ausstrahlung zugestimmt. Das war den Naudet-Brüdern wichtig. Etwa 60 Prozent der Einkünfte des Films gehen in einen Fonds, der Stipendien für Kinder umgekommener Feuerwehrmänner vergibt.

In neun Stunden zum "Mann" geworden

Vom Löschzug 28 haben alle den Einsatz überlebt. Als Letzter kehrte, neun Stunden nach der Katastrophe, Rekrut Benetatos zur Wache zurück. "Sie wollten einen Film darüber machen, wie ein Junge zum Mann wird", sagt einer der Feuerwehrmänner im Interview. "Tony hat es bei dem Versuch, am 11. September zu helfen, in neun Stunden geschafft."

Die Naudets sehen Benetatos, der inzwischen bei einer speziellen Einsatztruppe Dienst tut, regelmäßig. In der Wache gehen sie ein und aus. Jules: "Die Feuerwehrmänner sind unsere Familie geworden."

Und so sind die Brüder stolz darauf, dass sie, trotz allem, mit ihrem Film auch eine positive Geschichte erzählen. Sie werden ihn sich dennoch nicht wieder ansehen. "Sonst", sagen sie, "werden wir doch noch krank."

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