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Anwalt in Nöten Michael Cohen - das Mysterium hinter Trump

Michael Cohen und Donald Trump
Michael Cohen und Donald Trump
© Picture Alliance, Luis M. Alvarez/AP
Er agiert wie sein Chef: unklar, ungeschickt, undurchsichtig. Michael Cohen, Anwalt von Donald Trump, wurde bekannt, als er ungefragt einen "Friedensplan" für die Ukraine vorstellte. Wer ist der Jurist, der so nah am US-Präsidenten ist, wie kaum ein anderer?

Michael Cohen war noch niemals in Prag, was nicht verwerflich ist und man ihm erst einmal glauben muss. Nicht alle tun das. Es gibt Menschen, die versuchen nachzuweisen, dass er am 29. August 2016 eben nicht bei einem Baseballspiel mit seinem Sohn in South Carolina war, wie er behauptet, sondern in: Prag. Denn an diesem Sommertag reiste tatsächlich ein Michael Cohen in die tschechische Hauptstadt. Allerdings ist Michael Cohen ein Allerweltsname, und der, der nicht in Prag gewesen sein will, versuchte seine Nicht-Reise mit einem geradezu herzzerreißend-hilflosen Tweet zu belegen: "Ich war noch nie in Prag", schrieb er am 11. Januar und fügte ein Bild seines Passes dazu, genauer, dem Einbanddeckel seines Passes.

Was lief da zwischen Donald Trump und Russland?

Fest steht oder scheint zu stehen: Der Michael Cohen, der im August in Prag war, hat einen israelischen Pass und am gleichen Tag Geburtstag wie der Michael Cohen, der nie dort gewesen sein will. Die befremdliche Angelegenheit wäre kaum erwähnenswert, wenn es sich bei Michael Cohen nicht um den Anwalt von Donald Trump handeln würde, seine angebliche Reise nach Prag nicht einem Treffen mit einem russischen Abgesandten hätte gedient haben können und die Verbindungen von Trumps (Wahlkampf-)Team nach Moskau nicht wie ein Menetekel über dem US-Präsidenten hängen würde. An jemanden wie Michael Cohen kondensiert die große Frage, mit der sich die USA und die Regierung derzeit herumplagen: Was lief und läuft da zwischen Donald Trump, seinen Vertrauten und dem Kreml?

Am US-Wahlabend des 8. November 2016 wurde aus dem damals 49-Jährigen plötzlich der persönliche Anwalt sowie Intimus des mächtigsten Mannes der Welt. Bis dahin hatte er mehr oder weniger unscheinbar an der Seite Trumps agiert, selbst als Vize-Präsident der Trump-Organization fiel Cohen nicht weiter auf. Die Öffentlichkeit kannte ihn eigentlich nur wegen einer skurril wirkenden Nachfrage im Fernsehen. In einem Interview mit CNN erwiderte er auf die Feststellung des Reporters, dass Donald Trump in den Umfragen deutlich hinter Hillary Clinton liege: "Sagt wer?" Damit festigte er das Bild eines in einer Parallelwelt wahlkämpfenden Multimilliardärs. Aber dann tauchte im Januar sein Name in dem Bericht des britischen Ex-Agenten Christopher Steele im Zusammenhang mit einer Prag-Reise auf.

Wo war denn Cohen nun im August?

Dort soll er den unbestätigten Informationen nach einen ranghohen Vertreter einer russischen Kultureinrichtung getroffen haben. Oder, wie die Journalistin Louise Mensch schreibt, einen Hacker bezahlt haben. Oder beides. Die Britin in Diensten des konservativen US-Medienkonzerns News Corporation hat als eine der ersten Reporter über die dubiose Trump-Russland-Schiene berichtet. In einem aufwändig recherchierten Blogbeitrag weist sie nach, dass Cohens Angaben sich nicht immer mit seinen überprüfbaren Aufenthalten decken.

Der Zeitpunkt ist auch deshalb brisant, weil kurz zuvor mit Paul Manafort der erste Trump-Vertraute wegen einer Ukraine-Russland-Connection das Wahlkampfteam verlassen musste. Außerdem hatten die Beteiligten damals keine offiziellen Ämter inne und daher waren ihnen jede Form von "bilateralen" Gesprächen untersagt gewesen. Über den genauen Inhalt des angeblichen Treffens gibt es keine Details, auch zweifeln viele Experten die Ausführungen des "Steele-Reports" an. Doch unabhängig vom Wahrheitsgehalt - Ende Januar plötzlich fällt der Name Michael Cohen erneut im Zusammenhang mit Russland. Doch diesmal deutlich spektakulärer.

Laut der "New York Times" hatte Cohen zusammen mit Felix Sater, gebürtiger Russe, US-Immobilienunternehmer sowie Trump-Intimus, den ukrainischen Parlamentarier Andrej Artemenko getroffen. Dabei soll ein Friedensplan für die Ukraine überreicht worden sein. Die Zusammenkunft sorgte aus zwei Gründen für Empörung. Zum einen fand sie wohl ohne Zustimmung der Regierung statt und zum anderen hätte die Umsetzung des Plans in der Konsequenz bedeutet: de-facto-Anerkennung von Krim und Ost-Ukraine als russisches Gebiet und in der Folge die Aufhebung der Sanktionen gegen Moskau. Am Ende also ein sehr Kreml-freundliches Vorhaben. Auch heißt es, der Plan sei an Michael Flynn übergeben worden - den damaligen Nationalen Sicherheitsberater Trumps, der kurz darauf wegen seiner Russland-Verbindungen gehen musste.

Anwalt in Nöten: Michael Cohen - das Mysterium hinter Trump

Die Eiertänze des Team Donald Trump

Was auf das Treffen in einem Hotel an der feinen New Yorker Park Avenue folgte, gleicht einem dieser Eiertänze, die in diesen Tagen auffallend häufig bei Vertrauten des Präsidenten zu beobachten sind. So brachte Michael Cohen innerhalb kurzer Zeit gleich mehrere Versionen der Besprechung in Umlauf: Sie reichten von: Das Treffen habe 15  Minuten gedauert, und er habe den Plan danach an Flynn weitergegeben, über, er habe nie daran gedacht, den Plan weiterzugeben, bis, er kenne den Plan überhaupt nicht. Seine vorläufig gültige Version ist, er habe nichts mit dem Plan gemacht, alles andere seien "Fake-News", wie Cohen sagt.

Viele Vertraute mit Russland-Kontakten

Welche Variante nun stimmt, bleibt vorerst verborgen im Nebel aus Lügen, Zugeben, Vorpreschen, Zurückrudern und Leugnen, der sich über Donald Trumps halbes Umfeld gelegt hat. Michael Flynn zum Beispiel, musste offiziell gehen, weil er Vize-Präsident Mike Pence nicht die ganze Wahrheit über seine Russland-Kontakte erzählt haben soll. Justizminister Jeff Sessions log unter Eid über seine Russland-Kontakte. Daneben tummeln sich mindestens sieben weitere Berater und Minister im Weißen Haus, die mehr oder weniger enge Verbindung nach Russland haben. Nicht alle sind ehrenrührig, aber alle zusammen verdichten den Eindruck, die Beziehungen sind enger als den meisten konservativen Amerikanern lieb sein dürfte. 

Donald Trump selbst äußert sich über seine eigenen Verbindungen und Kontakte mal so, mal so. Einmal sagt er, dass er natürlich Geschäfte in Russland mache, später dann, dass er entweder nie Geschäfte mit Russland gemacht habe oder schon seit vielen Jahren keine Geschäfte mehr gemacht habe. Mal will er Putin kennen, dann wieder nicht. Zuletzt fiel er eher mit Kritik an Russland auf. Der Zickzackkurs ist typisch für Trump und Teile seines Teams. Und typisch für die alte Desinformationsschule des KGB: Bringe möglichst viele, verschiedene Versionen ein und derselben Geschichte in den Umlauf und warte darauf, dass jeder Überblick und Vertrauen verliert.

Nun stirbt plötzlich ein Bekannter Cohens

In gewisser Weise passt auch die neueste Wendung im Umfeld von Michael Cohen in dieses Verwirrspiel. Der Jurist hatte in der Ukraine einst ein Ethanol-Unternehmen gegründet. Aus dieser Zeit kennt er zum einen Felix Sater, den Friedensplan-Partner, als auch einen gewissen Alex Oronow, einen Ukrainer. Dieser Oronow, wiederum familiär mit Cohen verbandelt, soll das Dreiertreffen zwischen Cohen, Sater und dem Abgeordneten Andrej Artemenko in New York organisiert haben. Nun ist Alex Oronow gestorben, wie Artemenko auf seiner Facebook-Seite schreibt. Zu den Gründen merkt er an: "Der Krieg zwischen der 'New York Times' und Donald Trump". Speziell deren Bericht und die Presseaufmerksamkeit habe er nicht mehr ertragen können, so der ukrainische Parlamentarier.

Eine tragische Geschichte, wenn sie stimmt. Gelogen oder besser geflunkert hat Michael Cohen übrigens, was Prag angeht. Er war durchaus einmal dort, 2001 sei das gewesen, sagte er dem "Wall Street Journal". Auch wenn das (vielleicht) nichts mit den aktuellen Verstrickungen zu tun hat, bleibt die Frage, warum sich ein ausgebildeter Jurist und enger Vertrauter des mächtigsten Mannes der Welt so leichtfertig aufs Glatteis begibt? Und was sagt das über Donald Trumps Präsidentschaft?


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