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Trumps CNN-Video: Trumps Niveaulimbo zwingt ihn und das Publikum in die Knie

Mit seinem "Prügel-CNN-Video" hat Donald Trumps Twitterei einen Tiefpunkt erreicht. Er selbst nennt das "modern-präsidial", doch die Kultur, die hinter seiner Zerstörungswut steht, ist nicht modern, sie hat sich schon vor tausenden Jahren nicht bewährt.

US-Präsident auf Twitter: Trump greift mit Prügelvideo CNN an

In der nach unten offenen Limbo-Skala hat Donald Trump in nur kurzer Zeit gleich mehrere neue Bestmarken gesetzt. Vor dem Wochenende beleidigte er mal eben das TV-Moderatorenpaar Joe Scarborough und Mika Brzezinski auf die selbst für seine Verhältnisse harte Tour. Und gerade, als die US-Öffentlichkeit aus dem Staunen herausgekommen war, legte der Präsident gegen seinen Lieblingsfeind-Sender CNN die Latte noch ein Stück tiefer. Irgendein Fan hatte einen alten Wrestling-Auftritt des damaligen TV-Promis Trump so umgestaltet, dass es aussah als würde er gleichsam den Nachrichtenkanal vermöbeln. Der Niveaulimbo zwingt langsam aber sicher auch das Publikum in die Knie.

Donald Trump - der "moderne" Präsident

Auf die Empörungswelle gegen seinen gewaltverherrlichenden Tweet reagiert er mit der für ihn typischen Vorwärtsverteidigung: "Meine Nutzung der sozialen Medien ist nicht präsidial - sie ist modern-präsidial." Aus seiner Sicht war diese Bemerkung vermutlich der einzig folgerichtige Schritt. Jeder Immobilienmakler weiß, dass eine kleine enge Wohnung niemals klein und eng ist, sondern gemütlich. Donald Trump muss derlei Schönrednerei nicht mehr lernen. Er definiert sich seine Welt zurecht wie einst Pippi Langstrumpf. Auch sie hat schon auf Konventionen wenig bis nichts gegeben. Und geht Modernität nicht immer der Bruch des Vertrauten voraus, der Empörung der Großen und Etablierten, dem Kollaps des Alten?

Der französische Philosoph Jacques Derrida hatte in den 60-Jahren den Begriff der Dekonstruktion geprägt. Die etwas gestelzte Theorie hat sich vor allem in linken Kreisen durchgesetzt und stellt im Wesentlichen (gesellschaftliche) Übereinkünfte in Frage, beziehungsweise propagiert deren "Zerlegung". Vermutlich tritt man Donald Trump nicht zu nahe, wenn man ihm unterstellt, noch nie etwas von dieser Denkrichtung gehört zu haben. Anders einer seiner eifrigsten Helfershelfer Steve Bannon. Der Präsidentenberater ist, obwohl rechts bis reaktionär, ein großer Anhänger dieser Philosophie. "Lenin", so Bannon vor New Yorker Studenten einst, "wollte den Staat zerstören und das ist ebenfalls mein Ziel. Ich möchte alles niederreißen und das Establishment zerstören."

Trump strapaziert die Sollbruchstellen über

In diesem Sinne ist sein Chef Donald Trump wohl ein willkommenes Werkzeug. Im Wahlkampf, ohnehin selten Hort des Anstands, strapazierte der Kandidat nochmals die Sollbruchstellen. Er bepöbelte Mexikaner als Vergewaltiger, unterstellte einer TV-Moderatorin Menstruationsprobleme, beschimpfte die Konkurrentin Hillary Clinton als "korrupt" und rief mehr oder weniger direkt dazu auf, auf seinen Veranstaltungen Kritiker zu verprügeln ("Die Anwaltsrechnung übernehme ich"). Was bis dahin als "anständiges Benehmen" galt, riss der New Yorker Bulldozer einfach nieder. Und plötzlich wirkten die abgewogenen, vornehmen bis zur Unkenntlichkeit weichgespülten üblichen Politikersätze wie eine Wattebäuschchenschlacht. Die Trumpianer dagegen bejubelten den Serien-Tabubruch.

Auch wenn die meisten Amerikaner am 8. November 2016 mehrheitlich nicht Donald Trump gewählt haben, am Ende fanden sich noch genug Anhänger, die genau diesen Rowdy im Weißen Haus sehen wollen. Das ambivalente Verhältnis vieler US-Bürger zur Regierung in Washington entlädt sich immer wieder in dem dringenden Bedürfnis, die Verhältnisse auf dem Kapitolhügel zum Tanzen zu bringen. Wurden die USA nicht schließlich aus der Idee heraus geboren, den damaligen Machthabern im fernen Europa einmal richtig schön den Stinkefinger zu zeigen? Die Kultur des Aufbegehrens gegen "die da oben", des "Alles muss aus, alles muss neu", ist in Amerika tief verwurzelt und Donald Trump wurde nicht trotz seiner Raufboldhaftigkeit gewählt, sondern genau deswegen.

Selbst jetzt noch, nach einem neuen Höhepunkt der Niedertracht, beklatschen die ihm treu ergebenen Medien wie "Breitbart News" seine Tiraden: "Oh, das verrückte Genie Donald Trump" titelte das Leib- und Magenblatt der neuen Rechten über die "modern-präsidialen" Tweets. Die Präsidentschaft Trumps sei "wie einen Hund zu haben". "Jeden Tag liebt man den Hund mehr und mehr, bis es unmöglich erscheint, ihn noch mehr zu lieben", heißt es da. Die Phrase "auf den Hund gekommen" ist offenbar der Dekonstruktion zum Opfer gefallen und steht mittlerweile für das Wahre, Schöne und Gute in der Welt.

Trump im Porzellanladen der Diplomatie

Trumps Präsidentschaft trägt den protzig-trotzigen Titel "Make America great again", doch bislang treibt ihn offenbar nur das Verlangen an, auf einem möglichst großen Scherbenhaufen im Porzellanladen der internationalen Diplomatie herumzutanzen. Mühsam errungene Abkommen wie den Pariser Klimavertrag oder das Freihandelsabkommen TPP lässt er en passant fallen, als könne man mit drei Telefonaten bessere Konditionen aushandeln wie bei der Verlängerung des Handyvertrags. Seine erklärte Mission, den Washingtoner "Sumpf" auszutrocknen, mag in den Ohren der ohnmächtigen Massen wie der langerhoffte Befreiungsschlag klingen. Bislang aber hat der Präsident außer Abrissplänen nichts präsentiert, mit dem er den gewonnen Platz füllen will.


Es gibt ein Motto, das sich durch Trumps Leben zieht und ihm auf der Militärakademie eingebimst wurde: "Wenn Du getroffen wirst, schlag zehn Mal härter zurück". Selbst seine Tochter Ivanka verteidigte ihren Vater jüngst mit diesem Spruch. Es ist im Grunde die Rambo-Version des alttestamentarischen Rechtssatzes "Auge und Auge, Zahn um Zahn". Der hat schon damals nur mehr schlecht als recht funktioniert.

Was hätte der alte Goethe dazu gesagt?

Dass sich Donald Trump von der Presse regelrecht verfolgt fühlt, hat genau mit dieser Einstellung zu tun. Ja, vermutlich gehen ihn die Medien härter an, als andere Präsidenten. Ja, bisweilen mögen auch Journalisten unfair zu ihm sein. Er versteht nur nicht, dass seine Dampfhammermethode erst recht die Art von Gegen-Gegenwehr provoziert, die er damit in die Knie zu zwingen versucht. Der alte Goethe hätte Trump vermutlich lakonisch seinen Zauberlehrling  unter die Nase gehalten. "Die Geister, die er rief, wird er nun nicht mehr los."