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DRAHTZIEHER: Stunde der Wahrheit?

Eine kürzlich in Afghanistan entdeckte Video-Aufzeichnung von Osama bin Laden ist in Washington veröffentlicht worden. Nach Ansicht der US-Regierung überführt das Band ihn als Drahtzieher der Anschläge.

Drei Monate nach den Selbstmordanschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon haben die USA am Donnerstag ein Video als Beweis für die direkte Verwicklung von Terroristenchef Osama bin Laden veröffentlicht. Nach der offiziellen Übersetzung des amerikanischen Verteidigungsministeriums zeigt Bin Laden darin genaue Kenntnisse der Anschläge und der Vorbereitungen.

In dem von US-Fernsehsender ausgestrahlten Amateurvideo erklärt der Terroristenführer seinen Gästen, dass er nicht mit einem solchen gewaltigen Schaden in New York gerechnet habe. Er sei davon ausgegangen, dass nur die Stockwerke oberhalb des Einschlags einstürzen würden. Dann erklärt er seinen Gästen nach Bekanntwerden des Einschlags der ersten Maschine ins World Trade Center, dass noch weitere Attacken folgen werden.

»Sie waren außer sich vor Freude«

Offenbar in Anspielung auf begeisterte Fernsehzuschauer der Terroranschläge, sagt Bin Laden: »Sie waren außer sich vor Freude, als das erste Flugzeug das Gebäude traf. Ich sagte ihnen: «Seid geduldig.» Nach Angaben des Pentagon ist das Video etwa 40 Minuten lang und wurde vermutlich in einem Gästehaus in Kandahar aufgenommen.

Bin Laden betont, dass die meisten Hijacker im Unklaren über die eigentliche Operation waren. »Aber sie sind gut trainiert worden, und wir haben ihnen nichts über die Operation gesagt, bis sie da waren und dabei waren, das Flugzeug zu besteigen.«

In Afghanistan riskiert die Terrorgruppe um Bin Laden unterdessen eine Entscheidungsschlacht um ihr Höhlenversteck in den Bergen von Tora Bora. Die El Kaida-Terroristen ließen am Donnerstagmorgen ein zweites Ultimatum verstreichen und weigerten sich, ihre Anführer, unter ihnen Bin Laden selbst, auszuliefern. Die USA bombardierten daraufhin die Region erneut. Außerdem landeten nach Angaben der afghanischen Nachrichtenagentur AIP drei Hubschrauber mit US-Soldaten nahe Tora Bora.

Bundeswehr nach Dschibuti

Deutsche Soldaten werden aller Voraussicht nach nicht mehr vor Weihnachten zum Afghanistan-Einsatz abkommandiert. Frühestens am 2. Januar sollen bis zu zehn Schiffe mit etwa 1800 Soldaten an Bord in Richtung der arabischen Halbinsel auslaufen und wahrscheinlich den Hafen von Dschibuti am Horn von Afrika ansteuern. Dieses Szenario zeichnete sich ab, nachdem aus Regierungskreisen außerdem bekannt wurde, dass der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) über das Mandat für die Schutztruppe in Afghanistan nicht vor Dienstag kommender Woche entscheiden wird.

Mit der Sicherheitsrats-Entscheidung verzögern sich auch die Entscheidungen des Kabinetts und der Termin für die notwendige Sondersitzung des Bundestags. Das Kabinett könnte sich mit der deutschen Beteiligung an der internationalen Schutztruppe unter UN- Mandat danach frühestens am Mittwoch beschäftigen. Theoretisch wäre die Sondersitzung des Parlaments dann am Donnerstag oder Freitag kommender Woche möglich.

Wie die Zeitung »Die Welt« berichtete, ist ausdrücklich für die Bundeswehr vom Einsatzraum um die afghanische Hauptstadt Kabul die Rede. Die für den Einsatz vorgesehenen deutschen Soldaten gehörten zu einem Fallschirmjägerbataillon und einer Panzeraufklärungskompanie. Auch die Heeresflieger sollen in Kompaniestärke stationiert werden. Ihre Aufgabe soll der Lufttransport sein.

Viele Afghanen immer noch auf der Flucht

Das Afghanistan-Büro der Vereinten Nationen in Pakistan beklagte, dass wegen der andauernden Angriffe auf die Berge von Tora Bora mehrere hundert Familien zur Flucht gezwungen worden seien. »Die Massenflucht nimmt mit der Intensität der Bombardements zu«, sagte Einar Haltet von den UN in Islamabad. Aus Furcht vor Bürgerkrieg und Stammeskonflikten fliehen außerdem weiterhin täglich Hunderte von Afghanen aus ihrer Heimat. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerkes (UNHCR) treffen jeden Tag rund 300 Afghanen an der Grenze zu Pakistan ein. Vor dem Sturz des Taliban-Regimes seien es 2000 gewesen.

Für den künftigen Übergangsregierungschef von Afghanistan, Hamid Karsai, ist Sicherheit das wichtigste Ziel. »Die erste Priorität ist völliger Frieden und Sicherheit für das Volk Afghanistans«, sagte Karsai am Donnerstag nach seiner Ankunft in Kabul dem britischen Sender BBC. Der Paschtune Karsai will Gespräche mit Vertretern der Nordallianz führen, zu der vor allem Tadschiken, Usbeken und Hasara gehören. Der 44-Jährige wird gemäß der Einigung auf dem Petersberg bei Bonn die Amtsgeschäfte am 22. Dezember übernehmen.