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Interview Ex-Kindersoldat Michael Davies: "Man macht automatisch mit. Weil es um Leben und Tod geht"

Fünf Jahre lang hat Michael Davies als Kindersoldat in Sierra Leone gekämpft. Inzwischen ist er Sozialarbeiter in Hannover. Im Video-Interview berichtet der Ex-Kindersoldat über seine Kämpfe - mit und ohne Waffe.
"In solchen Fällen sind Gruppen eine Einheit. Sie sind so wie eine Familie. Also, sie halten zusammen, weil sie zusammen kämpfen, jeder für jeden. Die sind so gebunden, dass jeder die Kugel des anderen trägt. So war die Prägung. Damals haben wir alles zusammen gemacht und uns gegenseitig unterstützt, weil wir uns auch alle zusammen brauchten. Je stärker und stabiler wir waren, desto besser für unseren Erfolg damals.
Es wurde nur gesagt, dass man sein Vaterland schützt. Und es ist einfach so, dass alle Kinder auch geglaubt haben, dass der Kampf darum geht, das Vaterland zu schützen. Es ist selbstverständlich, dass, wenn man in den Ort reinkommt und man sieht, was läuft, man automatisch mitmacht. Weil es um Leben und Tod geht. Ja man wird mitgerissen, automatisch ist es so. Dass man versucht, sein Leben in Sicherheit zu bringen, damit man nicht erschossen wird.
Ich hatte die Chance, in die Stadt zu kommen. Eine bessere Zukunft zu führen, ein besseres Leben vorzustellen, da muss ich komplett weg von hier, raus. Und dann habe ich mich entschieden, die Reise weiter zu führen. Und dann nach Europa und nach Deutschland zu kommen, war Zufall. Ich wollte eigentlich einfach nach Europa, ich wollte einfach nur weg.
Wenn ich meine schwierige Vergangenheit nehme, habe ich das verarbeitet und versuche etwas Positives in die Gesellschaft zu bringen, und einfach produktiv, egal, wo ich bin.
Ich habe mal einen Kämpfer getroffen. Aber der war noch total geschlossen. Er war mal ein Feind damals in Sierra Leone, er hat auf der anderen Seite gekämpft. Und wir haben uns verstanden. Der scheint aber komplett in seiner eigenen Welt zu sein. Er hat sich total abgeschlossen. Ich war auch mal so am Anfang. Ich wollte auch gar nicht. Es ist einfach so, weil es ein Stempel ist. Die Vergangenheit ist so brutal, das ist das Problem. Ich kann das auch verstehen. Es gibt noch viele Leute da draußen, die einfach solche Schwierigkeiten haben.
Ich habe das akzeptiert, und es gibt keine Schuld. Ich bin so dankbar, ich bin ich nicht dankbar, dass es passiert ist. Aber ich bin dankbar, dass ich aus dem, was passiert ist, heute hier sitzen kann. Und sage "wow". Es ist auch nicht alles kaputt."
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Jedes sechste Kind weltweit wächst laut Save the Children in Krisengebieten auf. Fünf Jahre lang hat Michael Davies als Kindersoldat in Sierra Leone gekämpft. Mit seiner Flucht waren die Kämpfe nicht vorbei.
Von Florian Saul

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