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Exklusives stern-Experiment in Athen So reagieren Griechen auf ein Deutschland-Trikot

Das deutsch-griechische Verhältnis ist durch die Euro-Krise angespannt. stern-Redakteur Philipp Weber wollte wissen, ob sich dies auch im Alltag bemerkbar macht und ging im Schweinsteiger-Trikot durch die Straßen von Athen - ein rotes Tuch?
Von Philipp Weber
Exklusives stern-Experiment in Athen: So reagieren Griechen auf ein Deutschland-Trikot

Ich spazierte im Schweinsteiger-Trikot durch Athen, ohne zu wissen, was mich erwarten würde. Nach meiner Rückkehr zeigte ich mein Video dem Griechenland-Experten Michalis Pantelouris. Er ist Halbgrieche und verfolgt die Situation seit Ausbruch der Krise. Mit ihm sprach ich über die Reaktionen.

Herr Pantelouris, ich bin im Deutschland-Trikot durch Athen gelaufen. Die Griechen sind mir sehr positiv begegnet.
Die Griechen sind ein sehr gastfreundliches Volk. Das sind sie schon immer gewesen, und das wird auch immer so sein. Das ist Teil der Kultur. Ich habe noch nie gehört, dass ein deutscher Tourist wegen der Krise in Griechenland schlecht oder unfreundlich behandelt wurde. Im Gegenteil: Die Deutschen sind besonders beliebt in Griechenland, weil es lange, enge Verbindungen gibt. Viele Griechen haben hier gearbeitet. Viele Jüngere haben hier studiert. Auf Ihr Trikot bezogen: Da wird natürlich auch der deutsche Fußball bewundert. Warum man sich als Deutscher gerade Gedanken macht, liegt ja hauptsächlich an der medial aufgebauschten Auseinandersetzung.

 

Das Deutschland-Trikot war völlig in Ordnung, aber wehe, ich wäre als Angela Merkel oder Wolfgang Schäuble durch Athen gelaufen.

Griechenland-Experte Michalis Pantelouris.

Michalis Pantelouris

Michalis Pantelouris wurde 1974 geboren. Sein Vater ist Grieche, seine Mutter Deutsche. Pantelouris hat eine journalistische Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München absolviert. Seit 2008 ist Pantelouris freiberuflich als Autor und Blogger tätig - und zudem ausgewiesener Griechenland-Experte.

Genau das ist der fundamentale Unterschied zwischen Deutschland und Griechenland. In Griechenland setzt man nie eine Regierung mit einer Bevölkerung gleich. Man liebt das deutsche Volk. Aber wahrscheinlich wird nirgendwo anders eine Regierung härter kritisiert als in Griechenland - die eigene, aber auch die deutsche. Daher auch die harte Kritik an Schäuble und Merkel, die da als Gesichter für die deutsche Politik stehen.

Ist die Kritik an Schäuble und Merkel übertrieben?
Natürlich ist die Kritik unglaublich hart und, wenn sie als Nazis karikiert werden, völlig überzogen. Das ist eben der kulturelle Unterschied: In Deutschland heißt es sehr viel öfter "die Griechen" oder "der Grieche". So etwas gibt es in Griechenland nicht. In Griechenland gibt es nicht "den Deutschen". Das Volk wird nie für die Regierung haftbar gemacht. Die Kritik an den Politikern ist dafür sehr viel polemischer und härter, als wir das hier in Deutschland kennen.

Woher kommt die Unterscheidung zwischen Politik und Bevölkerung?
Es gibt da einen kulturhistorischen Hintergrund. Wenn man sich vorstellt, dass Griechenland über Jahrhunderte fremdbestimmt war. Entweder waren es Besatzer, eine faschistische Junta oder in den letzten Jahren Politiker, die Repräsentanten eines bestimmten Klientels waren, nicht aber die Bevölkerung widerspiegelten. Da wurden Politiker weniger als Volksvertreter angesehen, als als Gegner. Die Wahrheit ist, die Griechen erwarten von der staatlichen Autorität nichts Gutes. Die aktuelle Regierung ist die erste Regierung, die großen Rückhalt genießt.

Was bewirkt dieser Blick auf den Staat?
Wenn man es positiv sieht, lassen sie sich von Politikern nicht so sehr aufhetzen. Das sieht man beispielsweise zwischen der Türkei und Griechenland, wo es seit Jahrzehnten Spannungen gibt. Aber auch die sind eher politischer Natur. Ich erlebe als Halbgrieche in der Türkei die größte Gastfreundschaft. Und anders herum ist es genauso. Zwischen den Menschen gibt es diese Aversionen nicht. Man kann es zwar nicht ganz vergleichen, aber trotzdem ist die Situation nun zwischen Deutschland und Griechenland ähnlich. Im Gegensatz berichten mir allerdings viele Griechen, dass es heute anders ist, nach Deutschland zu fahren, im Vergleich zu früher.

Ich kenne Menschen, die Griechenland-Urlaube abgesagt haben.
Das halte ich für völlig übertrieben. Die Angst, dass man unfreundlich behandelt wird, ist wirklich unbegründet. Die zweite Angst, dass man durch einen möglichen Grexit nicht an Geld kommt, war bislang auch nicht gegeben.

Besteht eine Gefahr, dass die Versöhnung seit dem Zweiten Weltkrieg zwischen Deutschland und Griechenland Schaden nimmt?
Ich selbst bin ja ein Produkt dieser Versöhnung und ich glaube, die hat schon schlimmere Dinge überlebt. Ich glaube nicht, dass die aktuellen politischen Spannungen irreparabel sind. Viel schwieriger ist, dass der in 70 Jahren gewachsene Gedanke der europäischen Einheit, Schaden nimmt. Gerade bei den jungen Leuten geht viel Begeisterung für Europa verloren. 

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