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Whistleblower-Anhörung "Der Tabakindustrie-Moment": Wieso Frances Haugen für Facebook gefährlich werden könnte

Frances Haugen
Frances Haugen, der Dorn im Auge Facebooks
© Alex Brandon / DPA
Schon öfters haben Ex-Mitarbeiter gegen Facebooks unlautere Praktiken ausgepackt. Passiert ist bislang wenig. Doch die Aussagen von Whistleblowerin Frances Haugen könnten das "David gegen Goliath"-Spiel neu aufrollen.

Es ist nicht Mark Zuckerbergs Woche. Am Montag musste sich der Facebook-Chef erst für die gigantische Panne auf den Plattformen seines Unternehmens entschuldigen. Einen Tag später wird er mit schwerwiegenden Vorwürfen einer ehemaligen Top-Mitarbeiterin konfrontiert. Die frühere Facebook-Produktmanagerin Frances Haugen wirft dem Unternehmen vor, eigene Gewinne über die Sicherheit von Menschen zu stellen – mit verheerenden Folgen. "Ich glaube, dass die Produkte von Facebook Kindern schaden, Spaltung anheizen und unsere Demokratie schwächen", sagte die 37-Jährige am Dienstag. "Der Kongress muss handeln." 

Haugen hatte sich erst am Sonntag als die Whistleblowerin zu erkennen gegeben, die interne Dokumente des Konzerns an Behörden und das "Wall Street Journal" weitergeleitet hatte. Vor dem US-Kongress forderte sie eine strenge Regulierung von Facebook und erhöhte damit den Druck auf die Gesetzesgeber, endlich konkrete Maßnahmen gegen die schier unantastbare Macht der großen Tech-Konzerne durchzusetzen. Dabei hat die Whistleblowerin einen entscheidenden Vorteil: Sowohl Demokraten als auch Republikaner sind auf ihrer Seite. Zum ersten Mal seit seiner Gründung 2007 scheint Zuckerbergs Imperium angreifbar zu sein.

Vorwurf: Facebook stellt Profit über Sicherheit

Dabei sind die Aussagen von Frances Haugen in vielerlei Hinsicht nicht überraschend. Facebook wird bereits seit geraumer Zeit vorgeworfen, die Privatsphäre seiner Nutzerinnen und Nutzer zu verletzen, als Lautsprecher für gefährliche Falschinformationen zu dienen und besonders junge Menschen stark zu beeinflussen. Brisant sind jedoch Haugens Details, wie viel das Unternehmen selbst über mögliche Gefahren gewusst und aus Profitgier zurückgehalten haben soll.

Die Whistleblowerin warf Facebook vor dem Untersuchungsausschuss für Verbraucherschutz, Produktsicherheit und Datensicherheit vor, bewusst Algorithmen einzusetzen, die spalterische und schädliche Inhalte fördern und die Öffentlichkeit darüber wiederholt in die Irre geführt zu haben. "Das Unternehmen verheimlicht wichtige Informationen bewusst vor der Öffentlichkeit, vor der US-Regierung und vor Regierungen in aller Welt." Wichtig sei deswegen "volle Transparenz", forderte Haugen.

Den Enthüllungen zufolge kam Facebook bei seinen eigenen Untersuchungen selbst zu dem Schluss, dass insbesondere Instagram der psychischen Gesundheit von Jugendlichen schaden und beispielsweise die Gefahr von Essstörungen erhöhen könne. "Die Unternehmensführung weiß, wie Facebook und Instagram sicherer gemacht werden können. Sie nimmt aber nicht die notwendigen Änderungen vor, weil sie ihre astronomischen Profite über die Menschen gestellt hat." Mit Blick auf den stundenlangen Ausfall von Facebook, Instagram und Whatsapp am Montag sagte Haugen, in dieser Zeit sei Facebook "nicht dazu genutzt worden, Spaltungen zu vertiefen, Demokratien zu destabilisieren und junge Mädchen und Frauen sich schlecht fühlen zu lassen".

In ihrer Forderung nach Regulierung zog die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin Parallelen zur Zigarettenindustrie und zur Opioid-Krise in den USA: "Als wir herausgefunden haben, dass die Tabakindustrie den Schaden verschleierte, den sie verursachte, hat die Regierung gehandelt", sagte Haugen. Auch als die schädlichen Wirkungen von opioidhaltigen Schmerzmitteln publik wurden, habe die Regierung gehandelt. Nun liege die Verantwortung beim Kongress.

Parteiübergreifender Wille zu Konsequenzen

Dort stießen besonders ihre Aussagen über die undurchsichtigen Algorithmen und die Gefahren für Kinder auf offene Ohren. Während frühere Anhörungen häufig über Parteistreitigkeiten ins Leere geführt hatten, kündigten am Dienstag sowohl demokratische als auch republikanische Senatoren Schritte zu Facebook an. "Frances Haugens Aussage scheint einen seltenen Moment des parteiübergreifenden Konsenses zu markieren, darüber dass der Status Quo nicht mehr akzeptabel ist", bestätigte Imran Ahmed, Chef des "Centers for Countering Digital Hate", einer gemeinnützigen Organisation, die Hassrede und Falschinformationen bekämpft. 

Solche Fragen könnten den Kongress vereinen und es werde darüber heute und in zukünftigen Anhörungen "große parteiübergreifende Besorgnis" geben, kündigte der republikanische Senator Roger Wicker an. Die jüngsten Enthüllungen über die Auswirkungen von Facebook auf die psychische Gesundheit von Kindern seien in der Tat beunruhigend. "Sie zeigen nur, wie dringend es für den Kongress ist, im Namen von Kindern und der breiten Öffentlichkeit gegen mächtige Technologieunternehmen vorzugehen", sagte Wicker.

Der demokratische Senator Ed Markey ging sogar noch einen Schritt weiter und sagte an die Adresse von Mark Zuckerberg, der Kongress werde handeln "und Ihrem Unternehmen nicht länger erlauben, unseren Kindern, unseren Familien und unserer Demokratie zu schaden". Auch die demokratische Senatorin Amy Klobuchar fand deutliche Worte: "Ich denke, es ist an der Zeit zu handeln", sagte sie zu Haugen. "Und ich glaube, Sie sind dafür der Katalysator." Einige Senatoren nannten ihre Enthüllungen den "Moment der Tabak-Industrie" für die Tech-Branche.

Umstritten ist jedoch die Frage, wie genau Facebook reguliert werden soll. Der republikanische Senator Todd Young aus Indiana fragte Haugen, ob sie glaube, dass die Zerschlagung von Facebook die Probleme lösen würde. "Ich bin eigentlich dagegen, Facebook aufzulösen", erwiderte Haugen. Aus ihrer Sicht sei eine geregelte Aufsicht und eine gemeinsamer Lösung mit dem Kongress entscheidend, das "diese Systeme weiter existieren und gefährlich sein werden, selbst wenn sie zerschlagen würden."

Zuckerberg weist Vorwürfe zurück

Allerdings drohen Parlamentarier schon seit Jahren strengere Regeln für Facebook und andere Online-Plattformen an. Das weiß auch Mark Zuckerberg und ist mittlerweile ein Profi im "Vorwürfe zurückweisen". Schon dutzende Male musste er die Arbeit von Facebook in Anhörungen verteidigen – bislang mit Erfolg. Haugens Behauptung, dass das Unternehmen seinen Profit über Sicherheit und Wohlergehen stelle, sei "einfach nicht wahr", erklärte Zuckerberg am Dienstag in einer ausführlichen Mitteilung an die Angestellten, die er – wo auch sonst – auf Facebook veröffentlichte. 

"Ich kenne kein Technologieunternehmen, das Produkte herstellen will, die Menschen wütend oder depressiv machen", erklärte der Facebook-Gründer und ging auf zahlreiche Punkte der Whistleblowerin ein. "Wenn wir die Forschung ignorieren wollten, warum schaffen wir dann ein Forschungsprogramm, um diese wichtigen Probleme zu verstehen?", fragte er. "Wenn wir uns nicht um den Kampf gegen schädliche Inhalte sorgen, warum stellen wir dann so viele Leute ein, die sich darum kümmern?"

Was Haugens Aussagen am Ende wirklich bewirken können, bleibt abzuwarten. Der Totalausfall von Facebook und seinen Tochter-Plattformen, der weltweit Milliarden Nutzerinnen und Nutzer betroffen hatte, hat jedoch die große Abhängigkeit vieler Menschen von den Diensten mehr als verdeutlicht. Fest steht, die Chancen Facebook die Hörner zu stutzen, standen noch nie so gut wie jetzt.

Quellen: "Wall Street Journal" (€), "NY Times", Guardian, mit AFP


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