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Flüchtlingschaos wächst und wächst: Ungarns eiserner Vorhang

Die Grenze von Ungarn zu Serbien ist dicht. An dem Ziel vieler Flüchtlinge, über diese Route weiter ins Innere der EU zu gelangen, hat sich dadurch nichts geändert. Die Folge: Das Chaos wächst und wächst.

Noch immer stehen viele Flüchtlinge am geschlossenen Grenzübergang zu Serbien und hoffen, dass die Tore wieder geöffnet werden.

Noch immer stehen viele Flüchtlinge am geschlossenen Grenzübergang zu Serbien und hoffen, dass die Tore wieder geöffnet werden.

Nächste dramatische Eskalationsstufe zwischen Ungarn und den Flüchtlingen aus Syrien, Irak, Afghanistan und anderswo: Als Reaktion auf die Belagerung von zwei Grenzübergängen bei Röszke durch Tausende Menschen schließt Budapest am Dienstagmittag die wichtigen Verkehrsdrehpunkte. Hunderte Polizisten sicherten dort den 175 Kilometer langen Grenzzaun. Quer über die Fahrbahnen des Autobahn-Grenzübergangs "Röszke 1" werden Sperrwände mit Stacheldraht geschoben.

Und ungarische Polizisten machen rund 1500 Flüchtlingen am zweiten Grenzübergang "Röszke 2" direkt neben der Autobahn klar, dass sie keine Chancen auf Einreise haben. Dort haben viele Menschen die Nacht verbracht, nachdem ihre bisherige Hauptroute über die Eisenbahn am Vorabend von Polizisten ebenfalls abgeriegelt worden war. Die Flüchtlinge erhalten trotzdem Verstärkung durch weitere Hunderte Menschen, die am Rande der Autobahn laufen.

Illegal und mit Gewalt über den Grenzübergang

Wenige hundert Meter von den beiden gesperrten Grenzübergängen entfernt sitzen Hunderte in einem nicht abgeernteten Feld vor dem hier besonders befestigten Sperrzaun. Es gibt eine kleine weiße Tür in einen Container, vor der viele Schlange stehen. Dort sollen die Bürgerkriegsflüchtlinge registriert werden. Das Verfahren läuft so schleppend, dass Ungeduldige versuchen, über den regulären Autobahngrenzübergang illegal und mit Gewalt einzudringen.

Um 11.10 Uhr schließt Budapest auch den nahe gelegenen Grenzübergang Backi Vinogradi, um jede Ausweichmöglichkeit zu verhindern. Das Verkehrschaos ist perfekt. Viele Flüchtlinge erzählen, sie wollten auf jeden Fall ihre Registrierung einschließlich der Abgabe von Fingerabdrücken vermeiden. Sie wollten nicht in ein für sie unpassendes Land Europas, sondern nur in eines ihrer Wahl verteilt werden, lautet die Begründung. Das hatte Bundesinnenminister Thomas de Maizière vor Tagen als für Aufnahmeländer inakzeptabel bezeichnet.

Die serbische Regierung ist alarmiert. Sozialminister Aleksandar Vulin macht sich vor Ort ein Bild. Die Grenzpolizei, zu Hunderten an diesem Teil der Grenze erschienen, ist etwas verschnupft, weil sie von ihren Kollegen in Ungarn überhaupt nicht informiert wurde. Dabei arbeite man doch sonst prima zusammen. Allerdings muss Ungarn die serbische Seite auch nicht groß ins Bild setzen, weil die gemeinsamen Grenzübergänge auf ungarischem Territorium liegen. Möglicherweise wird Belgrad auch übelgenommen, dass es Zehntausende Flüchtlinge einfach in Richtung Ungarn durchgeschleust hatte.

Militärischer Großeinsatz noch offen

Es sieht so aus, als habe Ungarn alle verfügbare Staatsmacht mobilisiert - satte Polizeipräsenz überall, auffällig auch die vielen Militärlastwagen auf den Straßen. Am noch geöffneten Grenzübergang Kelebija/Tompa sieht man Soldaten mit Maschinengewehren, die ein wenig teilnahmslos herumstehen. Ob das Militär einen Großeinsatz bekommt, will das ungarische Parlament erst noch entscheiden.

Möglicherweise haben die Ungarn selbst bei den Flüchtlingen Hoffnungen geschürt. Denn in der Nacht zum Dienstag wurden am Grenzübergang "Röszke 2" auf der Landstraße in Wellen schätzungsweise 1500 Menschen durchgelassen und in Bussen weggefahren, berichten Augenzeugen. Die Flüchtlinge wollen nicht wahrhaben, dass ihr lebensgefährlicher Weg hier zu Ende sein soll. Es gebe erste vorsichtige Anzeichen, dass sich die bisherige Balkanroute in Richtung des EU-Landes Kroatien verschiebt, heißt es bei der serbischen Grenzpolizei.

Nur drei Flüchtlinge im Aufnahmelager

Jedenfalls halten sich Dienstagmittag nur drei Flüchtlinge im Aufnahmelager der serbischen Stadt Kanjiza auf. Von hier hatten sich in den vergangenen Monaten die meisten der Flüchtlinge zu Fuß Richtung Ungarn auf den Weg gemacht. Die Hauptroute, das wegen der Eisenbahnschienen gebliebene Loch im Grenzzaun bei Röszke, hatten Polizisten am Montagabend blockiert.

Für Sicherheitsexperten ist fraglich, ob Ungarn seinen umstrittenen Grenzzaun wirklich auf ganzer Länge gegen die Flüchtlinge sichern kann. In einigen serbischen Grenzorten ist bereits aus dem Nichts ein schwunghafter Markt mit Drahtscheren entstanden.

jka / DPA