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Besuch der Universität von Tunis: Gottes Werk und Steinmeiers Beitrag

Sag, wie hältst du's mit der Religion? In Tunis bekennt sich der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier zum Christentum und ist dennoch so souverän, aus dem Koran zu zitieren.

Von Axel Vornbäumen, Tunis

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hält in der Universität El Manar in Tunis eine Rede

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hält in der Universität El Manar in Tunis eine Rede

Kurz vor Ende seiner gut 45-minütigen Rede in der El-Manar Universität von Tunis wird Frank-Walter Steinmeier persönlich. Vor den Studierenden legt der deutsche Außenminister so etwas ab, wie ein erweitertes Glaubensbekenntnis. "Ich bin Christ", sagt Steinmeier, "und natürlich hat mein Christsein mit meinem Handeln in der Gesellschaft zu tun: Meine Religion gebe ich ja nicht an der Garderobe ab, wenn ich in mein Ministerbüro gehe". Dann zitiert er den Koran. "Gott hat dem Menschen nicht zwei Herzen in die Brust gelegt, sondern eines."

Im Saal der El-Manar Universität lauschen an die 500 Studierenden aufmerksam, als Steinmeier zur entscheidenden Botschaft ansetzt: "Mein Glaube inspiriert zwar mein Handeln, im privaten wie im öffentlichen Raum. Aber: Mein Glaube darf nicht selbst zum Gegenstand der Politik werden, und schon gar nicht zum Instrument gegen Andersgläubige." Es sind Sätze, die so ähnlich auch aus Lessings "Nathan, der Weise" stammen könnten. "Wer mit Religion Feindbilder schafft, liegt genauso falsch wie derjenige, der gegen Religion Feindbilder schafft."

Dialog mit der jungen Generation ist wichtig

Satte vier Tage hat sich Steinmeier Zeit genommen, um in den drei Maghreb-Staaten Marokko, Tunesien und Algerien, wo morgen sein Besuch endet, seine Sicht der Dinge vom Dialog der Kulturen in diesen angespannten Zeiten darzulegen - doch dieser Dialog mit der jungen Generation ist ihm schon unter symbolischen Gesichtspunkten der wichtigste Termin. Es sind heikle Wochen, stark geprägt von den Anschlägen von Paris auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" und den jüdischen Supermarkt. Droht eine Spirale der Gewalt und des gegenseitigen Hasses oder zumindest der stärkeren Entfremdung?

Nach seiner Rede wird Steinmeier von einer Studentin befragt, wie man es schaffen könne, gegenseitig Stereotype abzubauen - die Frau hatte zuvor von ihren einschlägigen Erfahrungen als Muslima in Deutschland berichtet. In Marokko war der Außenminister zuvor besorgt auf die anti-islamischen Pegida-Demonstrationen angesprochen worden. Die Verunsicherung ist spürbar.

In Tunesien hat die Regierung geschätzte 9000 Jugendliche in den vergangenen Monaten daran gehindert, in den Dschihad zu ziehen, wie der amtierender Außenminister Faycal Gouia am Tag zuvor erläutert hat. Ein Pulverfass, das jederzeit hochgehen kann. Steinmeier selbst spricht das Thema vor den Studenten an, nennt es erschreckend, das allein aus Deutschland über 600 Dschihadisten und aus Tunesien über 2000 Islamisten in die Kampfgebieten in Syrien und Irak gereist sind. "Es gibt Terror auf beiden Seiten des Mittelmeers", sagt der Minister. Steinmeier weiß, dass die Wärmebildkameras und Schutzwesten, die Deutschland an Tunesien liefert, um die Grenze zu Libyen ein wenig sicherer zu machen, da nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind.

Verträgt sich die Demokratie mit der Religion?

Vor den Studierenden der El-Manar Universität hatte Steinmeier seine Rede mit dem Satz eingeleitet: "Ja, unsere Welt kann einem Angst machen!" Der Minister kommt nicht als Lautsprecher, nicht als Oberlehrer, eher als jemand, der Anstöße zum Nachdenken geben will. "In der Außenpolitik ist immer Demut geboten. Wir sollten uns vor Selbstüberschätzung hüten. Auch ich, auch mein Land, kennen nicht die Antwort auf alle Fragen und Konflikte dieser Welt. Aber eines weiß ich trotz aller Demut: Schwarz und weiß ist die Welt an den wenigsten Stellen - meistens verschwimmt sie in den unterschiedlichen Farben des Grau."

Es ist so etwas wie die Menschheitsfrage dieser Tage: Verträgt sich die Demokratie mit der Religion? Steinmeier verbreitet Zuversicht: "Ich persönlich glaube, dass Religion sich mit dem Alltag der Demokratie nicht nur vertragen, sondern dass sie ihn sogar fördern kann."