HOME

Frankreich: Villepin löst Raffarin ab

Präsident Jacques Chirac hat den bisherigen Innenminister Dominique de Villepin zum Regierungschef ernannt. Offenbar soll der 51-Jährige zum Präsidentschaftskandidaten aufgebaut werden - doch der Adlige besitzt ein großes Manko.

Als Konsequenz aus der Niederlage im Kampf um die EU-Verfassung hat der französische Präsident Jacques Chirac am Dienstag den Regierungschef gewechselt und den bisherigen Innenminister Dominique de Villepin zum Premierminister ernannt. Chirac und Villepin gaben zunächst keine weiteren Veränderungen im Kabinett bekannt. Nach unbestätigten Informationen soll Nicholas Sarkozy das Innenministerium übernehmen. Der Chef der Regierungspartei UMP gilt als größter innerparteilicher Konkurrent Chiracs und macht keinen Hehl aus seinem Interesse, den Präsidenten in zwei Jahren abzulösen.

Villepin ersetzt den zuletzt amtsmüden Jean-Pierre Raffarin als Premierminister. Vor allem dessen Loyalität gegenüber Chirac hatte ihn bislang von einem Rücktritt abgehalten. Entsprechend gelöst zeigte Raffarin sich, als die Bürde des Amts von ihm abgefallen war. Die Sympathiewerte des Mannes mit dem stets gebeugten Rücken waren in der letzte Zeit in den Keller gesunken. Unpopuläre Reformen, Arbeitslosigkeit und sinkende Kaufkraft machten ihn zur Zielscheibe öffentlicher Frustrationen und Ängste. Mit seinem Rücktritt hat Raffarin Chirac einen letzten Dienst erwiesen. Er verlässt das Amt des Premierministers in der ruhigen Gewissheit, bis zum Schluss der "stramme und treue Soldat" seines Präsidenten gewesen zu sein.

Hoffnung auf neue Impulse

Chirac will sich am Abend an die Nation wenden und das Programm der neuen Regierung vorstellen, die Frankreich bis zu den Präsidenten- und Parlamentswahlen im Jahr 2007 führen soll. Der 51-jährige Villepin ist ein enger Verbündeter des seit zehn Jahren amtierenden Präsidenten und galt daher als einer der Favoriten für das Amt. Er folgt Jean-Pierre Raffarin nach, dessen Ablösung nach dem deutlichen Nein der Franzosen zur EU-Verfassung erwartet worden war. Villepin soll der Regierung die neuen Impulse geben, die Chirac den Franzosen am Sonntag versprochen hatte. Weitere Veränderungen im Kabinett werden für Mittwoch erwartet. Einige politische Beobachter gehen davon aus, dass die Runde verkleinert wird.

Das große Manko des graumelierten Adeligen: Dominique Marie Francois Rene Galouzeau de Villepin ist ein Seiteneinsteiger in die Politik und hat sich bislang nie einer Wahl gestellt, wie sein Rivale Sarkozy gern stichelt. Zudem fehlt ihm der Rückhalt in der UMP. Der Autor zweier Poesiebände und eines Werks über das Ende Napoleons gilt als brillanter Intellektueller und Redner, der Anfang 2003 als Außenminister für sein mitreißendes Plädoyer gegen den Irak-Krieg sogar im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen Beifall erhielt. "Man trifft selten Männer, die wie er zugleich Dichter und sehr gute Kompaniekommandeure sind", schwärmte Chirac im Hinblick auf den Absolventen der Pariser Elitehochschule ENA.

Der weltgewandte Villepin, als Sohn eines Senators in Marokko geboren und unter anderem in Venezuela aufgewachsen, machte zunächst Karriere im diplomatischen Dienst, bevor er 1993 Stabschef von Alain Juppe wurde, dem engsten Vertrauten Chiracs und damaligen Außenminister. Im gaullistischen "Bruderkampf" mit Premier Edouard Balladur hielt er als einer der wenigen von Anfang an zu Chirac - dieser lohnte es ihm nach seinem Wahlsieg 1995 mit dem einflussreichen Posten des Generalsekretärs im Elysee-Palast.

Ärger mit Präsidentengattin Bernadette

Dort agierte der Marathonläufer nicht immer glücklich. 1997 betrieb er die vorzeitige Auflösung des Parlaments, mit der Chirac der Rechten eine schwere Niederlage und sich selbst die Kohabitation mit dem sozialistischen Premierminister Lionel Jospin einhandelte. Die scharfzüngige Präsidentengattin Bernadette, die Villepin wie viele der damals aus dem Parlament geflogenen Abgeordneten nicht leiden kann, verpasste dem bisweilen arrogant und schneidend auftretenden Lyrik-Liebhaber den Spitznamen "Nero".

Doch wie einst Helmut Kohl belohnt auch Chirac persönliche Treue immer wieder. Nach seinem zweiten Wahlsieg 2002 machte er Villepin erst zum Außen- und zwei Jahre später zum Innenminister. Als es zuletzt mit der Regierung Raffarin immer weiter bergab ging, legte sich der starke Mann im Kabinett offen mit dem Regierungschef an, dem er Mut- und Tatenlosigkeit vorwarf. "Man kann sich nicht mit zehn Prozent Arbeitslosigkeit abfinden. Es stimmt nicht, dass wir alles versucht haben", wetterte er.

Im Hotel Matignon, dem Amtssitz des Regierungschefs, wird aber auch der funkelnde und tatendurstige Villepin nur so viel Spielraum haben, wie Präsident Chirac ihm lässt.

AP/DPA/Reuters / AP / DPA / Reuters