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Fünf Analysen in Kurzform: Wohin treibt die Ukraine?

Ist die Ukraine, das größte Flächenland Europas, noch zu retten? stern.de fasst fünf Einschätzungen, Analysen und Kommentare zur Lage zusammen.

Tag für Tag zerfällt die Ukraine weiter: Jeder Schuss, jeder Tote, jeder Winkelzug von Präsident Viktor Janukowitsch und seinen radikalen Gegnern, jede ihrer Provokationen treiben das Land an den Rand des Bürgerkriegs. Russland unterstützt unverhohlen den harten Kurs gegen die Protestbewegung, und die EU versucht verzweifelt, auf die Führung in Kiew einzuwirken. Ist die Ukraine, das größte Flächenland Europas, noch zu retten?

Fünf Einschätzungen, Analysen und Kommentare zur Lage in der Ukraine

"Dynamik der Sezession zieht herauf"

Der Kampf um die Ukraine ist vor allem ein geopolitischer Kampf. Eine Auseinandersetzung zwischen dem Westen und Russland, schreibt "Spiegel"-Redakteur Uwe Klußmann: "Der kalte Krieg ist wieder da. Erneut gegen Moskau, nur mit neuen Waffen." Er zitiert Experten, die die Schnittstelle zwischen Europa, Euroasien und Russland als "Schachbrett" bezeichnen, auf dem um die Vorherrschaft in der Region gerungen wird. "Ohne die Ukraine wäre Russland im Wesentlichen ein asiatischer imperialer Staat, mit ihr ein mächtiger imperialer Staat. Leider sei das Land selbst kaum noch überlebensfähig, so Klußmann, der bereits die "Dynamik der Sezession" heraufziehen sieht.

"Moskau schaut nicht tatenlos zu"

Auch die "Süddeutsche Zeitung" betrachtet Russland als einen Dreh- und Angelpunkt des Konflikts: "Es gibt eine ganze Reihe von Anzeichen dafür, dass Moskau durchaus nicht tatenlos zuschaut, wie sich die Situation im Bruderland entwickelt", schreibt Julian Hans, der Russland-Korrespondent der Zeitung: Anders als die EU beschränkten sich die Russen nicht auf symbolische Gesten, vielmehr nähmen sie Einfluss hinter den Kulissen, über die Medien und mithilfe der Geheimdienste. Hans glaubt, dass die Idee der Aufspaltung der Ukraine für die Russen ein gangbares Szenario sei – zumindest, wenn wenigstens Teile des zersplitterten Landes unter russischer Kontrolle bleiben würden.

"Opposition steht sich selbst im Weg"

Die Rolle russischer Geheimdienstmitarbeiter in der Ukraine ist auch Thema in einem Interview der "Taz" mit einem geflohenen ukrainischen Protestführer, dem Nationalisten Alexander Danilik: Er wirft der Regierung in Kiew vor, russische Spezialtruppen auf dem Maidan einzusetzen. "Die Spezialeinheiten sind maskiert und reden tun sie nicht mit uns – daher ist es schwer, am Akzent zu erkennen, ob es sich um Russen handelt. Meine Freunde aber haben mir diese Informationen bestätigt." Letztlich jedoch stehe sich die Opposition selbst im Weg, weil sie gemeinsame Sache mit dem ukrainischen Präsidenten mache und sie weder den Maidan noch ihre eigenen Wähler repräsentiere.

"Regierungsgegner werden nicht verstummen"

Für die "Neue Zürcher Zeitung" ist die neue Eskalation in der Ukraine schlicht das Zeichen dafür, dass Präsident Janukowitsch endgültig seine Maske hat fallen lassen: "Das brutale Vorgehen zeigt einmal mehr, wie sehr das Denken von Teilen der politischen Elite der Ukraine noch immer sowjetisch geprägt ist. Politische Gegner werden als Feinde betrachtet, und diese gilt es auszuschalten, sobald man die Macht dazu hat." Dennoch ist Autor Cyrill Stieger eher positiv gestimmt. Anders als in Russland gebe es in der Ukraine eine lebendige Bürgergesellschaft, die sich nicht einfach mundtot machen lasse. "Auch wenn der Maidan brennt, die Stimmen der Regierungsgegner werden nicht verstummen."

"Auch normale Bürger werden verrohen"

Ein ganz und gar düsteres Szenario zeichnet Reinhard Veser von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": Zwar würde Sieg oder Niederlage einer Seite für klare Verhältnisse sorgen, doch die dürften nicht lange anhalten. Gewönne die Regierung, werde sich die Opposition noch mehr radikalisieren, "bis hin zum Terrorismus", verliere sie dagegen die Macht an die Opposition, werde die kaum in der Lage sein, die vor allem nötigen Wirtschaftsreformen anzugehen und das Land unter ihrer Führung zu vereinen. Noch schlimmer: "Je länger der Konflikt dauert, desto offener und aggressiver werden kriminelle Kräfte das Machtvakuum füllen, desto mehr werden auch normale Bürger verrohen."

Niels Kruse