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Gaza-Streifen: Israel unterbricht seine Angriffe

Zwölf Tage nach dem Beginn der Kämpfe im Gaza-Streifen hat Israel erstmals die Waffen schweigen lassen. Die Offensive wurde nach Angaben eines Militärsprechers für drei Stunden unterbrochen, um Hilfslieferungen zur Versorgung der Bevölkerung zu ermöglichen. Die Feuerpause soll regelmäßig wiederholt werden.

Israel hat die Angriffe im Gaza-Streifen am Mittwoch für drei Stunden unterbrochen, um die Versorgung der notleidenden Bevölkerung mit humanitären Hilfsgütern zu ermöglichen. Ein Militärsprecher teilte mit, seit 13 Uhr (12 Uhr MEZ) sei eine Feuerpause in Kraft. Alle "offensiven Aktivitäten" im Gaza-Streifen seien vorübergehend eingestellt worden. "Dies soll den Menschen ermöglichen, sich mit Grundnahrungsmitteln einzudecken", so der Sprecher. Etwa 80 Lastwagen mit humanitären Gütern seien in das Gebiet gefahren. Seit den frühen Morgenstunden sei die Lieferung von Gas wieder aufgenommen worden.

Auch die radikal-islamische Hamas will die dreistündige Waffenruhe, die alle zwei Tage wiederholt werden soll, einhalten. Der stellvertretende Hamas-Chef Mussa Abu Marsuk hatte im Interview mit dem Nachrichtensender Al-Arabija gesagt, falls die israelische Armee ihre Angriffe wirklich jeden Nachmittag für mehrere Stunden einstelle, werde auch die Hamas während dieser Zeit keine Raketen auf Israel abfeuern.

Hilfsorganisationen hatten nach dem tagelangen Beschuss des mit 1,5 Millionen Menschen dicht besiedelten Gebietes Alarm geschlagen, weil die Versorgungslage immer schlimmer geworden war.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier begrüßte die Ankündigung des humanitären Korridors ebenso wie die Initiative des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak für eine Waffenruhe zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas. Es müsse jetzt darum gehen, schnellstmöglich einen Ausweg aus der Gewalt zu finden, erklärte er in Berlin. Deutschland stelle dem Roten Kreuz zwei Millionen Euro für seine humanitäre Arbeit im Gaza-Streifen zur Verfügung. Mubarak hatte am Dienstagabend eine sofortige Waffenruhe und Gespräche zwischen Israel und den Palästinensern vorgeschlagen. Die Initiative wird von den USA unterstützt. Ein Streitpunkt ist die Frage, ob die Hamas in eine Vereinbarung eingebunden werden soll. Dies lehnt Israel bislang ab.

Fischer kritisiert EU-Bemühungen als "chaotisch"

Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer hat die Bemühungen der Europäischen Union zur Beendigung des Kriegs im Gaza-Streifen als "chaotisch" kritisiert. Der Wochenzeitung "Die Zeit" sagte der langjährige Grünen-Politiker: "Der gegenwärtige chaotische Auftritt von EU und europäischen Regierungen sollte uns die Schamesröte ins Gesicht treiben." So reise eine EU-Troika mit einem Anhang von Außenministern herum, und der französische Präsident mache diesem Unternehmen obendrein Konkurrenz. "Da machen wir uns doch lächerlich als Europäer. Das ist ein diplomatischer Flohzirkus", kritisierte Fischer

Er forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, für eine einheitliche Position der EU zu sorgen. "Gerade deshalb muss man beklagen, dass die Bundesregierung das deutsche Gewicht nicht stärker einsetzt, um eine einheitliche europäische Haltung zu erreichen", wird Fischer zitiert. Die von Merkel bekundete Solidarität mit Israel nahm der Exminister dagegen ausdrücklich von seiner Kritik aus. "Da muss ich die Bundesregierung in Schutz nehmen: Wir sind parteiübergreifend solidarisch mit Israel, und das ist Teil unserer Staatsräson seit Gründung der Bundesrepublik", sagte Fischer.

Türkei dringt auf Entsendung einer Friedenstruppe

Die türkische Regierung dringt unterdessen auf die Entsendung einer internationalen Friedenstruppe zur Überwachung eines Waffenstillstands. Diese solle auch die Kontrolle der etwa 200 Schmugglertunnel übernehmen, die zwischen Ägypten und dem Gaza-Streifen gegraben wurden, berichtete die türkische Zeitung "Sabah". Über das Tunnelsystem werden Waffen, aber auch Verbrauchsgüter und Lebensmittel in das Palästinensergebiet gebracht. "Wenn es dem Frieden hilft, können wir Soldaten nach Gaza schicken", zitierte das Blatt den türkischen Regierungssprecher Cemil Cicek.

Ungeachtet der geplanten Kampfpausen hatte Israel den zwölften Tag in Folge die Angriffe im Gaza-Streifen am Mittwochvormittag zunächst fortgesetzt. Ein Militärsprecher teilte mit, es seien etwa 40 Ziele beschossen worden, vor allem im Norden des Palästinensergebiets. Dabei habe es sich unter anderem um Gebäude der Hamas, Bunker und Raketen-Abschussrampen gehandelt. Die Luftwaffe habe auch Gruppen bewaffneter Palästinenser angegriffen. An der Grenze zu Ägypten seien mehr als zehn Tunnel bombardiert worden, die dem Waffenschmuggel dienten. Im israelischen Grenzgebiet schlugen nach Rundfunkangaben erneut aus dem Gaza-Streifen abgefeuerte Raketen ein.

Die israelischen Streitkräfte verteidigten derweil den Angriff am Dienstag auf eine Schule der Vereinten Nationen als militärische Aktion. Sie warfen der Hamas vor, die Zivilbevölkerung als Deckung zu missbrauchen. In einer Erklärung sprach die Armee von Geheimdienstinformationen, wonach unter den Toten auch Kämpfer eines Hamas-Kommandos seien, das Raketen auf Israel abgeschossen habe. Zwei Anwohner teilten der Nachrichtenagentur AP mit, sie hätten in der Nähe der Schule eine Gruppe von palästinensischen Kämpfern gesehen, die Mörsergranaten abgeschossen hätten. Daraufhin sei eine israelische Granate auf die Gruppe abgefeuert worden, habe die Männer aber verfehlt. Dann seien drei weitere Granaten mitten in der Menge auf dem Schulgelände gelandet.

AP/Reuters/DPA / AP / DPA / Reuters