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Geiselnahme: US-Soldat im Irak gefangen genommen

Einer der beiden seit einer Woche im Irak vermissten US-Soldaten ist in der Hand irakischer Aufstän-discher. El Dschasira strahlte ein Video aus, das den 20-jährigen Keith M. Maupin mit seinen Entführern zeigt.

Einer der beiden seit einer Woche im Irak vermissten US-Soldaten ist offenbar in der Hand irakischer Aufständischer. Der arabische Fernsehsender El Dschasira strahlte am Freitagabend ein Video aus, das den 20 Jahre alten US-Soldaten Keith M. Maupin aus dem US-Bundesstaat Ohio zeigen soll. Der auf dem Boden sitzende Amerikaner ist auf dem Video, das vom US-Nachrichtensender CNN gezeigt wurde, von fünf bewaffneten und vermummten Aufständischen umgeben zu sehen.

Maupin, der einer Transporteinheit angehört, war in Gefangenschaft geraten, als sein Lastzug am 9. April außerhalb der irakischen Hauptstadt Bagdad angegriffen wurde. Ein zweiter US-Soldat gilt seither als vermisst. Auch von sieben amerikanischen Zivilisten fehlt jede Spur. Wie viele Ausländer außerdem noch in der Hand Aufständischer sind, ist derzeit unklar. Am Freitag war bekannt geworden, dass ein dänischer Geschäftsmann entführt wurde. Drei tschechische Journalisten kamen dagegen frei. Der Rat der Religionsgelehrten im Irak gab bekannt, er habe zur Freilassung eines vor zwei Tagen entführten Chinesen beigetragen.

Im Irak werden auch sieben amerikanische Zivilisten vermisst. Einer der maskierten Männer sagte auf dem von El Dschasira ausgestrahlten Videoband, der US-Soldat werde als "Kriegsgefangener nach islamischem Recht" behandelt. Ziel seiner Gefangennahme sei es gewesen, ihn gegen Mitglieder der Gruppe auszutauschen, die in der Hand der US-Besatzungsarmee seien. Der junge Mann selbst gibt an, er sei verheiratet und habe ein zehn Monate altes Baby.

Angehörige identifizierten Geisel

Der entführte US-Soldat ist von seinen Angehörigen auf Aufnahmen des arabischen Senders El Dschasira erkannt worden. Es handelt sich um den Obergefreiten Keith M. Maupin, der in seiner Heimat Matt genannt wird. "Wir hätten Matt gerne gesagt, dass wir in lieben und es nicht erwarten können, ihn in die Arme zu nehmen", sagte Carl Cottrell, ein Freund der Familie Maupin, in Batavia im US-Staat Ohio. El Dschasira hatte am Freitagabend die Aufnahme des US-Soldaten in der Gewalt von irakischen Aufständischen gezeigt.

In den vergangenen Tagen wurde darüber hinaus eine ganze Reihe Ausländer in Irak entführt. Insgesamt halten Aufständische derzeit bis zu 40 Ausländer aus mindestens einem Dutzend Ländern fest. Einige wurden inzwischen wieder freigelassen, eine italienische Geisel wurde von ihren Entführern getötet.

Die Angehörigen der gekidnappten Italiener flehten in einer Videobotschaft um die Freilassung der drei Männer, die im Irak für einen privaten Sicherheitsdienst arbeiteten: "Wir sind einfache Leute wie ihr und richten uns an euer religiöses Gewissen." "Schenkt unseren Jungs, die nichts mit der Politik zu tun haben, das Leben", zitierten italienische Medien am Samstag aus dem Appell.

Zwei japanische Geiseln freigelassen

In der Hauptstadt Bagdad wurden zwei japanische Geiseln freigelassen. Ein Reuters-Kameramann sah, wie die beiden Japaner einer japanischen Delegation überstellt wurden. Einzelheiten wurden zunächst nicht bekannt. Bereits am Donnerstag waren drei entführte Japaner freigekommen, die sich seit einer Woche in der Gewalt irakischer Aufständischer befunden hatten

Bush und Blair: "Wir werden nicht wanken"

US-Präsident George W. Bush und der britische Premierminister Tony Blair halten trotz der eskalierenden Gewalt im Irak an ihren Plänen zur Machtübergabe am 30. Juni fest. "Wir werden nicht wanken", sagte Bush am Freitag nach einem Gespräch mit Blair im Weißen Haus. Beide äußerten Unterstützung für einen Plan der Vereinten Nationen, der die Auflösung des provisorischen Regierungsrats und die Einsetzung einer vom irakischen Volk akzeptierten Übergangsregierung vorsieht.

Bush und Blair betonten angesichts der anhaltenden Angriffe auf die Koalitionstruppen und Zivilisten ihre Entschlossenheit, ihre Aufgabe im Irak zu Ende zu führen. Die Anstrengungen würden verdoppelt, damit die Iraker in wachsendem Maße ihre Verantwortung für Sicherheit und Gesetz und Ordnung wahrnehmen könnten. Bush räumte ein, dass die vergangenen Wochen schwierig gewesen seien. Nach seinen Worten versuchten Extremisten und Terroristen, im Irak die Macht an sich zu reißen.

Blair will neue UN-Resolution

Die Vereinten Nationen sollen nach den Worten Blairs eine zentrale Rolle bei der Ausarbeitung eines Programmes für die politische Umwandlung des Irak in eine Demokratie spielen. Blair, der zuvor in New York mit UN-Generalsekretär Kofi Annan gesprochen hatte, hält vor der geplanten Übergabe der Souveränität im Irak am 30. Juni eine neue Resolution des UN-Sicherheitsrats für notwendig.

Die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der US- Besatzungsarmee und Irakern gingen unterdessen weiter. Aufständische griffen nach Angaben von El Dschasira die an der Grenze zu Syrien gelegene Stadt El Kaim an. Es sei zu heftigen Gefechten gekommen, die US-Soldaten hätten sich aus der Stadt weitgehend zurückgezogen. In Bagdad wurde am Samstag ein Bürohaus im Zentrum von Mörsergranaten getroffen. Es entstand Sachschaden, Menschen wurden nach Augenzeugenberichten nicht verletzt.

Weiter Gefechte in Nadschaf

Der radikale Prediger Muktada el Sadr, dessen Milizen in der den Schiiten heiligen Stadt Nadschaf Stellungen bezogen haben, warf der US-Armee vor, sie habe Verhandlungen platzen lassen. El Dschasira zeigte am Samstag Bilder schlecht bewaffneter Milizionäre, die in der Umgebung der heiligen Stadt Nadschaf Position bezogen. In der Vorstadt Bahr el Nadschaf sei es bereits zu Gefechten gekommen, hieß es.

Sadr will Miliz nicht auflösen

El Sadr kündigte in seiner Freitagspredigt in Kufa an, er werde seine Miliz nicht auflösen. Schuld am Blutvergießen im Irak seien die Besatzer und der Regierungsrat. Am Donnerstag hatte ein Sprecher El Sadrs erklärt, dieser sei zu einer Umwandlung der Miliz in eine politische Organisation bereit. Im Gegenzug sollten die US-Truppen die heiligen Städte der Schiiten verlassen.

In der Debatte um die politische Zukunft des Iraks wird Außenminister Joschka Fischer an diesem Sonntag den UN- Sonderbeauftragten Lakhdar Brahimi in Paris treffen. Brahimi kommt aus dem Irak zurück. Er hatte Vorschläge für den Machtwechsel im Irak gemacht, den die USA für den 30. Juni planen. Demnach sollen die Vereinten Nationen eine tragende Rolle bei der Bildung der Übergangsregierung spielen. Fischer reist vom EU-Außenministertreffen in Irland nach Paris. Dort bestand Einvernehmen, dass sich die EU vordringlich um eine neue UN- Resolution bemühen will.

Wolfowitz warnt Australien vor Truppenabzug aus Irak

US-Vizeaußenminister Paul Wolfowitz hat Australien gedrängt, seine Truppen trotz der angespannten Sicherheitslage nicht aus Irak abzuziehen. In einem Interview mit der Zeitung "The Weekend" (Samstagsausgabe) sagte er, ein plötzlicher Abzug würde das falsche Signale an das irakische Volk, an Terroristen sowie an die Völkergemeinschaft senden. "Es ist sehr wichtig, dass alle ihre Truppen in Irak lassen, besonders nach Madrid", zitierte ihn das Blatt. Die neue spanische Regierung hatte unter dem Eindruck der Anschläge in Madrid am 11. März angekündigt, die spanischen Soldaten nach Hause zu holen. Weiter sagte Wolfowitz, die jüngste Welle der Gewalt in der irakischen Stadt Falludscha sei das Werk des radikalen Schiitenführers Muktada el Sadr. Dessen Revolte nannte er eine "hässliche und unbedeutende Bewegung".

DPA, AP, Reuters