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Gordon Brown: Nah am Wasser gebauter Wüterich

Großbritanniens Premier Gordon Brown gilt als Tollpatsch mit Hang zu Wutausbrüchen. Nun sprach er in einem Fernseh-Interview über Krankheit und Tod seiner Kinder - mit Tränen in den Augen.

Von Cornelia Fuchs, London

Seine Berater nennen es die Masochismus-Strategie. Die meisten politischen Kommentatoren bezeichnen es als Ausverkauf eines ernsthaften Politikers. Und viele Zuschauer fanden es berührend, aber äußerst seltsam. Die Rede ist von dem Fernseh-Auftritt, in dem Gordon Brown jetzt das erste Mal ausführlich über den Tod seiner Tochter Jennifer vor neun Jahren sprach, über die Krankheit seines Sohnes Frazer und über die Liebe zu seiner Frau Sarah.

Brown weint!

Die Schlagzeilen kündigten es schon vor über einer Woche an: Brown weint! Und das öffentlich vor den Fernsehkameras in einer Sendung, in der ansonsten solche Berühmtheiten wie das Boxenluder Katie Price Platz nehmen und ihre Seele offenbaren. Brown blinzelte, als er auf seine Tochter angesprochen wird, die zu früh geboren wurde und bei der dann eine schwere Hirnblutung festgestellt werden musste.

Jennifer habe nicht zugenommen in den zehn Tagen nach der Geburt, sagte Brown, und er habe schließlich den Arzt gefragt: "Sie wird nicht überleben, nicht wahr?" Der antwortete: "Nein, sie wird nicht überleben, glaube ich." Seine Tochter habe so perfekt ausgesehen, er habe noch nie eine solche Liebe gefühlt, sagte Brown. Und blinzelte. Im Publikum wischte seine Frau Sarah sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Es war totenstill im Publikum.

Eine einmalige Sache

Piers Morgan, der Interviewer, bekannt aus X-Factor, der englischen Talentshow, fragte unerbittlich weiter. Brown spricht über seine Ängste um Sohn Frazer, der an Mukoviszidose erkrankt ist. Er habe als erstes bei Google im Internet nach der Lebenserwartung geschaut und nach Heilungschancen. Es sei niederschmetternd gewesen: "Aber heute klettert er auf Bäume", sagte Brown. Sie fühlten sich privilegiert, dass sie ihren Söhnen so ein gutes Leben bieten können.

Browns Berater sagen, es sei eine einmalige Sache gewesen, diese seelische Offenbarung, eine Gelegenheit für den Premier, seinen Wählern endlich einmal seine wahre Seite zu zeigen. Nun mag man fragen, warum ein Mann, der seit über 13 Jahren die Geschicke seines Landes erst als Schatzkanzler und seit 2007 als Premierminister leitet, seinen Wählern immer noch erklären muss, wer er wirklich ist.

Von fliegenden Fax-Maschinen und Schreitiraden

Brown ist ein Mysterium, weil wohl kein britischer Politiker von Feinden und Freunden so unterschiedlich charakterisiert wird. Auf der einen Seite erzählen seine Unterstützer, dass er ein unglaublich intelligenter Mann sei mit einem scharfen Sinn für Humor, großzügig, bescheiden. Ein Mann, der schon in jungen Jahren nach seinem Rugby-Unfall, der ihn auf einem Auge erblinden ließ, ein einziges Ziel vorantrieb: etwas für sein Land zu tun und für Gerechtigkeit auf der Welt.

Auf der anderen Seite werden immer wieder Geschichten über Browns fürchterliche Wutausbrüche erzählt. Sowohl der politische Kommentator Andrew Rawnsley als auch der ehemalige Labour-Mann Lance Price erzählen in neuen Büchern von fliegenden Fax-Maschinen, Schreitiraden und Attacken gegen Möbel nach Wutausbrüchen in der Downing Street. Darauf angesprochen sagte Brown, er sei eben ungeduldig, weil noch so viel zu tun sei. Gewalttätig sei er jedoch nie gewesen, darauf bestand er.

Premier im Umfragetief

In Großbritannien muss bald ein neues Parlament gewählt werden. Brown läuft die Zeit davon, seine Umfragewerte sind weiterhin im Keller. Zwar finden viele seine ernsthafte, tolpatschige Art immer noch irgendwie sympathisch. Brown hebt sich so weiter positiv gegen seinen Vorgänger Tony Blair ab – "Teflon-Tony" galt als Charme-Bolzen, der in Interviews stets besonders authentisch und sympathisch wirkte. Und dem viele Wähler bis heute vorwerfen, dass er hinter seiner charismatischen Art verbarg, dass er einen Krieg gegen den Irak plante, den die Mehrheit nicht wollte.

Auch Blair hat sich im Wahlkampf nach Beginn des Irak-Krieges der Masochismus-Strategie unterworfen, die im Labour-Parteihochhaus entwickelt wurde. Er stellte sich in Gemeindesälen, im Fernsehen und in Radio-Talkshow dem Ärger seiner Wähler. Er ließ sich beschimpfen und erklärte vor allen, dass er mit gutem Gewissen gehandelt habe.

Alles nur instrumentalisiert?

Auch Brown, so scheint es, soll nun die Wähler an sich heranlassen, damit die das Gefühl haben, er höre ihnen zu. Er soll volksnaher werden und dadurch sympathischer. Wenn die Wähler den wahren Brown kennen lernen, so die Idee, dann werden sie wieder Labour wählen. Denn sein Gegner David Cameron konnte bis heute, bei aller Antipathie gegen die Labour-Regierung, eine gewisse Antipathie der Wähler nicht überwinden.

Gerade zeigt eine neue Umfrage, dass über 56 Prozent der Wähler glauben, David Cameron verkaufe seine Politik clever, aber was er dahinter für einen Charakter verberge, könne man nicht wissen. Prompt startete auch Cameron eine Charme-Offensive und sprach im schottischen Fernsehen über den Tod seines sechsjährigen Sohnes Ivan im vergangenen Jahr, der seit seiner Geburt an spastischer Lähmung erkrankt war. Auch ihm brach dabei die Stimme.

Legendär tolpatschig und wenig fotogen

Es ist die Frage, was die Tränen tatsächlich bei den Wählern bewirken. In Umfragen sagten 50 Prozent, Brown habe für sie eine warme, menschliche Seite. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Mehrheit die Labour-Regierung nach 13 Jahren an der Macht für ausgelaugt und ideenlos hält.

Vielleicht wird Brown schon bald bereuen, sich so geöffnet zu haben. Bisher konnte er unangenehme Fragen nach seinem Privatleben mit der Begründung abschmettern, über so etwas rede er nicht, er habe einen wichtigen Job zu tun. Nachdem er nun über seine Trinkgewohnheiten an der Uni (sechs Pints in einer typischen Nacht), seine Unordentlichkeit und seinen Heiratsantrag (an einem schottischen Strand bei schlechtem Wetter) geredet hat, wird das kaum noch möglich sein.

Brown ist legendär tolpatschig und wenig fotogen, wenn er locker rüberkommen soll. Es bleibt abzuwarten, ob die aufgezwungene Offenheit des Premiers nicht der letzte Grund für die Wähler sein wird, ihn von der Qual seines hohen Amtes erlösen zu wollen.