Guantánamo-Häftling Kurnaz beklagt sexuelle Belästigung


Der aus Bremen stammende Murat Kurnaz ist während seiner Haft auf Guantánamo anscheinend sexuell belästigt worden. Leicht bekleidete Frauen hätten an einem Verhör teilgenommen und ihn unter der Kleidung berührt, berichtet Kurnaz dem stern.

Murat Kurnaz erzählt in einem stern-Interview erstmals über seine Entführung und Misshandlungen durch die Amerikaner: "Einmal sind da beim Verhör drei Frauen gewesen, eine in Uniform, zwei in Zivil, wenn man so sagen kann - die haben fast nichts angehabt. Nur ein Höschen aus ganz dünnem Stoff und ein knappes Top. Die haben gesagt, ich mag dich, ich möchte, dass wir das und das tun. Eine hat gesagt, ich will dich, ich hab dich beim Duschen gesehen", berichtet Kurnaz. "Sie hat sich dann von hinten an mich gepresst, hat ihre Hand unter meine Kleidung geschoben."

Erst Kandahar, dann Guantánamo

Der als "Bremer Taliban" berühmt gewordene Kurnaz war am 1. Dezember 2001 im pakistanischen Peshawar festgenommen und zunächst nach Kandahar in Afghanistan verschleppt worden, wo er gefoltert und dann nach zwei Monaten von amerikanischen Militärs nach Guantánamo in das US-Gefängnis verbracht wurde. Kurnaz wurde fälschlicherweise unterstellt, mit Terroristen aus dem Umfeld von al-Kaida in Kontakt zu stehen.

In dem US-Gefängnis auf Guantánamo wurde Kurnaz auch mehrmals von Beamten des Bundesnachrichtendienstes (BND) und des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) besucht und vernommen, wie der stern berichtet. Gegenüber den deutschen Beamten beteuerte Kurnaz seine Unschuld und berichtete ihnen auch von den Folterungen und sexuellen Belästigungen durch die Amerikaner.

"Ich hatte damals Schmerzen im Ellenbogen und habe die Stelle immer wieder massiert, und einer fragte, weshalb ich das mache. Ich erzählte, wie der Eingreiftrupp im Lager mich verprügelt und mir den Arm verdreht hatte. Im Laufe des Gesprächs habe ich ihnen auch von meinen Folterungen in Kandahar erzählt, von den Schlägen und der Isolationshaft in Guantánamo und auch von der Sache mit den Frauen. Aber das interessierte die nicht", sagt Kurnaz in dem Interview.

"Ideale Bedingungen" in Guantánamo

In ihren Berichten für ihre Vorgesetzten behaupteten die Vertreter vom BND vielmehr, die Gefangenen auf Guantánamo würden von den US-Soldaten "fair" behandelt. Der Vertreter des BfV lobte in seinem Bericht gar die "ideale Arbeitsbedingungen" in dem US-Gefängnis.

Bereits nach den ersten Verhören im September 2002 kamen die Vertreter des BND und des Verfassungsschutzes zu der Überzeugung, dass Kurnaz völlig unschuldig sei. Bei Murat Kurnaz deute "nichts" auf "Kontakte zu Taliban- oder al-Qaeda-Strukturen" hin, heißt es dazu in einem geheimen Regierungsbericht: Die "US-Seite hat sich dieser Bewertung angeschlossen" und wollte Kurnaz im November 2002 freilassen und den Deutschen übergeben.

Obwohl Kurnaz unschuldig war, hatte die Bundesregierung jedoch kein Interesse an der Freilassung des Bremers. August Hanning, damals BND-Chef, heute Staatssekretär im Bundesinnenministerium, plädierte nach Informationen des stern im Kanzleramt dafür, Kurnaz mit einer Einreisesperre nach Deutschland zu belegen.

"Was sind das nur für Leute, die das entschieden haben?", sagt Kurnaz dazu in dem Interview. "Obwohl die deutsche Regierung wusste, dass ich nie gegen Gesetze verstoßen hatte, obwohl sie keine Beweise gegen mich hatten, obwohl sie wussten, dass ich gefoltert wurde, haben die mich noch mehr als drei Jahre in Guantanamo sitzen lassen."

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