Haiti Die letzten Tage von Aristide


Die haitianischen Rebellen haben die drittgrößte Stadt Haitis Les Cayes eingenommen und alle Gefangenen befreit. Die Hauptstadt Port-au-Prince ist umzingelt. Selbst Washington legte jetzt Präsident Aristide indirekt den Rücktritt nahe.

Die drittgrößte Stadt Haitis ist offenbar in die Hände der Opposition gefallen. Die Polizei habe die südliche Hafenstadt Les Cayes aufgegeben, berichteten Augenzeugen. Die Gruppe Base Resistance erklärte, sie habe die Gewalt über die Stadt übernommen. Die Gruppe hat Verbindungen zur oppositionellen Demokratischen Plattform. Sie gehört jedoch nicht der Rebellenbewegung an, die vor drei Wochen ihre Revolte gegen Präsident Jean-Bertrand Aristide startete und die Hälfte des Landes unter ihre Kontrolle gebracht hat. Nach Berichten von Anwohnern waren in Les Cayes einzelne Schüsse zu hören. Es sei jedoch nicht zu einem Feuergefecht gekommen, bevor die Polizisten aus der Stadt geflohen seien.

Washington geht auf Abstand zu Aristide

Die Unterstützung der USA für den umstrittenen haitianischen Präsidenten Jean-Bertrand Aristide beginnt zu bröckeln. Außenminister Colin Powell sagte am Donnerstag in Washington, Aristide sollte sorgfältig überlegen, ob er weiterhin Präsident bleiben könne. In Haiti vertrieben am Donnerstag bewaffnete Rebellen die Polizei aus der drittgrößten Stadt des Landes, Les Cayes. In der Hauptstadt Port-au-Prince drohten militante Anhänger Aristides Ausländern mit dem Tod, falls ihr Präsident gestürzt werden sollte.

"Ob er in der Lage ist, effektiv als Präsident weiter zu machen, sollte er prüfen. Ich hoffe, er prüft dies sehr sorgfältig und berücksichtigt die Interessen des haitianischen Volkes", sagte Powell. Er betonte allerdings, Aristide sei demokratisch gewählt worden. Am Mittwoch hatte schon Frankreichs Außenminister Dominique de Villepin einen Rücktritt Aristides nahe gelegt.

Auch der UN-Sicherheitsrat befasste sich am Donnerstag mit der Lage in der Karibikrepublik. Einer multinationalen Schutztruppe will er aber erst ein Mandat erteilen, wenn eine politische Lösung erreicht ist. UN-Generalsekretär Kofi Annan ernannte den langjährigen Diplomaten John Reginald Dumas (68) aus Trinidad und Tabago zu seinem Sonderbeauftragten für Haiti.

Regierungsgegner kontrollieren drei der vier größten Städte

Radiosender meldeten am Donnerstag, dass bewaffnete Rebellen in Les Cayes (rund 200 Kilometer südöstlich von Port-au-Prince) das Polizeihauptquartier gestürmt und alle Gefangenen befreit hätten. Nach Schießereien mit bewaffneten Aristide-Anhängern behielten sie den Berichten zufolge die Oberhand. Sie wurden laut Radio Métropole von einem früheren Militär angeführt. Bewaffnete Regierungsgegner kontrollieren jetzt drei der vier größten Städte des Landes: Cap Haitien im Norden, Gonaives im Nordwesten und Les Cayes im Südwesten Haitis.

In Port-au-Prince beherrschten weiter Aristides "Volksorganisationen" (OP) die Straßen. Seit Tagen errichten sie Barrikaden, pressen Autofahrern Geld ab und schüchtern die Bevölkerung mit Warnschüssen ein. Vor dem Präsidentenpalast sammelte sich eine Menschenmenge, um ihren Präsidenten zu "schützen". Einige drohten, Ausländer umzubringen. Für einen Sturz Aristides wären die USA, Frankreich und Kanada verantwortlich, hieß es. "Wir werden alle Bürger aus diesen Ländern töten und ihre Botschaften niederbrennen", sagte ein Demonstrant.

Der Anführer der bewaffneten Rebellen im Norden Haitis, Guy Philippe, hat mehrfach einen Angriff auf Port-au-Prince angedroht. In jüngsten Erklärungen versicherte er, dass die Stadt im Prinzip schon eingeschlossen sei und seine Leute nur noch auf ein Signal zum Angriff warteten. Die UN ließen am Donnerstag ihr nicht unbedingt benötigtes Personal in die Dominikanische Republik ausfliegen. Von dort flogen vier dominikanische Kampfhubschrauber nach Haiti ein, um Botschaftspersonal aus Port-au-Prince herauszuholen.

Chaos und Gesetzlosigkeit

In vielen Teilen der Millionenstadt wächst das Chaos, und die Gesetzlosigkeit regiert. Plünderungen in Geschäften und Lagern sind an der Tagesordnung. Auf den Straßen herrschen jetzt die "Chimères" (Schimären), die gefürchteten Schlägertrupps Aristides. Sie errichten Barrikaden und lassen Autofahrer nur noch gegen Bares durch - wenn sie ihnen nicht gleich das Auto wegnehmen. Auch ausländische Journalisten werden immer wieder bedroht. Vermummte und mit Macheten bewaffnete "Chimères" versammelten sich in dieser Woche nachts vor einem der internationalen Hotels und stießen stundenlang wüste Drohungen gegen die Pressevertreter aus.

Ein großer Markt in einer sonst geschäftigen Gegend macht erst gar nicht auf. Leere Holztische, die sich sonst unter Waren biegen, unterstreichen den Eindruck der Trostlosigkeit. Dort, wo es noch Lebensmittel gibt, sind die Preise wegen der unterbrochenen Versorgungswege stark gestiegen. Die wenigen Menschen, die sich noch auf die Straßen trauen, versammeln sich vor Radios, um die neuesten Nachrichten zu hören.

"Wahlen sind unsere Waffen"

Während die Aufständischen bereits den Sturm auf die Hauptstadt angekündigt haben, sehnen sich dort viele Menschen einfach nur danach, dass Ruhe einkehrt. Sie haben genug von Putschen und Unruhen, die das Land immer wieder heimsuchten. Erst vor 13 Jahren gab es die ersten freien Wahlen in Haiti, und seitdem ist es keineswegs friedlich zugegangen. "Wahlen sind unsere Waffen", meint Lilianne Richard trotzig, die ebenfalls in La Saline lebt. Ein Autofahrer fährt vorbei und streckt alle fünf Finger aus dem Fenster. Er spielt damit auf die fünf Jahre an, für die Aristide gewählt wurde. Mit dieser Geste geben sich Haitianer als Anhänger des Präsidenten zu erkennen.

Während die Anhänger Aristides in diesen Tagen in Port-au-Prince Farbe bekennen, wagen sich die meisten seiner Gegner kaum noch auf die Straße. Vor allem die wohlhabenden Bürger im Vorort Petion-Ville fürchten, auch in ihren Häusern nicht mehr sicher zu sein. "Wir gehen nach Petion-Ville und holen uns, was uns gehört", hatte vor einigen Tagen der Chimère-Führer René Civil angedroht.

Klima der Gewalt und Einschüchterung

Aristide war im November 2000 für eine fünfjährige Amtszeit gewählt worden. Schon damals herrschte in Haiti aber ein Klima der Gewalt und Einschüchterung. Angesichts des Straßenterrors der "Volksorganisationen" entschlossen sich die Oppositionsparteien seinerzeit, die Präsidentenwahl zu boykottieren. Den Sieg Aristides erkannten sie, anders als die internationale Gemeinschaft, nie an.

Volker Bargenda DPA

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