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Irak: Der Widerstand hat viele Gesichter

Neben frustrierten Anhängern des gestürzten Hussein und radikalen Schiiten kämpfen nun auch immer mehr einfache Bürger gegen die US-Besatzungstruppen. Und die USA gießen weiter Öl ins Feuer.

Der Widerstand gegen fremde Soldaten im Irak hat jetzt viele Gesichter. Außer den frustrierten Anhängern des gestürzten Regimes von Saddam Hussein kämpfen nun auch radikale Schiiten und immer mehr einfache Bürger, die unter den Folgen der Besatzung leiden. Doch die US-Armee scheint die Ausweitung des Konflikts auf immer größere Teile der Bevölkerung ignorieren zu wollen. Auf die Frage, wie die US-Soldaten nach dem Aufstand der Anhänger des schiitischen Predigers Muktada el Sadr nun an zwei Fronten kämpfen wollen, sagt US-Militärsprecher Mark Kimmit: "Es gibt nur eine Front und das ist der Irak".

Relativ ruhig ist es nur noch in den drei Nordprovinzen Dohuk, Suleimanija und Erbil, die zum kurdischen Autonomiegebiet gehören. Gravierende Auswirkungen hat die Ausweitung des Konflikts dagegen in den vorwiegend von Schiiten bewohnten Provinzen des Mittel- und Südirak, wo Truppenkontingente aus Europa, Japan und Lateinamerika stationiert sind. Denn auch hier hatte es zwar in den vergangenen Monaten Terroranschläge gegeben. Insgesamt war es dort aber wesentlich friedlicher geblieben als in dem von den Amerikanern kontrollierten sunnitischen Dreieck mit den Städten Falludscha, Ramadi und anderen Hochburgen der Aufständischen.

Auch in Regionen südlich von Bagdad fließt täglich Blut

Seit der Festnahme des El-Sadr-Vertrauten Mustafa el Jakubi am vergangenen Samstag hat sich der Konflikt zwischen den vorwiegend jungen Anhängern von El Sadr und der Besatzungsarmee jedoch so zugespitzt, dass auch in den Regionen südlich von Bagdad täglich Blut fließt. Soldaten aus Spanien, Polen, Italien und der Ukraine sehen sich plötzlich aufgebrachten Schiiten gegenüber, die zwar in der Regel nicht gut ausgerüstet sind, dafür aber mit besonderem fanatischen Eifer kämpfen.

Gut vorbereitete Attacken, wie sie die US-Soldaten im sunnitischen Dreieck erleben, wo Aufständische manchmal mehrere Sprengsätze hintereinander zünden, bevor sie einen US-Konvoi mit Panzerfäusten unter Beschuss nehmen, sind in den Schiitenregionen zumindest noch nicht an der Tagesordnung. Das könnte auch daran liegen, dass unter den Angehörigen der "Mahdi-Armee" von Muktada el Sadr weniger Ex- Offiziere mit großer militärischer Erfahrung zu finden sind als in den sunnitischen Städten. Deren Einwohner waren von Saddam Hussein einst beim Aufstieg in höhere Ränge der Armee bevorzugt worden.

Die USA gießt weiter Öl ins Feuer

Weiteres Öl ins Feuer dürften die Amerikaner am Mittwoch durch die Veröffentlichung eines Videos gegossen haben, das den Geistlichen El Jakubi nach seiner Festnahme in Gefängniskleidung und Handschellen zeigt. "Das wird die Spannungen weiter verschärfen und könnte den ganzen Irak in ein Kampfgebiet für die Amerikaner verwandeln", meint El-Sadr-Sprecher Kais el Chasali, nachdem arabische Fernsehsender die Bilder ausgestrahlt hatten.

In die Hände spielt das Chaos im Irak auf jeden Fall jenen Terrorgruppen, die den Irak seit dem Sturz des alten Regimes mit Selbstmordattentaten gegen schiitische Pilger, kurdische Politiker, ausländische Helfer und andere zivile Ziele erschüttert haben. Was die Iraker zusätzlich verunsichert, ist die Tatsache, dass bisher keiner der größeren Anschläge aufgeklärt wurde. Die US-Armee nennt zwar immer wieder das Terrornetzwerk El Kaida und den jordanischen Extremisten Abu Musab el Sarkawi als Verantwortliche. Das Fehlen von Verdächtigen und Beweisen lässt jedoch Raum für Gerüchte und Verschwörungstheorien jeder Art.

Anne-Beatrice Clasmann / DPA