Irak Mörderischer Alltag

Als die USA vor zwei Jahren den Irak angriffen, hatten Kriegsgegner gewarnt, der Einmarsch werde Hunderttausenden das Leben kosten. Was einst als Dramatisierung gescholten wurde, ist Realität geworden.

Geköpfte Geiseln, in die Luft gesprengte Polizeianwärter, erschossene Politiker: Für den alltäglichen Horror im Irak ist auch zwei Jahre nach Kriegsbeginn kein Ende in Sicht. Und niemand weiß, ob mehr Menschen durch Terroranschläge, durch Kampfhandlungen oder fatale Irrtümer von Soldaten getötet werden. Die USA begannen den Krieg in den Morgenstunden des 20. März 2003 mit der Bombardierung Bagdads. Kriegsgegner hatten gewarnt, der Einmarsch werde hunderttausende unschuldige Menschen das Leben kosten. Dann verkündete US-Präsident George W. Bush schon am 1. Mai das Ende der Hauptkampfhandlungen, und bis dahin waren unterschiedlichen Schätzungen zufolge mehrere tausend Menschen getötet worden. Unter anderem Bundesumweltminister Jürgen Trittin musste sich daraufhin von deutschen Zeitungen als "Kassandra" verspotten lassen. Er hatte mit 200.000 Opfern gerechnet.

Was damals als Dramatisierung gescholten wurde, ist längst Wirklichkeit geworden. Eine Gruppe internationaler Gesundheitsexperten wirft London und Washington in der aktuellen Ausgabe des "British Medical Journal" (BMJ) vor, die Opfer nicht mehr zu erfassen. Die offiziellen Angaben des irakischen Gesundheitsministeriums - 3.853 getötete Zivilisten zwischen April und Oktober 2004 - seien "mit großer Wahrscheinlichkeit viel zu gering". Selbst das britische Außenministerium räumte ein, die Opfer nicht mehr zu zählen, weil die Lage für die Besatzungsmächte in weiten Teilen des Landes so gefährlich geworden sei. In der amtlichen Statistik finden sich weder die Menschen, die nicht direkt Opfer von Gewaltakten wurden, noch diejenigen, die dem Gesundheitssystem nicht gemeldet wurden. Ein Anhaltspunkt für das tatsächliche Ausmaß findet sich im Medizinjournal "The Lancet" vom vergangenen Oktober: Auf Basis von Stichprobenbefragungen irakischer Haushalte kamen die Experten in einer Hochrechnung auf 100.000 kriegsbedingte Todesfälle in den ersten eineinhalb Jahren.

Tief gespaltene US-Gesellschaft

Eine Umfrage der "Washington Post" belegt, dass die US-Gesellschaft in ihrer Bewertung des Irak-Krieges tief gespalten ist. Erstmals gab eine Mehrheit von 51 Prozent an, dass sie den Krieg an sich als Fehler einschätzt. Sieben von zehn US-Bürgern bezeichnen vor allem die Zahl der mehr als 1500 gefallenen und 10.000 verletzten Armeeangehörigen seit Kriegsbeginn als inakzeptabel. Das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" widmet seine jüngste Titelgeschichte den 1043 Kindern in den USA, die einen Elternteil verloren haben. Die Zahl der getöteten und verletzten irakischen Sicherheitskräfte ist nach Angaben des Pentagon doppelt so hoch.

Auch die "Koalition der Willigen" bröckelt. Von ehemals 38 Ländern sind derzeit noch 27 Länder mit 22.000 Soldaten dabei. Weitere vier Länder haben ihren Truppenabzug angekündigt, Italien dazu seine Absicht erklärt. Pike schätzt, dass zum Ende der Amtszeit von Bush im Januar 2009 die USA noch 50.000 ihrer derzeit 138.000 Soldaten im Irak stationiert haben.

Für den Militärexperten John Pike dürfte der Irak noch für längere Zeit ein amerikanisches "Protektorat" bleiben. Nach neuesten Angaben des Pentagon sollen rund 142.000 Iraker für den Armeedienst oder die Polizei ausgebildet und ausgerüstet worden sein. Die Untersuchungs- und Prüfstelle des US-Kongresses hält diese Zahl für "übertrieben". Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gab in einem Interview mit dem US-Nachrichtensenders CNN zu, dass die US-Regierung das Ausmaß des Aufstandes im Irak unterschätzt habe. Nach Angaben des US-Kommandierenden der US-Streitkräfte im Irak, General George Casey, zählt die US-Armee in den sunnitischen Unruheprovinzen täglich 50 bis 60 Anschläge oder Angriffe. "Das werden wir zu guter Letzt nicht mit militärischen Mitteln niederschlagen können", sagte Casey bei einer Anhörung im US-Senat.

Bush lobt "immense Fortschritte"

Dagegen lobt US-Präsident George W. Bush die "immensen Fortschritte". Die konstituierende Sitzung des Übergangsparlaments in Bagdad nennt er einen "Moment der Hoffnung" auf dem Weg zur Demokratie. Bush weist immer wieder darauf hin, dass bislang alle Zeitpläne von der Machtübergabe an die Übergangsregierung Ende Juni 2004 bis zu den Parlamentswahlen in diesem Januar eingehalten worden seien. Die Ausarbeitung einer Verfassung, ein Referendum darüber sowie neue Wahlen im Dezember sind die nächsten Schritte.

Das Pentagon und das Außenministerium schreiben in einer Erfolgsbilanz, im Irak sei das größte Hilfsprogramm der USA seit dem Marshall-Plan zum wirtschaftlichen Aufbau in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Weg. Derzeit sind für 2000 Projekte rund fünf Milliarden Dollar (3,72 Milliarden Euro) investiert worden. Aus dem Erdölexport hat die irakische Regierung seit Juni 2003 den Angaben zufolge rund 18 Milliarden Dollar eingenommen.

Mehr als 2405 Schulen wurden nach Angaben der staatlichen Hilfsorganisation USAID in Stand gesetzt und 8,7 Millionen Schulbücher gedruckt. Fünf Millionen Kinder wurden gegen Kinderkrankheiten geimpft und 110 Gesundheitszentren eröffnet. Im Irak erscheinen den Angaben zufolge mehr als 300 Zeitungen. Wegen der Entführungen und grausamen Tötungen ist eine freie Berichterstattung im Irak derzeit unmöglich. Nach Angaben der Internationalen Journalisten-Föderation sind seit zwei Jahren 70 Journalisten und Medienangehörige im Irak getötet worden.

Ein Gesicht erhält der Krieg erst durch die Schicksale Einzelner. Besonders im Gedächtnis geblieben ist Margaret Hassan. Die aus Irland stammende Frau eines Irakers leitete viele Jahre das Bagdader Büro der Hilfsorganisation Care. Sie wurde von der Bevölkerung geliebt und hatte für eine friedliche Lösung des Konfliktes geworben. Am 19. Oktober 2004 wurde die 59-Jährige vor ihrem Haus von Unbekannten gekidnappt. Sie betrachtete sich selbst als Irakerin, hatte indes auch die britische Staatsbürgerschaft. Auf einem Video, das die Geiselnehmer machten, erflehte Margaret Hassan von London einen Truppenabzug. Auf einem anderen Video bricht sie zusammen, wird mit einem Eimer Wasser übergossen und schluchzt dann in die Kamera. Die Kidnapper filmten auch ihre Ermordung.

Alis Martyrium

Große Betroffenheit rief auch das Martyrium des kleinen Ali hervor, der im Mai in ein Bagdader Kinderkrankenhaus gebracht wurde. Dort starb der drei Monate alte Säugling nach wenigen Tagen qualvoll an Durchfall, Austrocknung und schließlich an einer Blutvergiftung. In der Klinik fehlte es an allem: Es gab keine Medikamente, keine Geräte, kein geschultes Pflegepersonal. Die hygienischen Verhältnisse waren unvorstellbar. "Es ist ein Verbrechen, dass wir den Kindern nicht helfen können", sagte der Arzt Haidar Hadi.

Ein Schlaglicht auf den mörderischen Alltag warf zuletzt der Tod des italienischen Geheimdienstmitarbeiters Nicola Calipari. Er starb im Kugelhagel von US-Soldaten, die an einem Checkpoint in Bagdad irrtümlich auf das Fahrzeug der befreiten Journalistin Giuliana Sgrena feuerten. Der Schock in Italien war groß.

Für die irakische Bevölkerung gehören derartige Vorfälle zum täglichen Leben. Der amerikanische Fotograf Chris Hondros begleitete am 18. Januar eine US-Patrouille in der Ortschaft Tal Afar nahe Mossul. Es war stockdunkel, und ein Auto näherte sich. Nach mehreren Warnschüssen in die Luft feuerten die Soldaten auf den Wagen. Er rollte langsam an den Straßenrand. Eine Hintertür ging auf, vier blutüberströmte Mädchen und zwei Jungen fielen heraus. Die Eltern lagen tot auf den Vordersitzen.

Vuk/AP/DPA AP DPA

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