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Irak: Terror an allen Fronten

Rund 40 Menschen mussten sterben, als sich ein Selbstmordattentäter in Bagdad mit seinem Wagen in die Luft jagte. Niemand kann sagen, ob eine Strategie dahinter steckt, doch der Schrecken hat Methode.

Leichenteile, Blut, rauchende Fahrzeug-Trümmer - am Donnerstag stand Bagdad einmal mehr unter Terror-Schock. Rund 40 Menschen mussten sterben, als sich ein Selbstmordattentäter vor einem Rekrutierungsbüro der irakischen Zivilschutzmiliz mit seinem Wagen in die Luft jagte. Seine wehrlosen Opfer hatten in einer langen Schlange gewartet, in der Hoffnung auf einen Job bei der Miliz, den sie bitter nötig gehabt hätten, um die eigene Familie durchzubringen.

Doch nicht nur die Mittellosen geraten ins Fadenkreuz des gesichtslosen Terrors. In den vergangenen Tagen wurden ein stellvertretender Außenminister, ein Generaldirektor aus dem Bildungsministerium und der Sicherheitschef der zweitgrößten Ölförder-Gesellschaft ermordet. Auch hier blieben die Attentäter unerkannt, anonym und deshalb besonders Furcht erregend.

Anschläge auf strategische Öl-Pipelines

Jenseits der menschlichen Tragödien bedroht eine weitere Terror-Variante die Zukunft des Landes. Anschläge auf die strategischen Öl-Pipelines haben am Mittwoch den Ölexport des Iraks völlig zum Stillstand gebracht. Bereits Ende Mai kam die Ausfuhr des Öls aus den Feldern um Kirkuk im Norden des Landes zum Erliegen, nachdem unbekannte Saboteure die Transportleitung in die Türkei gekappt hatten. Anfang dieser Woche richtete sich der ökonomische Terror dann gegen die Pipelines, die das Öl der Felder im Südirak zum Golfhafen Basra pumpen.

Das irakische Budget beruht zu 97 Prozent auf den Öleinnahmen. Vor dieser jüngsten Sabotage-Welle hatte der irakische Ausstoß bereits wieder 2,4 Millionen Fass am Tag betragen, vor dem Krieg waren es 3 Millionen Fass am Tag gewesen. Der Rückschlag ist enorm. Experten rechnen mit einem Einnahmeverlust von einer halben Milliarde Dollar. Denn die Reparatur der südlichen Pipeline könnte zehn Tage dauern, und niemand weiß, wann der nächste Anschlag sie wieder lahm legen wird. US-Verwaltungssprecher Dan Senor sprach am Mittwoch von einem "Terrorkrieg gegen die kritische Infrastruktur des Iraks, darauf angelegt, die irakische Bevölkerung verarmen zu lassen".

Niemand kann sagen, ob eine umfassende Strategie dahinter steckt, doch der Schrecken hat Methode. Anschläge auf Sicherheitskräfte, Politiker und hohe Beamte unterminieren die von der US- Besatzerungsmacht auf den Weg gebrachte, ohnehin brüchige Nachkriegsordnung, die Sabotage der Ölwirtschaft zerrüttet ihre Lebensgrundlage. So überrascht es in Bagdad auch kaum mehr jemanden, dass diese destruktiven Aktivitäten kurz vor der am 30. Juni geplanten Übergabe der formalen Macht an die irakische Übergangsregierung noch zunehmen.

Die US-Zivilverwalter packen ihre Koffer

Währenddessen packen die meisten der rund 600 Mitarbeiter der US-Verwaltung in Bagdad schon ihre Koffer. Nach der Machtübergabe an die Iraker in zwei Wochen wollen viele so schnell wie möglich nach Hause zurück. Die Regierung in Washington wird dann durch eine Botschaft repräsentiert - die größte der Welt mit mehr als 900 amerikanischen und hunderten irakischen Mitarbeitern. Und diese soll eine "auf gemeinsamen Zielen beruhende Partnerschaft" zwischen USA und irakischer Übergangsregierung sichern.

Nach einer Erklärung der scheidenden Besatzungsverwaltung vom Mittwoch stehen die USA und Irak "am Beginn einer neuen Beziehung". Gespräche über Einzelheiten der Machtübergabe und das Verhältnis zwischen amerikanischer Botschaft und Übergangsregierung in diesen Tagen seien in "konstruktiver und positiver Atmosphäre" verlaufen, hieß es nach einem Treffen des stellvertretenden US-Verteidigungsministers Paul Wolfowitz und dem neuen irakischen Ministerpräsidenten Ijad Allawi. Diese Stimmung spiegele eine neue Partnerschaft wider, die auf gemeinsamen Zielen und Einschätzungen beruhe.

Bereits jetzt sind 15 der 26 Ministerien nach Koalitionsangaben in irakischer Hand, darunter Schlüsselressorts wie das Ölministerium oder auswärtige Angelegenheiten. Bis zum 30. Juni sollen die Iraker auch bei Verteidigung und Finanzen das alleinige Sagen haben. Während der Übergangsphase wurden bei mehreren Gelegenheiten Differenzen zu den Standpunkten der Amerikaner deutlich. Das künftige Schicksal des inhaftierten Expräsidenten Saddam Hussein zählt ebenso dazu wie die Kontrolle über wichtiges Staatseigentum.

Die Meinungsverschiedenheiten sind weit von einem Streit entfernt, doch weisen sie auch auf die schwierige Position der Übergangsregierung hin: Wenngleich die irakischen Politiker in vielen Punkten mit der amerikanischen Position übereinstimmen, dürfen sie es sich nicht leisten, als Marionette der USA angesehen zu werden - als solche kritisierten viele Iraker den bisherigen Verwaltungsrat in Bagdad.

Iraker wollen Saddams Republikanischen Palast zurück

Von großer symbolischer Bedeutung scheint das Ringen um die Kontrolle über Saddam Husseins früheren Republikanischen Palast. Er dient derzeit als Hauptquartier der von den USA geführten Koalition und soll nach amerikanischen Plänen künftig von der US-Botschaft genutzt werden. Die Iraker hingegen wollen den Palast zurück. "Es ist keine Rede davon, dass wir den Vereinigten Staaten angeboten haben, den Republikanischen Palast als Ergänzung zur Botschaft zu behalten", erklärte dieser Tage Präsident Ghasi el Jawar. "Wir haben darum gebeten, dass der Republikanische Palast so schnell wie möglich geräumt wird. Er ist ein Symbol der irakischen Souveränität."

"Bei uns herrscht so etwas wie Stimmung vor den Ferien", räumt unterdessen ein Mitarbeiter der Koalitionsverwaltung ein. "Die meisten freuen sich auf die Abreise", ergänzt der für Jugend und Sport zuständige Berater der Zivilverwaltung, Mounzer Fatfat. "Eine ganze Reihe von Leuten sind am Ende ihrer Kräfte." Vielen der in Bagdad eingesetzten Ausländer machte vor allem zu schaffen, dass sie ihre "Grüne Zone" aus Sicherheitsgründen nahezu nie verlassen konnten, aber auch die Ablehnung, auf die sie mit ihrem Auftrag stießen.

"Die Iraker erwarteten einfach zu viel von den Vereinigten Staaten. Wir konnten dem nicht gerecht werden", sagt Fatfat. "Es tat sich eine tiefe Kluft zwischen uns auf. Dabei begannen sie, uns zu hassen." Zum Ende der Dienstzeit zögen viele seiner Kollegen kritische Bilanz, erklärt Josh Paul, der als Berater für das irakische Innenministerium im Einsatz war. "Viele von uns fragen sich: Haben wir das Richtige getan?"

Ein Goldkreuz zum Abschied

Für Hilary White, Vertreterin der Zivilverwaltung in der Stadt Hillah südlich von Bagdad, kann es keinen Zweifel an einem klaren "Ja" geben. Trotz Rückschlägen und dem Verlust ihrer Mitbewohnerin bei einem Anschlag sei sie stolz auf ihre Arbeit, betont die Amerikanerin. Als sie jetzt Abschied von irakischen Freunden nehmen musste, flossen Tränen. Ein schiitischer Geistlicher habe ihr eine goldene Halskette geschenkt, berichtet White - mit einem Kreuz als Anhänger. "Ich werde das goldene Kreuz von meinem muslimischen Freund immer in Ehren halten", erklärt sie. Es sei "ein Symbol, dass zwei Kulturen, zwei Religionen und zwei Menschen tiefen Respekt und große Bewunderung füreinander empfinden".

Gregor Mayer/DPA / DPA