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"Die Welt verstehen"-stern-Reporter erklären: Wer ist der Henker des Islamischen Staates?

"Jihadi John" wird das unbekannte Gesicht des IS genannt. In fast allen Videos der Terrormiliz taucht er auf; einige Geiseln soll er selbst ermordet haben. Jetzt ist seine Identität offenbar geklärt.

Von Michael Streck

"Jihadi John" wuchs in London auf und studiert dort - und ist heute einer der meist gesuchten Männer der Welt

"Jihadi John" wuchs in London auf und studiert dort - und ist heute einer der meist gesuchten Männer der Welt

Der Mann, den die Welt unter "Jihadi John" kennt, ist offenbar enttarnt. Er heißt Mohammad Emwazi, ist 26 Jahre alt und stammt aus West-London. Das berichten die "Washington Post" und eine Reihe britischer Medien übereinstimmend.

Emwazi ist, obschon verhüllt, Stimme und Gesicht des IS. Er taucht in fast allen Videos auf, stets vor den barbarischen Enthauptungen der Geiseln. Zuletzt vermutlich vor zehn Tagen bei der Ermordung von 20 koptischen Christen an einem Strand. Einige der Enthauptungen soll er persönlich begangen haben.

Über seine Identität war lange spekuliert worden; das FBI und die britischen Geheimdienste behaupteten schon vor Monaten und unmittelbar nach der Hinrichtung der amerikanischen Geisel James Foley, ihnen sei der Klarname und sein Hintergrund bekannt. Das ist nicht unwahrscheinlich.

Zurückhaltend, gebildet - und im Auge des Geheimdienstes

Emwazi wurde in Kuwait geboren und kam im Alter von sechs Jahren nach London. Bekannte beschreiben ihn als eher zurückhaltend freundlich und wohlerzogen und scheu im Umgang mit Frauen. Er studierte Informationstechnologie und landete offenkundig schon vor einigen Jahren auf dem Radar des Inlandsgeheimdienstes MI5. Die "Washington Post" berichtet, Emwazi sei im Jahre 2009 mit zwei Freunden, darunter ein deutscher Islam-Konvertit namens Omar, nach Tansania gereist, um an einer Safari teilzunehmen. Kaum gelandet, wurden sie festgenommen vom tansanischen Geheimdienst, befragt und offenbar auch bedroht. Man verweigerte die Einreise und steckte Emwazi in ein Flugzeug Richtung Amsterdam. Dort wurde er von einem MI5-Agenten namens "Nick" empfangen und beschuldigt, mit der somalischen Terrorgruppe al-Shabaab zu sympathisieren. Über diesen Vorfall hatte die englische Zeitung "Independent" bereits im Mai 2010 berichtet.

Fortan stand er jedenfalls unter Beobachtung der Dienste. Es heißt sogar, der MI5 habe ihn anwerben wollen. Emwazi nahm Kontakt auf mit der Organisation "Cage", die sich für Gefangene im Zuge des "war on terror" einsetzt. Er wird mit den Worten zitiert: "Sie wussten alles über mich. Wo ich lebte, was ich tat, und kannten auch die Leute, mit denen ich zu tun hatte".

Vom britischen Studenten zum IS-Schlächter

Er zog in sein Geburtsland Kuwait, arbeitete dort für eine Computerfirma und wollte offenkundig heiraten, wie aus Mails an "Cage" hervorgeht. Zweimal besuchte er noch London, wurde abermals festgenommen und auch daran gehindert, Großbritannien zu verlassen. Er fühle sich "gefangen und kontrolliert vom Geheimdienst", notierte er im Jahre 2010.

Bekannte von früher sagen, diese Phase London habe ihn schließlich radikalisiert und seinen Wunsch befeuert, seine Wahlheimat zu verlassen. Er versuchte sogar, einen Job als Englisch-Lehrer in Saudi-Arabien zu bekommen. Auch das scheiterte im Jahre 2012. Danach verläuft sich die Spur des Mannes. Und er taucht erst im Sommer vergangenen Jahres wieder auf. Auf jenen grausamen IS-Videos: das Gesicht verhüllt, ein Messer in der Hand, die Botschaften unnachgiebig und grausig.

Gefangene gaben ihm im Übrigen den Spitznamen John. Er war einer von vier IS-Kämpfern mit britischem Akzent, die die Geiseln intern nur die "Beatles" nannten. Einen riefen sie George, aus Mohammed Emwazi wurde John und dann "Jihadi John". Ein junger Mensch von Mitte 20, aufgewachsen und studiert in London. Und nun einer der meist gehassten und gesuchten Männer der Welt.